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Kindersoldaten-Jagd

von Hans-Martin Große-Oetringhaus

Pu Ti hält den Atem an. Vorsichtig schiebt er das Reisstroh etwas auseinander, um besser sehen zu können. Und hören kann er ohnehin alles, so laut wie sie sind. Pu Ti hat den Lastwagen und die beiden Jeeps, die sich dem Dorf genähert hatten, schon von weitem vernommen. Dass das nichts Gutes bedeuten kann, hat er sofort gewusst, hat sich in den Haufen Reisstroh geworfen, weil er dort gerade die Hühner füttern wollte, und hat das Stroh wieder über sich zusammengezogen. Denn solche Wagen hat das Militär. Und wenn die in ein Dorf kommen, dann kann das nur eines bedeuten: Sie suchen nach Kindern und Jugendlichen, die mit ihnen ziehen und für sie arbeiten sollen. Die Nachbardörfer haben sie bereits durchkämmt und alle Kinder mitgenommen, die ihnen nützlich erschienen sind.


Die Soldaten laufen von Hütte zu Hütte, stoßen die Türen auf und brüllen die Bewohner an. »Wo sind deine Kinder?«, hört er einen seinen Vater anschreien. Der weist mit einer Kopfbewegung stumm auf Seng Raw, die im Arm von Pu Tis Mutter liegt. Aber für Babys interessieren sich die Soldaten nicht. »Und die anderen?«, brüllt der Soldat und hantiert aufgeregt an seinem Maschinengewehr.
»Ich habe nur das Mädchen«, hört Pu Ti seinen Vater sagen. Ob er weiß, dass ich sie gesehen und mich versteckt habe, denkt Pu Ti. Oder fürchtet sein Vater, dass er jeden Augenblick zurückkommt, dass er dann mitgenommen wird und die Soldaten ihm selbst für die Lüge eine Lektion erteilen werden?
»Das glaubst du doch selbst nicht!«, hört Pu Ti wieder die Stimme des Soldaten.
Aber dann dringt eine andere Stimme aus dem Haus des Nachbarn: »Kommt mal! Hier ist einer.«


Dann hört er schnelle Stiefelschritte und das verzweifelte Weinen der Nachbarin. Sie nehmen Myo Y mit. Pu Ti ist sich ganz sicher. Er möchte losstürmen und die Soldaten daran hindern. Aber er weiß nur zu gut, dass er nichts ausrichten kann. Dass sie ihn dann auch noch mitnehmen. Und er fühlt sich elend, seinen Freund im Stich lassen zu müssen. Vielleicht fühlt sein Vater sich jetzt auch so und schämt sich, seinen Sohn zu verleugnen.


Sie zwingen einen, nicht nur mit ihnen zu gehen und ihnen bei ihrem tödlichen Geschäft zu helfen, sondern auch, diejenigen zu verraten, die einem am liebsten sind. Es fällt Pu Ti schwer, mit so viel Wut und Verzweiflung ruhig im Reisstroh zu warten, bis sich das Geräusch der Motoren wieder vom Dorf entfernt hat.


Aus:
Hans-Martin Große-Oetringhaus
Lebenswelten Jugendlicher und Globalisierung
© Persen Verlag, Buxtehude

Unterrichtsfragen zum Text »Kindersoldaten-Jagd«

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