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Interview

Vernor Muñoz Villalobos ist costa-ricanischer Rechtsanwalt, Pädagoge und Philosoph. Muñoz war von August 2004 bis Juli 2010 UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung und berichtet dem UN-Menschenrechtsrat in Genf. Mit ihm sprachen wir über das Thema Bildung und die Schwierigkeiten des deutschen Bildungssystems bei der qualifizierten Förderung von Kindern.

»Auslese führt zu Diskriminierung…«

Interview mit dem internationalen Bildungsexperten Prof. Dr. Vernor Muñoz Villalobos 

Was ist eigentlich das Ziel von Bildung?

Im politischen Kontext wird darunter der Zugang aller Menschen zu Bildung und einem erfolgreichen Abschluss im jeweiligen Bildungssystem verstanden. Dieses Verständnis hat dazu geführt, dass man das Recht auf Bildung oft mit bloßer Schulpflicht gleichsetzt und vergisst, dass die Nicht-Angemessenheit der Unterrichtsinhalte diskriminieren kann. Auch bestimmte Unterrichtsmethoden können die Verletzbarkeit bestimmter Schülergruppen vergrößern und sie ausschließen.

Können Sie dies an einem Beispiel erläutern?

Oft haben Schüler mit Migrationshintergrund größere Verstehens- und Lernschwierigkeiten als einheimische Kinder. Ähnliches gilt für in irgendeiner Form behinderte Kinder. Was ich meine ist, dass jeder Mensch nicht nur ein Recht auf Zugang zu Bildung hat, sondern auch auf eine ihm angemessene, qualitativ hochwertige Bildung. Wobei Qualität nicht ausschließlich den über Schule organisierten Erwerb von Wissen und Fertigkeiten bedeutet. Bildung geht über Schulpflicht hinaus. Bildung umfasst auch das Recht auf gehaltvolle, lebenstaugliche Lernprozesse und Erfahrungen, die es Kindern und Jugendlichen, individuell und kollektiv, erlauben, ihre Persönlichkeit, Talente und Fertigkeiten zu entwickeln. Jenseits der formalen Möglichkeit des Bildungszugangs und –abschlusses, ist das Ziel von Erziehung, die Voraussetzung zu schaffen, damit jeder Mensch ein in jeder Hinsicht zufriedenes und würdiges Leben leben kann.

Haben Sie den Eindruck, dass das deutsche Bildungssystem diesem Ziel gerecht wird?

Streng genommen gibt es nicht »das« deutsche Bildungssystem. Aufgrund der Kulturhoheit der Länder kann jedes Bundesland Bildung nach eigenen Vorstellungen organisieren. Weshalb es zum Teil recht deutliche Unterschiede zwischen den Ländern gibt. Man kann diese Unterschiedlichkeit als Chancenvielfalt sehen. Sie kann aber auch dazu führen, dass die fehlende Einheitlichkeit Kindern, die mit ihren Eltern von einem Bundesland in ein anderes umziehen, Nachteile bringt. Chancen scheinen also auch davon abzuhängen, wo man lebt und zur Schule geht. Noch schwieriger ist es, Kindern mit Migrationshintergrund oder Behinderung gleiche Bildungschancen zu garantieren. Dies hat mit der frühen Einstufung zu tun. Auf der Grundlage einer persönlichen Bewertung durch den Klassenlehrer werden 10-Jährige klassifiziert und dem mehrgliedrigen Schulsystem zugeordnet. Viele Untersuchungen und Studien zeigen, dass dieses Verfahren den Kindern nicht gerecht wird.

Deutschland hat alle internationalen Bildungsabkommen ratifiziert. Bildung ist ein in der Verfassung festgeschriebenes Recht. Worin besteht dann das Problem?

Das Hauptproblem sehe ich in dem selektiven Charakter des Bildungssystems. Auslese führt zu Diskriminierung und Ausschluss. Dies ist insbesondere wieder bei Migrantenkindern und Kindern mit Behinderung der Fall, aber auch bei armen und sozial benachteiligten Kindern. Es ist offensichtlich, dass sie durch die frühe Auslese noch weiter benachteiligt werden. Bezogen auf Migrantenkinder zeigt sich zum Beispiel eine deutliche Überrepräsentanz in der Hauptschule und Unterrepräsentanz im Gymnasium. Von daher kann man feststellen, dass diese Kinder doppelt benachteiligt sind: Erst durch ihre Herkunft und dann durch ihre Bildungszuweisung. Mir scheint es einen Zusammenhang zwischen der deutschen Bildungsstruktur, der Ausbildung der Lehrer, die die Auslese vornehmen, und der Herkunft der Schüler zu geben. Hinzu kommt, dass diese sehr frühe Selektion in Deutschland -international gesehen- untypisch ist. Das dreigliedrige Schulsystem hat eine lange und stark verankerte Tradition in Deutschland. Es zeigt sich aber, dass dieses Bildungssystem einen bestimmenden Einfluss auf die Schulkarriere, die Bildungsqualität und den Schulerfolg hat. Ergänzende Angebote wie die »alternative« Gesamtschule führen im Prinzip, wenn auch in etwas weicherer Form, die »traditionelle« Auslese fort.

In letzter Zeit wird immer häufiger von Inklusion gesprochen. Können Sie uns den Unterschied zwischen Integration und Inklusion erläutern?

Integration geht davon aus, dass die Schüler, sagen wir einer bestimmten ethnischen oder kulturellen Minderheit, sich in das Bildungssystem einpassen. Was in der Regel dazu führt, dass sie ihre Muttersprache, ihre eigene Weltsicht und kulturellen Eigenheiten verlernen. Die Schüler passen sich also an das herrschende System an. Das System bleibt unveränderlich und steif in seiner Verfasstheit. Im Gegensatz dazu möchte Inklusion die sozio-kulturellen Charakteristika der Schüler anerkennen und schätzen, ja sie sogar als Bereicherung des Bildungssystems begreifen.

Das heißt: Nicht der Lernende passt sich ans System an, sondern das System an den Lernenden. Dazu braucht es entsprechend flexible, die persönlichen und kulturellen Charakteristika würdigenden Bildungssysteme. Bezogen auf behinderte Kinder verlangt dies die Anerkennung ihrer Fähigkeiten als verschieden, aber gleichwertig und ohne sie prinzipiell aus der Regelschule auszuschließen. Inklusion kommt allen zugute, sie erlaubt allen Lernenden miteinander und voneinander zu lernen. Sie anerkennt die unterschiedliche Herkunft und Begabungen. Wenn sich das Bildungssystem der sozialen und kulturellen Vielfalt anpasst, bereichert es sich.

Was muss geschehen, damit Bildung in Deutschland tatsächlich eine Bildung für alle wird, aufbauend auf den Menschenrechten und dem Dialog zwischen den Kulturen?

Ich glaube, das Bildungssystem muss durchlässiger werden. Angesichts der Tatsache, dass Kinder aus ganz unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergründen kommen, unterschiedliche Voraussetzungen und Fähigkeiten mitbringen, muss sich das Bildungssystem stärker an ihren Bedürfnissen und Rechten messen. Die Anerkennung der Vielfalt ist dafür die Grundvoraussetzung. Interkultureller Dialog ist weder ein Schulfach noch eine Unterrichtsform. Sie ist eine Voraussetzung, ein Horizont und eine Lernmethode, die alle Bildungssysteme unserer globalisierten Welt charakterisieren sollte. Das Bemühen um eine qualitativ bessere Bildung kann nur dann erfolgreich sein, wenn die Bedingungen für alle Lernenden gerecht und gleich sind. Das gilt für Zugang und Dauer, aber ebenso für Unterstützung und Beachtung der Lernbedürfnisse jeden Kindes. Wird Bildung nicht als ein jedem einzelnen Kind zustehendes Menschenrecht verstanden, wird es schwierig werden, auf die speziellen Bedürfnisse jener Kinder einzugehen, deren Eltern oder Großeltern als »Gastarbeiter« und Zuwanderer nach Deutschland kamen. Aktuell die größten Schwierigkeiten haben Kinder und Jugendliche, die illegal in Deutschland leben. Unabhängig davon, ob es sich um alleinstehende (»unbegleitete minderjährige Flüchtlinge«) oder bei ihren Eltern lebende Minderjährige handelt, sind sie Opfer von Stigmatisierung und Verfolgung. Teilweise werden ihnen selbst Grundrechte, wie das Recht auf Bildung, vorenthalten.

Feb. 2012

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