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Vielfalt schützt vor Hunger Teil 1

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Der 13-jährige Severo kann zufrieden sein. Er lebt in dem 3.600 Meter über dem Meeresspiegel gelegenen bolivianischen Bergdorf Calapakheri. Und in dem von ihm bewirtschafteten Gemüsegärtchen wachsen unter einem meist blauen Himmel nicht nur Zwiebeln, Karotten und Salat für den eigenen Mittagstisch. Mit dem Verkauf des Überschusses besorgt er sich auch noch das Material für die Schule. Dort hat er den Gemüseanbau auch kennengelernt: Auf freiem Feld und in der Trockenzeit in kleinen Gewächshäusern, in denen auch Mangold, Kamille oder Paprika gedeihen. Vor allem aber Tomaten und die grünen oder roten Pfefferschoten, die in die "Llajua" gehören. Dies ist eine Vitamin C-reiche Sosse, die ein guter Schutz vor Erkältungen in den kalten heizungslosen Nächten hier im Norden von Potosí ist. Meist wird sie zu Kartoffeln und anderen Knollenfrüchten wie der Oca oder Papaliza gegessen. Noch vor dem Getreide stellen sie hier das Hauptnahrungsmittel dar. Für die kleineren Kinder ist die scharfe Llajua nichts, und es ist auch nicht so, dass jedes Gemüse bei allen auf Begeisterung stößt. Doch die Vielfalt reicht, dass jeder an Nährstoffen bekommen kann, was er braucht.

Jetzt im April ist Erntezeit. An den Hängen sieht man die mit ihren Hacken über den Acker gebückten Bauernfamilien, und große Säcke, die sich langsam mit Kartoffeln füllen. Nur auf die Äcker des Bauern Gerardo aus dem in Luftlinie fast in Sichtweite gelegenen, aber mit dem Jeep über gewundene, steinige Wege einige Stunden entfernten Suthawaña, war mehrmals Hagel niedergegangen. Gerade dreieinhalbmal so viele Kartoffeln, wie er gesät hatte, konnte er dieses Jahr aus dem Acker holen. Und davon ist ein Teil auch noch von Würmern zerfressen. Immerhin hatte er zwischen die Kartoffeln auch Quinoa gepflanzt, die Hagel und Kälte besser widerstehen. Das Saatgut dafür hatte die Nichtregierungsorganisation Pusisuyu zur Verfügung gestellt, die seit vielen Jahren Projektpartner von terre des hommes ist. Dies, ebenso wie das Saatgut und die Plastikplane für das Gewächshaus des 13-jährigen Severo wurde von terre des hommes und dem Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziert. Die Ingenieure von Pusisuyu hatten für Bauer Gerardo auch gegen Hagel resistentere, weil schmaler in die Höhe wachsende Kartoffelsorten im Angebot. Doch wenn das Wetter günstig ist, sind die Erträge dieser widerstandsfähigen Sorten etwas geringer. Die Bauern müssen sich entscheiden, ob sie für eine möglicherweise höhere Ernte auch ein höheres Risiko eingehen wollen.

Lieber etwas weniger, aber dafür eine sichere Ernte
Die meisten ziehen inzwischen wieder eine sichere Ernte vor. 29 Kartoffelarten werden insgesamt in der Region angebaut. Dank der Arbeit von Pusisuyu haben die Bauern in den elf Projektgemeinden die Anzahl der angebauten Kartoffelarten pro Familie in zwei Jahren von sieben auf elf gesteigert. Denn nachdem der Klimawandel das Wetter unberechenbarer gemacht hat und viele Bauern nicht mehr wie ihre Großeltern die Vorzeichen der Natur zu verstehen wissen, um sich auf die Wetterbedingungen einzustellen, hilft das Projekt, verlorenes Wissen zurückzugewinnen. Nicht nur Hagel, zeitweise extremer Kälte und längeren Trockenphasen ist zu trotzen. Statt dem früher andauernden Landregen kommt es heute immer häufiger zu sturzbachartigen Wolkenbrüchen, die den fruchtbaren Boden wegschwemmen. Auch hier wissen die Agraringenieure von Pusisuyu Rat. Terrassen haben die Bauern in der Region schon seit Urzeiten angelegt, auch wenn viele inzwischen verfallen sind, sagt Jhonny Herbas, der für dieses Projekt die Woche über eine Lehmhütte in Suthawaña zu seinem Zuhause gemacht hat. Wir zeigen ihnen, wie die Terrassen exakt auf der Hanglinie angelegt werden, damit die Regenfälle ihnen nichts anhaben können.

Geröllhalden werden in fruchtbare Äcker verwandelt
Jhonny bringt uns hoch in die Berge vor Suthawaña zu einer Gruppe von 17 Familien. Kinder, Jugendliche bis hin zu ein paar Alten haben seit den Morgenstunden einen Abhang voller Geröll in terrassenförmige bebaubare Ackerflächen verwandelt. Unter den Steinbrocken, die an den Rändern der Felder zu Wällen aufgeschichtet werden, taucht Muttererde auf, die auch bei Sturzregen nicht mehr weggewaschen wird, sondern sich hinter den Mauern zu Terrassen ansammelt. Die werden zusätzlich mit der Anpflanzung von Kiefern und einheimischen Baumsorten verstärkt. Sind die Bäume erst einmal gewachsen, verbessert sich auch das Mikroklima. Selbst Obstbäume können dann im Schutz gedeihen, weiß der 45-jährige Don Olimpio, der die Gruppe organisiert und zusammenhält. Er hat sieben Kinder zu versorgen - die Größeren in Schulinternaten - und den Anbau von Pfirsichbäumen selbst schon erprobt. Zudem sind die Bäume ein zusätzlicher Schutz gegen das wechselhafte Wetter.

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