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Kinderarbeit in der indischen Textilindustrie

Interview mit Prithiviraj von der Organisation CARE-T

Wie viele Mädchen arbeiten unter dem Sumangali-System?

Etwa 260.000 junge Mädchen und Frauen. Ungefähr 187.000 davon sind zwischen 13 und 18 Jahre alt.

Widerspricht diese Praxis nicht dem indischen Recht?

Ja, denn es gibt in Indien Gesetze, die Kinderarbeit und Sklaverei verbieten. Trotzdem arbeiten die Mädchen ohne Schutzrechte und werden ihrer Freiheit beraubt. Das Problem ist, dass die geltenden Gesetze nicht durchgesetzt werden.

Was fordern Sie von der indischen Politik?

Grundsätzlich fordern wir, dass Kinder erst ab 18 arbeiten sollten. Um das Sumangali-System zu ändern, müsste man zudem menschenrechtliche Standards durchsetzen. Es geht um bessere Sicherheitsbestimmungen, es geht um das Recht der Mädchen, die Fabrik, in der sie arbeiten, frei zu wählen. Sie dürfen nicht isoliert werden. Und es muss für sie der indische Mindestlohn gelten. Die Arbeitszeiten müssten fest geregelt sein, ebenso der Anspruch auf Ruhe und Urlaub. Der Lohn sollte auf ein Bankkonto eingezahlt werden, über das die Mädchen frei verfügen können. Es geht im Grunde um die Durchsetzung grundsätzlicher Regeln und Rechte. Kurz: Das Sumangali-System muss in ein faires Arbeitsverhältnis, in dem gesetzliche Regeln gelten, überführt werden.

Was tut Ihre Organisation gegen Sumangali?

Wir waren die ersten, die in der Öffentlichkeit auf das Problem aufmerksam gemacht haben. Wir gehen in die Gemeinden und Dörfer, um die Menschen über die Gefahren des Sumangali-Systems aufzuklären. Wir unterhalten aber auch Rehabilitationszentren für die Opfer von Sumangali. Dort werden die Mädchen nicht nur psychisch und sozial betreut. Wir wollen sie auch fit für die Gesellschaft machen und geben ihnen die Chance, eine Ausbildung zu machen oder die Schule zu besuchen. Ein Mädchen aus unserem Reha-Zentrum ist Polizistin geworden, eine andere Regierungsangestellte. terre des hommes hat den Anstoß zu dieser Arbeit gegeben. Mittlerweile gibt es aber auch in Indien Politiker, Journalisten und andere Akteure, die sie unterstützen. So können wir die Programme weiter ausbauen.

Was fordern Sie von den Textilkonzernen?

Auch an die Industrie ist unsere generelle Forderung, niemanden unter 18 Jahren zu beschäftigen. Dazu muss es ein Kontrollsystem geben. Die meisten Konzerne kaufen die Textilien in Indien, sind sich ihrer sozialen Verantwortung aber nicht bewusst oder ignorieren sie. Wenn Missstände bekannt werden, brechen sie die Geschäftsverbindungen ab und kaufen die Textilien in einem anderen Land. Die Konzerne blenden aus, dass sie Teil des Problems sind, dass sie aber ein Teil der Lösung sein könnten oder müssen. Wir nehmen sie deshalb in die Verantwortung, bitten sie aber auch, unsere Projekte für die Opfer des Sumangali-Systems zu unterstützen.

Das Interview führte Michael Heuer

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