Was ist das Sumangali-Schema?

Junge Mädchen und Frauen, die älter als 14 Jahre sind, werden in Spinnereien und Fertigungsbetrieben mit einem mehrjährigen Vertrag angestellt. Sie gelten als »Lehrlinge«.  Die Verträge sind häufig nicht direkt mit den Textilbetrieben geschlossen, sondern mit Mittelsmännern, die die Mädchen aus Dörfern im Umkreis rekrutieren.

Das Wort »Sumangali« bedeutet auf Tamil: »Braut« und »die Wohlstand bringt«. Das Geld, was die Eltern von den Zwischenhändlern erhalten, nutzen vor allem arme Familien als Zuschuss zum Brautpreis ihrer Töchter, der bei einer Heirat an die Familie des Mannes gezahlt werden muss.

Die Arbeiterinnen bekommen ein Taschengeld – etwa 20 Euro im Monat – und das Versprechen eines Bonus zwischen 500 und 800 Euro nach Ende des meist dreijährigen Vertrages. Kosten für Unterkunft und Verpflegung werden vom Taschengeld abgezogen, so dass den Arbeiterinnen häufig nicht einmal zehn Euro pro Monat ausgezahlt werden. Das Taschengeld und der Bonus liegen zusammengenommen unter dem gesetzlichen Mindestlohn für ungelernte Arbeiter.

Familienkontakt verboten

Die Mädchen werden in Unterkünften auf den Fabrikgeländen untergebracht und dürfen das Gelände nicht allein verlassen. Kontakte zu Familien sind untersagt. Die Unterkünfte sind häufig überfüllt und haben völlig unzureichende sanitäre Anlagen. Die Sumangali-Arbeiterinnen leisten in der Regel Zwölfstunden-Schichten an sechs Tagen der Woche und werden häufig zu zusätzlichen Nachtschichten und Überstunden herangezogen. Die Arbeit in Spinnereien gefährdet die Gesundheit, vor allem durch die hohe Staubbelastung und den ohrenbetäubenden Lärm.

Arbeitsunfälle durch veraltete und schlecht gewartete Maschinen sowie Übermüdung sind häufig. Bei den Unfällen handelt es sich vor allem um Schnittverletzungen an den Händen. Besonders schwerwiegend sind dabei Verletzungen, die zum Verlust von Fingern führen.

Aus Verzweiflung Selbstmord

Berichte örtlicher Nichtregierungsorganisation bestätigen, dass viele der Arbeiterinnen kurz vor Ableistung des Vertrages unter Vorwänden entlassen werden und ihnen der versprochene Bonus nicht ausgezahlt wird. Die Mädchen sind Beschimpfungen, Schlägen und sexueller Belästigung durch Aufseher ausgesetzt. Täglich versuchen Mädchen, aus den Fabriken zu fliehen. Selbstmordversuche, bei denen die Mädchen sich mit Hilfe von Pestiziden oder Benzin das Leben zu nehmen versuchen, sind an der Tagesordnung.

Das Sumangali-Scheme ist auch nach indischem Gesetzt illegal: Die Praxis des Brautpreises ist bereits seit 1961 verboten, aber bis heute weit verbreitet. Die Vorenthaltung von Lohn ist ebenso untersagt, wie die Bezahlung unterhalb des gesetzlich festgelegten Mindestlohnes. Die Spinnereilobby versucht diese Bestimmung zu umgehen, indem sie die Arbeiterinnen als Lehrlinge deklarieren.

Nach der ILO Konvention 182, die Indien allerdings - noch - nicht unterzeichnet hat, gehört das Sumangali-Scheme zu den schlimmsten Formen der Kinderarbeit.

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