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»Geld ersetzt keine Liebe«

Straßenkinder in Deutschland: Drei Fragen an den Fachautor Uwe Britten

Uwe Britten, Jahrgang 1961, ist Autor mehrerer Bücher, die sich mit der Situation von Straßenkindern in Deutschland befassen.

Uwe Britten, Sie beschäftigen sich seit über zehn Jahren mit »Straßenkindern« in Deutschland. Wie viele gibt es denn nun eigentlich und sind das wirklich »Kinder«?
Nun, es gibt verschiedene Zahlen. Die letzte Bundesregierung unter Helmut Kohl sprach nach einer Schätzung anhand der offiziellen Vermisstenstatistik von 5.000 bis 7.000 Minderjährigen, die in Deutschland »auf der Straße« lebten. Nach einer Befragung, die ich für terre des hommes durchgeführt habe, lässt sich hochrechnen, dass die Hilfeeinrichtungen jährlich rund 9.000 solcher Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen betreuen. Das sind natürlich nur die, die »in Erscheinung« treten. Ich persönlich halte jede Schätzung bis 20.000 für realistisch. Um »Kinder« im juristischen Sinn, also unter 14-Jährige, handelt es sich dabei eher selten, obwohl es sie gibt. Die meisten Einrichtungen betreuen bis zu 23-Jährige.

Lässt sich die Situation der Straßenkinder in Deutschland mit der in der sogenannten »Dritten Welt« vergleichen?
Wir haben in Deutschland weder Dritte-Welt- noch Osteuropa-Verhältnisse. Bestimmte Anlässe wie grobe Vernachlässigung, Gewalt, sexueller Missbrauch gehören natürlich hier wie dort zum Bedingungsgefüge. Wir müssen aber kulturelle Unterschiede im Auge behalten. Wir sind eines der reichsten Länder dieser Erde, und bei uns haben Familien so gut wie nie Probleme, alle Mitglieder zu ernähren. Außerdem verfügen wir über ein ausgefeiltes psychosoziales Hilfesystem. Wir müssen uns also vor dem Hintergrund unserer eigenen kulturellen Bedingungen die Frage stellen: Was gelingt uns da nicht?

Und: Was gelingt uns da nicht?
Offenbar finden bei uns viele Kinder und Jugendliche ihren Platz nicht. Wer wegläuft, der sucht. Eltern genauso wie Lehrer oder Ausbilder müssen lernen, dem jungen Menschen zu vermitteln: Du gehörst hierher zu uns. Du bist »richtig« und wir wollen dich unter uns haben. Uns bricht ein psychosozialer Kitt weg, der soziale Begegnung schon in der Familie frustrierend und der die Kinder einsam macht. Geld kann man eben nicht nur nicht essen, es kann einen auch nicht lieben.

Das Interview führte Stephan Stolze.

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