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»Schule statt Ausbeutung« - Wie terre des hommes-Partner in Mali Kindern helfen

Interview mit Mamoutou Dembelé, terre des hommes-Länderkoordinator für Westafrika in Mali

Die deutsche Regierung bezeichnet Afrika als einen schlafenden Riesen, der nur darauf wartet, zum Leben erweckt zu werden. Was ist von dieser Idee zu halten?

Das ist durchaus richtig. Die Länder Afrikas haben ein riesiges Potential: lokal, regional und national. In Mali etwa haben wir große Bodenschätze, zum Beispiel Gold. Das größte Problem für Mali ist, dass die Regierung leider nicht in der Lage ist, gute Verträge auszuhandeln, die der malischen Bevölkerung auch etwas nützen. Bislang ist es so, dass das Ministerium für Minen, Energie und Wasser – eines der größten in der malischen Regierung – allein zuständig für die Gestaltung von Verträgen mit den entsprechenden Unternehmen ist. Die Verträge gehen weder zur Abstimmung durch das Parlament, noch wird ihnen besondere Bedeutung beigemessen, da es so viele andere, vermeintlich dringendere Probleme im Land gibt. Natürlich spielt bei solchen Verhandlungen über Abbaukonzessionen auch die Korruption eine Rolle. Hinzu kommt, dass Mali selbst nicht in der Lage ist, die vorhandenen Bodenschätze abzubauen. Hierfür fehlen schlicht die Mittel. Weder die Interessen der Bevölkerung Malis noch Aspekte des Umweltschutzes werden bei der Aushandlung der Verträge mit ausländischen Bergbaukonzernen in dem Ausmaß berücksichtigt. Häufig entsprechen die Verträge nicht einmal bestehenden Gesetzen.

Was wäre nötig, damit die malische Bevölkerung von dem Reichtum des Landes profitiert?

Damit der Abbau der Bodenschätze nicht auf dem Rücken der Menschen ausgetragen wird, müssen wir dafür Sorge tragen, dass die Bevölkerung über die Gefahren des Bergbaus besser informiert wird. Bildung und Wissen spielt hier eine wichtige Rolle, aber auch die Medien, die intensiver und kritischer über die Bergbauproblematik berichten müssten. Wenn die Gemeinden vor Ort gestärkt werden, können sie der Regierung auf die Finger zu schauen und dafür sorgen, dass auch die Interessen von Frauen, Kindern, von Alt und Jung gewahrt werden.

Wie ist derzeit die politische Situation in Mali? Welchen Einfluss haben die fundamentalislamistischen Gruppen auf die Sicherheit des Landes?

Die politische Situation ist ruhig, aber instabil. Die Diskussionen und der gesamte Friedensprozess  laufen in Algerien. Rebellen, Regierung und die internationale Gemeinschaft sitzen zusammen am Tisch. Die malische Regierung will auf jeden Fall ein unabhängiges Territorium im Norden Malis verhindern. Die  islamistischen Rebellen wollen genau das verwirklichen und sie instrumentalisieren den Islam. Ein Ausweg aus der Krise könnte darin liegen, die Entwicklung im Norden des Landes zu fördern und das riesige Land Mali politisch zu dezentralisieren, also die Eigenständigkeit der Regionen zu fördern.

Wegen der instabilen politischen Lage im Norden Malis fliehen viele in den Süden des Landes. Über die Hälfte der Flüchtlinge sind Kinder. Wie ist ihre Situation und wie hilft terre des hommes?

Den Kindern, die aus dem Norden in den Süden gekommen sind, fehlt es vor allem an sozialem Anschluss und Bildung. Sie haben ihre Schulen im Norden verlassen und müssen nun in die Schulen im Süden integriert werden. Ein anderes wichtiges Thema ist die Ernährungssicherung. Viele Familien mussten sehr plötzlich fliehen und zunächst bei Familien im Süden unter oder mussten sich vor Ort, meistens in Bamako oder Mopti, eine Bleibe suchen.  Sie haben kein Geld für Essen und können auch nirgendwo Nahrung anbauen, um davon zu leben. Unsere Projektarbeit konzentriert sich deshalb auf die Städte Bamako und Mopti. Hier verteilen unsere Partnerorganisation Getreide an die Flüchtlingsfamilien, aber auch an die Familien, die Flüchtlinge aufgenommen haben.

Um den Kindern den Einstieg in die Schule zu erleichtern, haben wir zum Beispiel Schulmaterial zur Verfügung gestellt. Das war notwendig, weil jede Schule in Mali nur ein bestimmtes Budget zur Verfügung hat und dieses Geld für die vielen Flüchtlingskinder nicht mehr ausreichte. Kinder, die ihre Eltern verloren haben und traumatisiert sind, werden sie von Betreuern psychologisch begleitet.

Warum verlassen viele junge Mädchen ihre Dörfer, um in der Stadt als Hausmädchen zu arbeiten?

Sie gehen in die Städte, um dort Geld für ihre Mitgift zu verdienen oder sie müssen oder wollen ihre Familien finanziell unterstützen. Denn in Mali gibt es sehr viele Kleinbauern. Um arbeiten zu können, brauchen sie beispielsweise einen Pflug oder Karren. Damit sich die Familie diese Gerätschaften leisten kann, unterstützen die Mädchen ihre Familien mit ihrem Verdienst als Hausangestellte.

Es gibt aber auch Gründe, die nicht so offen gesagt werden: Mädchen wollen der Zwangsheirat entfliehen – das ist ebenfalls ein wichtiger Grund. Wenn man mit den Mädchen in Bamako redet, wird das sehr deutlich.

Kann ein Mädchen, das von zu Hause geflohen ist, später zurückkommen?

Mädchen, die sich weigern zu heiraten und sich dem Willen der Eltern widersetzen, werden in der Regel von den Familien verstoßen. Sie bleiben dann alleine in der Stadt und sind den dortigen Gefahren ausgesetzt. Oft werden Hausmädchen von ihren Dienstherren belästigt oder vergewaltigt. Kompliziert wird es, wenn sie schwanger werden, denn in Mali ist es nicht erlaubt, unverheiratet schwanger zu sein.

Viele Hausangestellte werden zudem wirtschaftlich ausgebeutet. Sie müssen den ganzen Tag arbeiten, haben kaum Freizeit und werden teilweise oder ganz um ihren Lohn betrogen. Ich kenne Fälle, in denen Mädchen monatelang im Haushalt einer Familie arbeiteten, und am Ende erhielten sie überhaupt keinen Lohn.

Was tut terre des hommes dagegen?

Wir ermutigen die Mädchen in ihren Dörfern zu bleiben, und wir schaffen für die Familien Einkommensmöglichkeiten vor Ort. Unsere Projektpartner legen Gemüsegärten an und geben Tipps für gesunde Mahlzeiten. Außerdem bekommen die Frauen Kleinkredite. Unsere Erfahrung zeigt, dass der Respekt gegenüber Frauen steigt, sobald sie über ein eigenes Einkommen verfügen.

Außerdem sind wir in Schulen unterwegs und weisen auf die ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse hin. Zudem haben wir einen Austausch zwischen zurückgekehrten Hausangestellten und jungen Mädchen, die in die Stadt wollen, organisiert. Darüber hinaus handeln wir bessere Arbeitsbedingungen mit den Arbeitgebern aus. Und wir helfen den Hausmädchen, sich gemeinsam für ihre Rechte zu engagieren.

Welche Perspektiven sehen Sie für die weitere Projektarbeit von terre des hommes in der Region?

Wir werden den Kindern helfen, die in den Goldminen arbeiten müssen. Sie gehen nicht zur Schule, sondern schuften unter lebensgefährlichen Bedingungen in engen Stollen, die für Erwachsene zu niedrig sind. Viele Kinder waschen Gold mit Hilfe von Quecksilber, das extrem giftig für Mensch und Umwelt ist; sogar junge Frauen mit Babys auf dem Rücken hantieren damit. Hier wollen wir über die Gefahren aufklären und dafür sorgen, dass Kinderarbeit in den Goldminen gestoppt wird.  

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