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Giftige Erde

In Sambia macht eine stillgelegte Mine Kinder krank

Cornelius Katitis freundliches Lächeln steht in ziemlichem Gegensatz zum Inhalt seiner Begrüßungsworte: »Herzlich willkommen in der bleiverseuchten Gemeinde«, so empfängt der Ortvorsteher gerne seine Gäste und lacht, als sei das kaum schlimmer, als wenn Chowa für schlechtes Wetter bekannt wäre. Offensichtlich hat er sich, genau wie die Bewohner dieses Vororts von Sambias viertgrößter Stadt Kabwe, mittlerweile mit einer Situation abgefunden, die bei Institutionen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sämtliche Alarmglocken läuten lässt: In Chowa sowie weiteren Ortsteilen zeigen Bodenuntersuchungen eine mehr als sechsmal höhere Konzentration von Blei in der Erde, als nach internationalen Grenzwerten zulässig. Untersuchungen bei Kindern ergaben, dass fast alle dort getesteten Jungen und Mädchen gefährlich erhöhte Bleiwerte im Blut haben. Bei rund einem Drittel überschritten die Ergebnisse die Toleranzschwelle der WHO von zehn Mikrogramm per Deziliter um ein Sechsfaches, doch gibt es auch Extremfälle von bis zu 30 Mal höheren Werten.

Grund dafür, dass Kabwe Studien zufolge als einer der giftigsten Orte Afrikas gilt, ist eine ergiebige Erzader, aus der seit Anfang des 20. Jahrhunderts Blei, aber auch Zink und andere Schwermetalle gewonnen wurden. Die problematischen Reste des seinerzeit unregulierten Verhüttungsprozesses ließen sich in Boden und Flusswasser nieder. Sie erreichen auch 20 Jahre, nachdem die Zechen ihren Betrieb eingestellt haben, über die Bewässerung der Gärten, über Gemüse und in Staubwolken aus Richtung der alten Bergbauhalden die Bewohner des Townships Chowa und ihre Nachbarn in Kasanda oder Makululu.

Dieser toxische Nachlass hat schwerwiegende Auswirkungen: »Bleivergiftung kann zu Erinnerungsverlust, Sprachstörungen, Entwicklungsverzögerungen bei Kindern, Magenproblemen und Gewichtsverlust führen«, erklärt Namo Chuma, Direktor der sambischen Umweltorganisation Environment Africa und Projektpartner von terre des hommes. Kinder seien aufgrund ihrer geringeren Körpergröße und durch das Spielen auf verseuchtem Gelände intensiver den Schadstoffen ausgesetzt und daher besonders gefährdet.

Bodensanierung und Verhaltensregeln

Auch Ortsvorsteher Cornelius Katiti ist im Bilde. Er  unterstützt deshalb tatkräftig ein Projekt, durch das die Grundstücke von rund 200 Familien der Gegend saniert und damit von vergiftetem Boden befreit werden sollen. Dazu türmen sich große Haufen Erde an verschiedenen Straßenecken von Chowa, ein Bagger quetscht sich durch schmale Zuwege in die Gärten der ausgewählten Familien, um alte Erde abzutragen und neuen Belag zu bringen. Ein Trupp Hilfsarbeiter, angeheuert aus der Nachbarschaft und froh über das zusätzliche Einkommen, bedeckt den »gereinigten« Untergrund mit einer Art Gewebetuch, darauf werden Schotter und dann saubere Schwarzerde verteilt, etwa 15 Zentimeter hoch. Es ist eine arme Wohngegend, die Häuser sind klein, die Grundstücke ebenfalls, wer Gemüse anbaut, tut dies zur Selbstversorgung.

Doch manche Tomatenstauden und Kohlköpfe mussten der  Sanierung geopfert werden. »Das war schade um unsere Nahrungsmittel«, sagt Kawanga, eine schwangere junge Frau, die sich das Haus mit fünf anderen Familienmitgliedern teilt. »Aber wir sind natürlich froh, dass etwas für unser Viertel getan wird.« Dem kann auch Irene Kando nur zustimmen. Bei ihr sind die Bauarbeiten schon länger abgeschlossen, neues Gras wächst, ganz so, wie es für den frischen Boden empfohlen wurde. »Gut gemacht«, lobt die Endfünfzigerin die Initiative und berichtet beim Blumengießen von ihren eigenen Erfahrungen: »Meine drei Kinder waren ebenfalls von einer Bleivergiftung betroffen, konnten dann aber Gott sei Dank behandelt werden.«

Irene Kando meint das bis 2011 laufende »Copperbelt Environment Project«, ein von der Weltbank finanziertes und der sambischen Regierung umgesetztes Vorhaben. Es sollte die Folgen der Bleikontaminierung abmildern, und dazu zählte auch die Behandlung von Kindern, bei denen eine Bleivergiftung diagnostiziert worden war. Doch irgendwann ging das Geld aus, der Großteil der Jungen und Mädchen blieb unbehandelt und auch der Schadstoffgehalt im Boden gesundheitlich inakzeptabel hoch.

Entsprechend verhalten, sagt Cornelius Katiti, habe seine Gemeinde daher zunächst auch auf die neue Initiative reagiert, die die Umweltexperten von Environment Africa zusammen mit der amerikanischen Organisation Pure Earth und finanzieller Förderung durch terre des hommes durchführen. Pure Earth leistet dabei die wissenschaftlich-technische Unterstützung, wie etwa die Analyse des Bodens mittels Röntgenstrahlung. So wurden die besonders stark mit Bleirückständen belasteten Grundstücke ermittelt. Die Arbeiten in Chowa folgen nun der kartographischen Erfassung der Kontamination und haben selbst skeptische Anwohner überzeugt.

Öko-Clubs an 30 Schulen

Dies ist auch Menschen wie Herrn Tembo zu verdanken: »Als wir über das Projekt informiert haben, waren die Leute noch ziemlich negativ eingestellt. Sie glaubten nicht mehr daran, dass wirklich etwas getan würde.« Herr Tembo gehört zu den Freiwilligen des Projektes, die als Schnittstille zur Gemeinde fungieren, aus der sie stammen. Der ruhige Mann von Anfang 60 war früher selbst im Bergbau beschäftigt, erinnert sich an gute Zeiten, als die Menschen zumindest Arbeit hatten. Aber er weiß auch um die gesundheitlichen Gefahren, mit denen seine Nachbarn und Freunde seit Jahrzehnten leben, und betreibt nun zusammen mit einigen Mitstreiterinnen und Mitstreitern engagierte Aufklärungsarbeit.

Environment Africa hat Poster und Flyer entwickelt, die die Auswirkungen von Blei auf den Körper sowie einfache Vorbeugungsmaßnahmen erklären – zum Beispiel regelmäßiges Staubwischen mit einem feuchten Lappen, gründliches und getrenntes Waschen der Kleidung, wenn man sich in der Nähe der alten Halden aufgehalten hat. Mit diesem Material und Wissen gerüstet macht Herr Tembo Hausbesuche und organisiert Veranstaltungen für die Ortsansässigen.

Während den Älteren immerhin die besondere Situation ihres Ortes bekannt ist, wissen Kinder und Jugendliche in der Gemeinde kaum etwas über die Auswirkungen des Bergbaus. Deshalb bildet Environment Africa Lehrer, aber auch Jungen und Mädchen als Multiplikatoren aus, die in Öko-Clubs an 30 Schulen der Umgebung aktiv sind. »Es ist wichtig, dass man uns einbezieht. Wir sind schließlich betroffen und müssen unser Wissen an andere weitergeben«, erklärt die 16-jährige Tamara, die zuvor nie von den Gesundheitsrisiken gehört hatte. Jetzt befolgt sie die Vorsichtsmaßnahmen, ebenso wie Francis, der mit ihr an dem Training teilgenommen hat und von einer Nachbarin weiß, die an Bleivergiftung litt.

Der 18-Jährige würde Sambias Präsidenten daher gerne auffordern,  das Gebiet um die Minen sofort abzuriegeln und die Sanierung des Bodens auf die ganze Gegend auszuweiten. Doch auch wenn Francis diese Gelegenheit wahrscheinlich nicht persönlich erhält, so wird seine Stimme doch Gehör finden. Denn Ziel des Projektes ist es, die Ergebnisse zu nutzen, um sie der sambischen Regierung und Akteuren wie der Weltbank zu präsentieren, die ein neues Programm zur Überwindung der Bergbau-Umweltfolgen in Kabwe planen. Was getan werden muss und kann, ist klar. Nicht jedoch, wer schließlich Verantwortung für die Gesundheit der Menschen und damit auch für Kosten wie etwa medizinische Behandlung übernehmen wird.

Claudia Berker

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