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Anwalt statt Armut

Südafrika: Volkswagen Belegschaften unterstützen ein Schul-Programm für Kinder

Thuso steht mit verbundenen Augen vor seinen Mitschülern. Seine Aufgabe ist es, die Stelle im Raum zu erreichen, an der ein roter Ball liegt. Um dorthin zu kommen, muss er den Anweisungen des »Captains« folgen, den Thusos Team bestimmt hat. Diese müssen so deutliche sein, dass Thuso sich weder an den Tischkanten stößt noch das Ziel verfehlt und damit dem gegnerischen Team einen Sieg beschert. Zögernd geht der Zwölfjährige los. Und während zu Anfang noch die Stimme des Captains die Oberhand behält, steigern sich mit der Aufregung auch Lautstärke und Stimmenwirrwarr um Thuso herum – alle wollen ihn in die richtige Richtung lenken, doch dem Jungen fällt es immer schwerer, die Orientierung zu behalten.

Klare Kommunikation und Vertrauen
Das Spiel, das die Mitarbeiter der Organisation »United through Sports (UTS)« an diesem Nachmittag in einer Schule im Township New Brighton der Hafenstadt Port Elizabeth organisiert haben, bringt aber nicht nur Spaß und Abwechslung. Es geht auch um die Vermittlung lebens-wichtiger Fertigkeiten: Konzentration auf das, was wichtig ist, sich nicht von seinen Zielen im Leben ablenken lassen, aber auch klare Kommunikation und Vertrauen sind Stichworte, die in der anschließenden Diskussion fallen. In den nächsten Wochen wird es um den Umgang miteinander, Selbstbewusstsein und Verantwortung gehen. Diese und viele andere Themen gehören zu dem mehrmonatigen Programm aus einer Kombination von Sport- und Lebenstrainings, das UTS an mehr als 40 Schulen pro Jahr in der südafrikanischen Provinz Eastern Cape anbietet. Finanziell unterstützt wird UTS von terre des hommes und dem Volkswagen Konzernbetriebsrat.

Für einige der Sechstklässler aus New Brighton, die fast alle aus sehr armen Verhältnissen stammen, wird sich damit die Tür in ein Leben mit ungeahnten Möglichkeiten öffnen: Denn die zunächst noch breit angelegten Kurse, die – mit nachweisbarem Erfolg – Sporttalent, Teamgeist, Gesundheit und soziale Kompetenz fördern, sind nur die erste Stufe einer Leiter, die UTS für die Kinder aufstellt: »Wir haben im nächsten Schritt rund 140 Kinder in unsere Junior School of Excellence aufgenommen, eine mehrjähriges Intensivprogramm. Es setzt sich zusammen aus Sporttrainings, persönlichem Mentoring und akademischer Förderung«, erklärt UTS-Direktor Nick Mould. Bevor die nachmittäglichen Übungen in der Klasse oder auf dem Sportplatz beginnen, werden alle außerdem mit einer gesunden Mahlzeit versorgt. Das Konzept zeigt Wirkung: Im vergangenen Jahr haben sich etwa die Englischkenntnisse um 75 Prozent gesteigert; im Bereich der »Lebenskompetenz«, also Einstellungen, Sozialverhalten, psychische Stabilität, hat UTS eine Verbesserung um fast 30 Prozent ermittelt. Konkret heißt das beispielsweise, dass die Jungen und Mädchen sich selbst positiver einschätzen als früher. Sie geben an, dass ihnen das Lernen leichter fällt, aber auch, dass sie Konflikte anders angehen. Sport leistet dabei einen wichtigen zusätzlichen Beitrag.

»Ich habe in diesem Jahr hart gearbeitet, denn ich weiß, wenn ich gute Noten bekommen und meine sportlichen Leistungen verbessere, kann ich auf eine gute Schule wechseln, ohne die hohen Gebühren dort zahlen zu müssen«, berichtet der 13-jährige Odwa Mzongwana. Odwas Zukunftsszenario ist die nächste Stufe der UTS-Leiter: die Aufnahme in ein Stipendienprogramm. »Wir haben bislang 20 Jugendliche an Privatschulen unterbringen können, mit denen wir kooperieren«, erläutert Nick Mould. Wer ein solches Stipendium erhält, wird fünf Jahre unterstützt und macht das Abitur an einer Qualitätsschule – mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, danach auf Universität zu können.

Vom Township in die Privatschule
Um die Bedeutung eines Schulwechsels von einer öffentlichen Township-Schule an eine Privatschule zu verstehen, genügt es zu wissen, dass Experten für das südafrikanische Bildungssystem inzwischen den Notstand erklärt haben: Überfüllte Klassen, mangelhaft ausgebildete und unmotivierte Lehrer, fehlendes Unterrichtsmaterial, begleitet von Missmanagement auf Seiten der Schulbehörden sind die Norm. Die Provinz Eastern Cape ist besonders betroffen: »Hier fehlen ein Viertel der benötigten Lehrer. Und nur rund die Hälfte des Abschlussjahrgangs hat die Prüfung bestanden«, so UTS-Direktor Nick Mould. Damit ist die Provinz im Bildungssektor ebenso nationales Schlusslicht wie in anderen sozialen Bereichen.

Mit seinen Programmen will UTS den Jugendlichen vermitteln: Armut soll nicht bestimmend für die weitere Lebensentwicklung sein. Statt einen vorgezeichneten Weg zu gehen, auf dem schlechte Startbedingungen dem Potential eines Kindes die Grenzen der Entfaltung vorgeben, hat es selbst die Möglichkeit, die Richtung zu beeinflussen. Wie Lindiwe Cezula: Die begabte 16-Jährige, deren Familie von weniger als 100 Euro im Monat lebt, geht dank UTS auf eine bessere Schule und hat nun große Pläne: »Ich möchte Anwältin werden und eine eigene Kanzlei haben. Ich möchte etwas tun, das mich und andere stolz macht.«

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