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Als die Erde bebte

Fünf Jahre nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti

Am 12. Januar 2010 wurden weite Teile Haitis, darunter auch die Hauptstadt Port-au-Prince, von einem verheerenden Erdbeben verwüstet. Rund 230.000 Menschen kamen ums Leben, etwa eine Million wurden verletzt und verloren ihr gesamtes Hab und Gut. Als Reaktion setzte eine gewaltige Welle internationaler Hilfe sowohl seitens staatlicher Organisationen wie auch von Nichtregierungsorganisationen ein.

Auch terre des hommes beteiligte sich sofort an der akuten Not- und Überlebenshilfe und an der Unterstützung beim Wiederaufbau des zerstörten Landes. Gemeinsam mit der Schweizer Schwesterorganisation, der Stiftung Terre des hommes in Lausanne sowie den haitianischen Partnerorganisationen URAMEL und IDEO-FOI förderte terre des hommes zwischen 2010 und 2014 insgesamt acht Projekte unterschiedlicher Größe und Laufzeit mit einem Gesamtvolumen von knapp 4,7 Millionen Euro, mit denen Hilfe für rund 95.000 Menschen  organisiert werden konnte.

Unmittelbare Überlebenshilfe

Unmittelbar nach dem Erdbeben konzentrierte sich terre des hommes auf die Not- und Überlebenshilfe in der Region Leogane, Grand Goave und Petit Goave sowie in Les Cayes im Südwesten Haitis, wo die Schweizer Terre des hommes-Schwesterorganisation aus Lausanne bereits seit 20 Jahren tätig war und wohin viele Menschen aus dem völlig zerstörten Port au Prince geflüchtet waren. Neben Unterkünften, sanitären Anlagen und Trinkwasser wurden Zelte, Plastikplanen und Baumaterial sowie Decken und Matratzen verteilt. Zum Schutz vor Infektionskrankheiten erhielten die Familien Lebensmittel, Moskitonetze und Hygieneartikel wie Seife und Reinigungsmittel, aber auch Zugang zu qualifizierter medizinischer Versorgung. Die Projektmaßnahmen, an denen sich auch weitere Geldgeber aus dem terre des hommes-Netzwerk (Niederlande, Italien) sowie staatliche Organisationen und UNICEF beteiligten, kamen rund 64.000 Menschen zugute, darunter 32.300 Kindern.

Besondere Schutzbedürftigkeit der Kinder

Neben dieser Versorgung mit dem Allernötigsten lag der Schwerpunkt der Arbeit auf dem Schutz der Kinder. Viele von ihnen wurden in den Wirren der Katastrophe von ihren Familien getrennt oder hatten mit eigenen Augen gesehen, wie Angehörige unter den Trümmern der einstürzenden Gebäude begraben wurden. Aus der Praxis der terre des hommes-Programmarbeit, beispielswiese nach dem Tsunami in Südostasien, ist bekannt, dass Kinder, die gerade nach Katastrophen allein auf den Straßen umher irren oder in Notlagern auf engstem Raum zusammengepfercht leben, besonderen Gefährdungen wie sexuellem Missbrauch oder Kinderhandel ausgesetzt sind. Um diese Kinder vor den Gefahren der Straße und der Unübersichtlichkeit der großen Zeltstädte zu schützen, wurden Schutzzentren schwerpunktmäßig für sechs- bis zwölfjährige Kinder errichtet, in denen sie in sicheren Räumen spielen und essen konnten und von Freiwilligen angeleitet durch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern betreut wurden.

Der zweite terre des hommes-Partner in Haiti, die Organisation Uramel, später IDEO-FOI kümmerte sich vor allem um die medizinische und psychosoziale Versorgung der Erbebenopfer in den improvisierten Camps in Port-au-Prince. Neben Impfkampagnen stand besonders die Hygieneaufklärung im Vordergrund. Nach dem Ausbruch der Cholera im Oktober 2010 versorgten die Helfer kranke und infizierte Personen; mobile Ärzteteams desinfizierten Wasserstellen, Häuser und Zelte und untersuchten das ausgegebene Trinkwasser auf Cholera-Erreger. Ein zweites wichtiges Arbeitsgebiet von Uramel und IDEO-FOI war die psycho-soziale Betreuung von Kindern und ihren Familien. 20 bis 30 Ärzte, Psychologen, Krankenpfleger und Sozialarbeiter betreuten regelmäßig etwa 3.000 Personen, die als Folge des Erdbebens und des Verlustes von Angehörigen unter Schockzuständen, Traumata und Verängstigungen litten. Insgesamt konnten so über 30.000 Patienten behandelt werden.

Die eigentliche Katastrophe

Die Erdbebenkatastrophe traf mit Haiti das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Die zweite und eigentliche Katastrophe, unter der Haiti seit Jahrhunderten litt, bestand aus dem Zusammenspiel von extremer Armut, instabilen politischen Verhältnissen, Korruption, dem Mangel an sozialer Infrastruktur in Form von Bildung und Gesundheit sowie der Abhängigkeit des Landes von ausländischer Hilfe. Einer kleinen und reichen Elite stand und steht die überwiegende Mehrzahl der extrem armen Bevölkerung gegenüber, die durch die Erfahrung der Gewaltherrschaft jahrzehntelanger Diktaturen geprägt ist und jeglicher staatlichen Autorität mit Misstrauen und Ablehnung begegnet. Beim Wiederaufbau nach dem Erdbeben ging es in Wahrheit nicht nur um die Neuerrichtung von Behausungen, Schulen, Krankenhäusern und Verwaltungsgebäuden – die auch vor dem Erdbeben kaum existierten oder gar funktionierten –, sondern um den Aufbau eines haitianischen Staates. Behörden und Institutionen mussten entstehen, die legitimiert waren und von der Bevölkerung auch akzeptiert wurden. Die Gesellschaft brauchte das Gefühl eines sozialen Zusammenhalts und von Rechtssicherheit als Basis für die Investition in Wirtschaft und Wiederaufbau. Nicht umsonst schätzte Edmond Mulet, damaliger Chef der Haiti-Mission der Vereinten Nationen »Minustah« gegen Ende des Jahres 2010, dass der gesellschaftliche Neuaufbau bis zu 100 Jahre dauern könne. Er meint damit eben nicht die Rekonstruktion der fragilen Verhältnisse der Zeit vor dem Erdbeben, sondern den Aufbau einer Gesellschaft, in der Menschen die Chance auf ein Leben in Würde haben und in der Rechtssicherheit und die Befriedigung der Grundbedürfnisse für die Ärmsten garantiert sind.

Die Wirkung der terre des hommes-Hilfe im politischen Kontext

Vor diesem Hintergrund war es eine besondere Herausforderung, sicherzustellen, dass die eingesetzten Spenden sinnvoll eingesetzt und kontrolliert verwendet wurden. terre des hommes hat wo immer nötig und sinnvoll mit den rudimentären und allmählich entstehenden staatlichen Stellen zusammengearbeitet, aber auch zum Aufbau einer Zivilgesellschaft beigetragen, um über die Partnerschaft mit Nichtregierungsorganisationen die Rechte und Interessen der Ärmsten zu vertreten. Direkt nach dem Beben ging es darum, schnell und effizient Überlebenshilfe zu leisten. Die aufgebauten Kliniken, Gesundheitsstationen und Apotheken schufen eine bessere Gesundheitsversorgung als vor dem Beben. Mit einer Perspektive von fünf Jahren, also für die Zeit von 2010 bis 2014, hat terre des hommes sich neben dieser unmittelbaren Hilfe insbesondere darauf konzentriert, eine einheimische haitianische Infrastruktur zum Schutz von Kindern zu schaffen oder zumindest die Grundlagen hierfür zu legen.

Dazu wurde mit Hilfe der Projektpartner Uramel und IDEO-FOI intensiv in die Fortbildung für haitianische Psychologen und Gesundheitsfachkräfte investiert. Mit Unterstützung eines weiteren Partners, des Duisburger Vereins Trauma-Aid mit seinen zahlreichen internationalen Erfahrungen aus Katastrophenregionen wie dem Tsunami-Gebiet, wurde vor allem praktisches Wissen über die sogenannte EMDR-Methode zur Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen vermittelt und so erstmalig Strukturen zur Behandlung von Traumata geschaffen. Gerade im psychosozialen Bereich ist der Bedarf an Hilfe in Haiti offenkundig, nicht nur wegen der Nachwirkungen des Erdbebens, sondern auch mit Blick auf die Erfahrungen der Überlebenden mit der alltäglichen Gewalt, Diktatur und Folter in den Jahrzehnten vor dem Erdbeben.

Die fachliche Weiterbildung von sozialpädagogischem Fachpersonal sowie die Ausbildung von Psychologinnen zu EMDR-Therapeutinnen verspricht eine nachhaltige Wirkung, da es auf Haiti zuvor keine Psychologen mit traumatherapeutischer Qualifikation gab. Zur Absicherung und Koordination des Programms mit den staatlichen Stellen wurde mittlerweile ein Task Force-Team von Psychologen zusammengestellt, das in Zusammenarbeit mit Regierungsstellen bei zukünftigen Großkatastrophen zum Einsatz kommen kann. Auch die Förderung der Aus- und Weiterbildung von Lehrern und Schuldirektoren im Bereich der Gewaltprävention hat positive Wirkungen entfaltet: Wie unabhängige Evaluationen der terre des hommes-Wiederaufbauhilfe bestätigen, besteht mittlerweile in Haiti ein sehr großes Interesse von Schulen, sich stärker dem Thema des gewaltfreien Umgangs zu widmen.

7.1.15

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