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Afghanistan: »Wir haben uns gegen das Unrecht erhoben«

Nesrin Rihad* arbeitet in einem terre des hommes-Projekt für Mädchen im Bürgerkriegsland Afghanistan. Ihr wahrer Namen und das Projekt dürfen nicht genannt werden, damit niemand Rückschlüsse auf ihre Person ziehen kann. Denn die Arbeit für Kinder- und Frauenrechtorganisationen ist in Afghanistan ebenso lebensgefährlich wie notwendig. Tobias Klaus stellte Nesrin Rihad drei Fragen.

Du setzt Dich in Afghanistan für Frauen und Kinder ein. Wie viel Mut erfordert das?

Wir kämpfen für die Rechte von Kindern und Frauen in einem Land, in dem die Situation für Frauen sehr schlimm ist. Ein Land, das immer noch von Krieg, veralteten Traditionen, Gewalt, Armut und Elend beherrscht wird. Wir wurden für unseren Einsatz mit dem Tod bedroht, man hat uns lächerlich gemacht und uns Etiketten wie »Verwestlichung« und »Anti-Religion« angehängt. Aber wir haben uns gegen das Unrecht erhoben. Was unsere Interventionen besonders riskant macht, ist ein traditioneller Glaube, nach dem Frauen und Kinder als Privateigentum der Männer betrachtet werden. Wenn wir intervenieren, wird es schnell als Verletzung der Privatsphäre wahrgenommen. Ein winziges Missverständnis kann dann schon die Kinder und Frauen und auch unser Leben in Gefahr bringen. Aber wir machen weiter. Wir glauben, dass die afghanischen Frauen viel besser abschneiden als die Männer, wenn sie die Chance dazu bekommen. Wenn die Rechte von Kindern respektiert werden und Bildung für alle zugelassen wird, sind wir sicher, dass die nächste Generation Afghanistans keine Generation des Krieges sein wird.

Im Moment finden Friedensgespräche mit den islamistischen Taliban statt. Ist das eine gute Nachricht?

Friedensgespräche können eine Chance für ein friedliches Afghanistan sein, aber wir machen uns auch Sorgen. Die Taliban sagen zwar: »Wir sind nicht die Taliban wie vor 20 Jahren«, aber sie sperren Frauen immer noch in ihren Häusern ein. Sie akzeptieren eine moderne Präsenz von Frauen und Mädchen im Fernsehen und in den sozialen Medien nicht. Die Taliban haben in den drei Monaten der Friedensgespräche nicht an einem einzigen Verhandlungstag die Gewalt und das Töten gestoppt.

Viele Menschen in Deutschland haben den Eindruck, dass sich seit dem Sturz der Taliban im Jahr 2001 nichts für Mädchen und Frauen verbessert hat. Stimmt das?

In Deutschland mag das so wirken, aber wir spüren die Errungenschaften in unserem Alltag. Vorher ging fast kein Mädchen zur Schule, jetzt sind wir bei 45 Prozent. Es gab keine Beamtinnen. Jetzt sind etwa zwölf Prozent aller Beamt*innen und 25 Prozent aller Lehrkräfte Frauen. Frauen treten auch im Fernsehen und in der Öffentlichkeit auf, das gab es vor 2001 nicht. Auch viele Männer ändern sich. Wir führen beispielsweise Trainings in einer abgelegenen Gegend der Provinz Herat durch. Väter und Brüder bringen Mädchen von weit her dahin. Das ist ein kleiner Erfolg. Und viele kleine Erfolge führen zu Veränderungen. All diese Errungenschaften zeigen, dass sich die Gleichstellung der Geschlechter in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich verbessert hat. Trotz allem haben wir aber noch einen langen Weg bis zur Gleichberechtigung der Geschlechter vor uns.

*Name geändert

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