Sie sind hier:

Gegen Gewalt an Mädchen und Frauen

Es ist eine Geschichte, wie sie vielen Mädchen in Nicaragua passiert. Aurora wächst unter ärmsten Bedingungen auf. Ihr gewalttätiger Vater verlässt die Familie, als sie fünf Jahre alt ist. Die Mutter ist nur selten da, die Tanten und die Großmutter übernehmen die Erziehung für sie und ihre Schwester. Doch statt Geborgenheit und Liebe erfährt sie täglich Gewalt, wird geschlagen und beleidigt. Mit 14 Jahren fordert Aurora Unterhalt von ihrem Vater – ohne Erfolg. Stattdessen muss sie sich gegenüber den Behörden dafür rechtfertigen, warum sie nach so langer Zeit plötzlich Geld verlange. Dann muss sie mit ansehen, wie ihre zehnjährige Schwester missbraucht wird; Täter ist der Freund ihrer Tante, der im selben Haus lebt. Aurora stellt sich mutig dagegen, um ihrer Schwester zu helfen, und sie erreicht, dass der Mann ausziehen muss. Doch zu einer Anzeige kommt es nicht – Straftaten wie diese werden in Nicaragua selten angeklagt, selbst staatliche Stellen schützen die Männer.

In Nicaragua ist Gewalt gegen Frauen Alltag. Laut einer Analyse des nicaraguanischen Instituts für Rechtsmedizin werden etwa 77 Prozent aller Frauen Opfer von Gewalt – weit mehr als in anderen Regionen der Welt. Das ganze Ausmaß der Problematik ist kaum erfasst, es fehlt an offiziellen Daten. Doch die Rate von Teenagerschwangerschaften in Nicaragua spricht Bände – im Zeitraum 2006 bis 2017 waren von 1.000 Geburten 92 Mütter erst zwischen 15 und 19 Jahre alt. Diese Zahl ist umso alarmierender, da viele dieser Schwangerschaften auf Vergewaltigungen zurückzuführen sind. Statt in diesen Fällen Unterstützung anzubieten, wird den Mädchen jede Hilfe verwehrt. Aus purer Verzweiflung beenden viele die unter Gewalt entstandenen Schwangerschaften illegal unter hohem Risiko für ihre eigene Gesundheit.

In der Gemeinde Esquipulas im Südosten von Nicaragua geht man innovative Wege, um der hohen Gewaltrate entgegenzuwirken. Bereits 1989 hat eine Gruppe engagierter Frauen die Organisation »Colectivo de Mujeres 8 de Marzo« gegründet – in Anlehnung an den Weltfrauentag am 8. März. Die Frauen setzen sich ein für ein Leben ohne Gewalt, für ein Recht auf Chancen und sichere Räume, in denen sie sich für ihre Rechte engagieren können. Um dem Machtmissbrauch der Männer entgegenzuwirken, hat die Partnerorganisation verschiedene Maßnahmen ergriffen und Aktivitäten ins Leben gerufen. So bietet das Projekt juristische und psychologische Begleitung für Gewaltopfer an. Darüber hinaus gibt es ein temporäres Wohnheim für Frauen, die Opfer von Gewalt sind, in dem sie mit ihren Kindern für eine begrenzte Zeit Unterschlupf finden. Ein weiteres Ziel ist es, die häufig aus der ländlichen Umgebung stammenden Mädchen und Jungen darin zu schulen, diskriminierende und gewaltgeprägte Verhaltensweisen zu hinterfragen und gleichberechtigt und respektvoll miteinander umzugehen. Dafür wurden Jugendgruppen gebildet, die aktiv in das Projekt eingebunden werden. Dazu haben sie eine eigene Radiosendung, in der sie über sie betreffende Themen sprechen können, und sie können Theater und Tanzworkshops besuchen. Auf diese Weise stärkt das Projekt die gesellschaftliche Teilhabe und den Einfluss von Kindern und Jugendlichen. Insbesondere das Radioprogramm erfreut sich großer Beliebtheit. Die Korrespondenten und Radioreporterinnen berichten aus ihren Gemeinden, nehmen Meinungen von Gleichaltrigen auf, vor allem fragen sie nach, wie sie ihre Rechte wahrnehmen: das Recht auf Erziehung und Bildung, auf Integrität und eine gesunde und geschützte Umwelt – Kinderrechte, die in den Gemeinden um Esquipulas häufig verletzt werden.

Aurora hat dank der Unterstützung von terre des hommes ihr Leben selbst in die Hand genommen und ist dem Teufelskreis der Gewalt entkommen. In den Theaterworkshops des Projekts Movitep lernte sie, dass sie sich Misshandlung nicht gefallen lassen muss. Mittlerweile arbeitet sie als Theaterpädagogin im Bereich Gewaltprävention. Diese Erfolge in den Projekten haben terre des hommes ermutigt, die Arbeit im Themenfeld Gewalt gegen Mädchen und Frauen weiterzuverfolgen. Bis 2023 werden wir gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen die Programmarbeit in diesem Bereich ausbauen und Strategien entwickeln, um akute geschlechtsspezifische Verletzungen von Kinderrechten öffentlich zu machen, Mädchen und Jungen davor zu schützen und sie in die Lage zu versetzen, ihre Rechte einzufordern. Dazu wird eine »gender policy« entwickelt, die in allen terre des hommes-Projektregionen mit Trainings und Workshops umgesetzt werden soll.

Zum Seitenanfang

Bleiben Sie doch noch einen Moment –
und abonnieren Sie unseren Newsletter!

Jetzt anmelden!

Bleiben Sie informiert.
Abonnieren Sie unseren Newsletter!

Jetzt anmelden!