Berlin: Lernen in der Straßenkinderakademie

Die Sonne scheint durch die großen Fenster der Werkstatt. Konzentriert sitzen die Jugendlichen um einen langgezogenen Arbeitstisch und schneiden filigrane Schablonen, um damit T-Shirts zu bedrucken. Eine junge Frau malt ein Bild, eine andere recherchiert im Internet und versucht nebenher, ihren lebhaften Terriermischling zu beruhigen, der mit anderen Hunden im Raum herumtollt. Es ist später Vormittag. Etwa zehn Mädchen und Jungen halten sich in der Straßenkinderakademie auf, die der Hilfeverein Karuna im Berliner Stadtteil Friedrichshain betreibt. Einer der Jugendlichen ist Sven. Hier bin ich den ganzen Tag kreativ, sagt er. Mit mir ist was richtig Gutes passiert.

Svens Kindheit war alles andere als einfach. Im Unterricht war er der ständige Störenfried; überdurchschnittlich intelligent und hyperaktiv lautete die Diagnose. Als er 14 war, beging sein Vater Selbstmord. Sven wurde immer auffälliger. Irgendwann ging es nicht mehr weiter, er schmiss die Schule und zog von zu Hause aus: erst in ein betreutes Wohnprojekt, dann eine Zeit lang bei Freunden, doch das klappte nicht. Er hatte zu kiffen angefangen und kümmerte sich vor allem darum, an Rauschmittel zu kommen. Aber es war immer legal, betont er. Das ist nicht unbedingt die Regel. In Berlin gibt es schätzungsweise 2.000 Kinder und Jugendliche im Alter von zwölf bis 21, die faktisch auf der Straße leben. Kleinkriminalität ist - neben betteln - für viele ein Weg, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Arbeit für Lohn
In den Räumen von Karuna sind Alkohol, Drogen und Gewalt strikt verboten. Die 120 Jugendlichen, die jährlich in den Werkstätten der Akademie betreut werden, halten sich daran. Sie werden von Sozialpädagoginnen, Erziehungswissenschaftlern, Arbeitspädagogen und Heilerziehungspflegern betreut und beraten. Gemeinsam mit ihnen erarbeiten die Jugendlichen Ziele, die sie erreichen wollen. Die Ziele können ganz unterschiedlich sein: Entschuldung, Kontaktaufnahme zu den Eltern, Therapie- und Schulaufnahme oder Beantragung von Jugendhilfemaßnahmen. Doch die Werkstatt ist der zentrale Baustein des Karuna-Angebotes. Sie führt weg von der Straße, hinein in die geschützte Arbeitswelt. Hier können die Jugendlichen T-Shirts bedrucken, Möbel schreinern, nähen oder Fahrräder reparieren. Das Konzept ist Arbeit für Lohn. Die Jugendlichen werden wie Ein-Euro-Jobber bezahlt. Ein positiver Nebeneffekt: Wer sich in der Werkstatt aufhält, ist weniger auf der Straße, wird in dieser Zeit keine Drogen nehmen oder sich mit Alkohol betäuben. Der Lebensort verlagert sich - und das ist das Ziel der Karuna-Straßenkinderakademie.

Perspektiven schaffen
Der Verein Karuna ist seit 1989 aktiv. Die Angebote reichen von Präventionsarbeit mit Schülern über Straßensozialarbeit bis hin zur stationären Drogentherapie. Die enge Kooperation zwischen Karuna und verschiedenen Jobcentern zahlt sich insbesondere für die Straßenkinder aus. Der Weg aus den geschützten Werkstätten hinaus in eine reguläre Schul- oder Berufsausbildung schafft Perspektiven.

Bis es für Sven soweit ist, muss er sein Alkohol- und Drogenproblem und seine Schulden in den Griff bekommen. Das wird noch eine hammerschwere Aufgabe. Aber die Leute von Karuna helfen mir, erzählt er. Vielleicht werde ich ja mal selber Kinder haben. Ich würde ihnen von meinem früheren Leben erzählen als wäre es ein Märchen.

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