Buchrezension

Bettina Gaus: Der unterschätzte Kontinent. Reise zur Mittelschicht Afrikas.
Eichborn-Verlag, Frankfurt am Main 2011, 254 Seiten, 19,95 Euro

Hunger, Aids, Kriege, Krisen, Kindersoldaten, Korruption… – nach wie vor Realität in Afrika. Dennoch ist das Bild unvollständig. Doch wie sieht die Realität in Afrika dann aus? Welche Chancen und Perspektiven hat dieser Kontinent. Diese Fragen beschäftigen Hilfsorganisationen und politische Beobachter gleichermaßen. Bettina Gaus ist dieser Frage in ihrem Buch nachgegangen und eröffnet uns ungewohnte Einblicke in die Realität Afrikas. Wir stellen das Buch vor.

Es gibt Beobachter, die Afrika große Entwicklungschancen prognostizieren. Auch einige Investoren schwärmen von der rosigen Zukunft. Bob Geldorf etwa, der sich in der Vergangenheit als Musiker und Lobbyist für einen Schuldenerlass und die Erhöhung der Entwicklungshilfe für Afrika engagiert hat, wirbt neuerdings sogar für Kapitaleinlagen in seinen Private Equity Fonds »8 Miles«. Die Mittel will Geldorf flächendeckend in Afrika investieren.

Bettina Gaus hat eine Reise nach Afrika unternommen, um sich mehr Klarheit über die Realität in Afrika zu verschaffen. Der Anlass ihrer Reise ist die Frage: Gibt es in Afrika eine Mittelschicht? Um eine Antwort zu finden, besuchte sie 16 Länder Afrikas. Wer, fragt sie, gehört eigentlich zu dieser aufstrebenden Mittelschicht. Lassen sich Gemeinsamkeiten entdecken? Oder sind die Bedingungen in jedem Land sehr verschieden? Und: Sind die Mittelschichten die Stützen einer positiven Entwicklung Afrikas?

Journalistin auf Spurensuche
Bettina Gaus ist keine Wissenschaftlerin, sondern Journalistin. Viele Jahre hat sie als Korrespondentin für die Tageszeitung TAZ in Kenia gearbeitet. Sie kennt deshalb die Realität hinter den Schlagworten. Sie will sich die Antworten nicht zu einfach machen. Daher sucht sie Gespräche mit Menschen, die einen Beruf haben oder ein Stück Land, von dem sie leben können. Menschen, die zu essen haben und ihre Kinder in die Schule schicken können. Männer und Frauen also, deren Wünsche nicht so weit entfernt sind von unseren.

Die Reise führt sie in Länder, die nicht zu den Krisen- und Kriegsgebieten Afrikas gehören. Um möglichst viele und unterschiedliche Menschen kennenzulernen, reist sie hauptsächlich über Land. Bei ihrer Spurensuche will sie ausloten, wie die Menschen ihr Leben, ihre persönliche Zukunft und die ihres Landes sehen.

Ungewohnte Einblicke
Ihr Buch ist als erstes ein Reisebuch, das alle Afrikareisenden, seien es Pauschaltouristen, Familienbesucher oder Reisende in Sachen Entwicklungspolitik, erstaunen wird. »Das geht also?«, fragt man sich: Auf staubigen Straßen von Land zu Land reisen? Es gibt also Straßen, Verkehrsmittel, und offensichtlich ist es sogar sicher genug. Man staunt. Dennoch beschreibt sie die Mühen des Reisens, oft mehr Mühen als gedacht, schon bei der Planung. Internetcafés gibt es überall, auch in Afrika, aber die Informationen über Busse, Eisenbahnen, Flugzeuge sind oft nicht vorhanden oder nicht vertrauenswürdig.

Spannende Reiseroute
Bettina Gaus nimmt uns mit auch in das Beschwerliche der Reise und gibt nicht vor, aufgrund ihrer Erfahrung in Afrika alles zu wissen. Sie beteiligt die Leser an den für sie neuen Erfahrungen. Zum Beispiel, wenn sie über ihre Vorsicht berichtet, die ihr oftmals wichtiger ist als die Abenteuerlust. Sie verspricht keine Antworten, wenn sie keine weiß, weil sie beispielsweise ein für sie neues Land bereist. In ihre Reiseaufzeichnungen arbeitet sie vielseitige und spannende Erlebnisse, Geschichten, Alltagsbeobachtungen ein. Schon der Reiseweg bedeutet Spannung pur: von Kenia über Tansania nach Mosambik, weiter nach Südafrika. Von dort über Botswana nach Sambia, dann wieder nach Südwesten nach Namibia, von dort nach Angola, weiter nach Kinshasa und schließlich in die westafrikanischen Länder. Auch die Kapitel über die Länder, mit denen sie nicht »warm« wird oder die mehr Fragen als Antworten provozieren, sind mit Gewinn zu lesen.

Das Buch ist auch ein spannendes Reportagebuch. Denn nicht nur der Alltag ihrer Gesprächspartner bringt sie uns näher. Sie reflektiert auch viele Aussagen und Erlebnisse vor dem Hintergrund ihrer eigenen Lebens- und Familienerfahrungen in Kenia und ihrer früheren Tätigkeit als TAZ-Reporterin. Genau diese Reflexionen sind es, die das Buch für alle Afrika- und entwicklungspolitisch Interessierte so spannend macht.

Afrika ist mehr als Hunger und Armut
Immer wieder reflektiert sie dabei die Fragen: Gibt es denn gar keine Perspektive in diesem Kontinent? Ist er wirklich zureichend mit Hunger und Armut beschrieben? Schadet die internationale Hilfe am Ende sogar oder beschneidet die Fähigkeiten der Menschen vor Ort? Dies sind kritische Fragen, die in den letzten Jahren zunehmend auch afrikanische Autoren und Entwicklungsexperten stellen, auch wenn ihre Antworten sehr unterschiedlich ausfallen.

Das Buch von Bettina Gaus ist äußerst unterhaltsam und anregend zu lesen. Ihr Schreibstil erlaubt es dem Leser, sich in die - im Vergleich zu uns - prinzipiell unsicheren Lebensumstände der Befragten hineinzuversetzen. Dem Leser, der Afrika ausschließlich in den täglichen Nachrichten wahrnimmt, bietet sich ein Bild, das ihn staunend machen kann: so viel Eigeninitiative, so viel Normalität, so viel Energie und Hoffnung.

Rolle des Westens, Korruption und Menschenrechte
Anregend zu lesen sind auch die Auseinandersetzungen mit verschiedenen politischen Glaubenssätzen, die Überlegungen zum Thema Hilfe, zur Rolle des Westens, zum Problemfeld der Korruption und zur Frage der Menschenrechte. Hier wird klar, wie genau man hinsehen muss, um die jeweils verschiedenen afrikanischen Gesellschaften aus sich heraus zu begreifen, so wie es der Anspruch von Bettina Gaus ist. Sie ist dabei bereit, eigene Meinungen auszusprechen und zugleich zu hinterfragen. Eine seltene Fähigkeit und Bereitschaft. Das heißt nicht, dass man mit allen Vergleichen und allen Einschätzungen einverstanden sein muss. Auch kann man anzweifeln, ob es nicht doch auch in Afrika, dem unterschätzten Kontinent, eine Differenz zwischen dem im Gespräch geäußerten Positionen und dem das Leben prägendem Verhalten gibt.

Was die Frage nach den Mittelschichten angeht, bleibt man am Ende zwiespältig, denn das Buch führt ja gerade die Besonderheiten und den Reichtum der Vielfalt afrikanischer Gesellschaften vor. So verwundert es dann auch nicht, dass ein Gesprächspartner in Ghana bekennt, er und seine Familie stellten eine Art Mittelschicht dar, während ein Rechtsanwalt in Nigeria beklagt, er könne seinen Kindern nicht das schöne Leben bieten, kein so schönes Leben bieten könne, wie er und seine Geschwister es von ihren Eltern erleben durften.

Mittelschicht zwischen Aufschwung und Niedergang
Bettina Gaus kommt zu dem Schluss, dass es eine Art afrikanische Mittelschicht gibt, die allerdings sehr viel unsicherer und prekärer lebt als Mittelschichten in Europa. Sie berichtet von einer Mittelschicht, die in einigen Ländern gerade aufsteigt, in anderen bereits wieder auf dem Abstieg ist. Gaus zeichnet eine Mittelschicht, die nicht so reich ist, dass sie ihr Land einfach verlassen kann. Auf der anderen Seite, so ihr Fazit,  gestalte diese Schicht aber die Gesellschaft mit und könne sogar mehr als bisher zur Entwicklung beitragen, wenn die Rahmenbedingungen stimmten. Allerdings erfahren wir nicht, wie diese Schicht mit den ganz Armen verwoben ist. Klar wird, dass diese Schicht vor allem im städtischen Umfeld eine politische Bedeutung für Veränderungsprozesse haben kann. Unklar hingegen bleibt, wie die neuen Mittelschichten die Masse der städtischen Armen beziehungsweise die Probleme der Bevölkerung auf dem Land wahrnimmt und reflektiert.

Es besteht Hoffnung
Die Menschen, mit denen Bettina Gaus gesprochen hat, beweisen, dass sie selbst ihre Zukunft gestalten können. Sie fügt an, dass dies keineswegs gegen internationale Hilfe für die Armen spreche, aber doch dafür, die lokalen Ressourcen stärker zu betonen. So fehlen nicht die Beispiele für die gelegentlich absurde Hilfslogik internationaler Organisationen.

Zum Glück gibt das Buch keine eindeutige Antwort, sondern entfaltet auf leicht lesbare Weise den Reichtum der bereisten Länder. Man fühlt sich ermutigt, selbst offener und mutiger Gespräche zu führen. Wir werden darauf gestoßen, dass es nicht nur abwärts geht. Das sollte auch für Hilfswerke eine gute Botschaft sein und ihnen Mut machen.

Rezension: Monika Huber

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