Kinshasa Symphony (DVD)

Ein Dokumentarfilm von Claus Wischmann und Martin Baer mit dem »Orchestre Symphonique Kimbanguiste«, Dirigent Armand Diangienda
DVD 2011
Spielzeit: 90 Minuten
FSK: Keine Altersbeschränkung

Obwohl die Menschen im Kongo zu den ärmsten Bewohnern Afrikas zählen, ist die Stadt Kinshasa Heimat eines völlig ungewöhnlichen Symphonieorchesters. Die Mitglieder des Orchesters üben trotz vieler Entbehrungen, totaler Übermüdung und zahlreicher technischer Probleme nur für den einen Zweck: Die Aufführung von Beethovens Neunter Sinfonie. Der Film »Kinshasa Symphony« zeigt Menschen in einer der chaotischsten Städte der Welt. Es ist ein Film über den Kongo, über die Menschen in Kinshasa und über ihre Musik. Wir stellen Ihnen diesen ungewöhnlichen Dokumentarfilm vor.

»Wenn dieses Stück gespielt wird, wachen alle Seelen auf«, so die Quintessenz des jungen Tenors aus dem »Orchestre Symphonique Kimbanguiste« vor der Aufführung der Neunten Sinfonie von Beethoven auf einem staubigen Platz in Kinshasa. Bis dahin haben wir die Chor- und Orchesterproben mit wachsender Spannung verfolgt, haben einzelne Chor- und Orchestermitglieder in ihrem Alltag begleitet und uns vor allem gewundert: Ist nicht die Demokratische Republik Kongo das Land, in dem Willkür herrscht, immer wieder Bürgerkriege aufflammen und schreckliche Greueltaten verübt werden?

Es stimmt, seit 20 Jahren halten die Konflikte im Kongo an, und es sind seither mehrere Millionen Todesopfer zu beklagen. Plünderungen, Rekrutierung von Kindersoldaten durch Milizen oder die Armee, Zerstörung der sozialen Infrastruktur, Einmischung anderer Länder… all das gehört zum Alltag im Kongo. Ausweglos scheint der Rohstoffreichtum Gewalt und Armut für die Bevölkerung nach sich zu ziehen. Vor diesem Hintergrund wirkt der Dokumentarfilm »Kinshasa Symphonie« wie ein großes »Dennoch«.

»…wir haben unlösbare Probleme, aber…«
Die Filmemacher zeigen darin einen ganz anderen und überraschenden Ausschnitt der Realität in Kinshasa. Wir lernen das Symphonieorchester der Kimbangisten, einer kongolesischen pazifistischen Kirche, kennen. »Die Musik, auch die klassische Musik ist für alle Menschen da«, sagen sie.

Wir lernen die Flötistin und ihren kleinen Sohn kennen. Sie hat ihre Wohnung verloren, ist bei Verwandten untergeschlüpft und muss nun eine neue Bleibe finden. »Zu viele sind vom Land nach Kisangani gezogen«, erzählt ein Makler, der ihr nur eine kleine, heruntergekommene und dennoch  unerschwingliche Wohnung anbietet. Sie schüttelt verständnislos den Kopf und fragt verständnislos, warum sie so wohnen solle? Trotz aller Schwierigkeiten will sie es schaffen, wie sie sagt, auch wenn sie der Vater des Kindes verlassen hat und ihre Eltern nicht mehr leben. Der Sohn komme bald in die Schule. Für ihn wünscht sie sich eine bessere Zukunft. Einstweilen ist er bei jeder Probe des Orchesters dabei und verhält sich dabei erstaunlich ruhig. Ihr gehört der letzte Soloauftritt im Stück. Zu ihrem Motiv, im Orchester mitzuwirken, sagt sie: »Wir haben unlösbare Probleme, bei der Musik können wir sie vergessen«.
 
Fünf Geigen und zwölf Musiker
Joseph spielt Bratsche, er ist eigentlich Elektriker, besitzt jetzt aber einen Friseursalon. Er ist auch für das Licht bei den Proben und Aufführungen zuständig. Er bringt einen zum Lächeln, wenn er die Bratsche zur Seite legt, auf die Leiter steigt und sich an dem Gewirr von Elektroleitungen auf dem Strommast zu schaffen macht. Alles gehe ihm zu langsam, sagt er. Von ihm hängt viel ab. Viel Zeit zum Proben bleibt ihm deshalb nicht.

Orchesterleiter Albert Matubanza baut selbst Instrumente. Er sucht das geeignete Holz, legt zum Ausmessen eine Papierschablone des Kontrabasses auf den Stamm, überwacht das Sägen, fügt die Teile zusammen und balanciert mit dem Kontrabass über ein schwankendes Brett. Er habe Instrumente bauen wollen, da das Orchester nach den Plünderungswellen kaum noch Instrumente besaß, erklärt er. So habe er zunächst seinen Kontrabass opfern und  auseinandernehmen müssen, um zu begreifen, wie ein solches Instrument aufgebaut sei. Er lächelt.
 
Früher Pilot, heute Dirigent
Armand Diangienda, Gründer und Dirigent des Orchesters, war früher Pilot, verlor aber seine Arbeit. Seither widmet er sich der Musik. Eine formelle Musikausbildung hat er nicht, dafür aber viel Enthusiasmus, Willen und Durchhaltevermögen. Rückblickend erzählt er, dass es anfangs nur fünf Geigen gab. Die mussten zunächst für zwölf Spieler reichen, die allesamt unbedingt Geige spielen wollten. Und so wechselten die Instrumente alle 20 Minuten den Musiker, damit alle mitmachen konnten. Improvisation wurde groß geschrieben, etwa beim Wechseln der Saiten, die durch Fahrradseile ersetzt wurden, weil es nichts anderes gab.

Weiter geht es im Film mit dem ersten Geiger, der die Herzen der Zuhörer mit seinen Tönen erobert. Selbstvertrauen brauche man, versichert er. Er habe unbedingt spielen wollen. Doch zu Beginn habe er eine Geige völlig ruiniert, weil er ihre Saiten brutal behandelte. Musik sei nun für ihn zu seiner Lebensaufgabe geworden, so wie bei Mozart und Beethoven. »Warum sollte man das im Kongo nicht machen?«, fragt er in die Kamera.

Proben trotz Erschöpfung
Joséphine, Cellistin, gibt zu, dass sie manchmal viel zu müde sei. Sie müsse um 4:30 Uhr aufstehen, um auf dem Markt Omeletts zu braten. Das bedeute, den ganzen Tag zu stehen. Um 17 Uhr sei dann Orchesterprobe. Man sieht ihr die Erschöpfung an. Der Film begleitet sie beim Einkauf der Eier. 66 Dollar müsse sie für die Kiste bezahlen, für 70 verkaufe sie die frischen Eier. Frische sei sehr wichtig. Jedoch machten ihr die Eier aus Brasilien oder den Niederlanden Kopfzerbrechen. Sie seien oft 45 Tage unterwegs und würden für nur 40 Dollar verkauft. Das mache ihr Geschäft kaputt. Man sieht ihr die Erschöpfung an, auch, als sie mit ihrem Mann Albert den kleinen Sohn mit Nabelbruch ins Krankenhaus bringen.

Der Text des Schlusschors der Neunten  Sinfonie, so will es das Original, muss auf Deutsch eingeübt werden. Und das bedeutet für die Akteure des Orchesters: immer wieder üben und nachsprechen. Eine junge Sängerin probt die zungenbrecherischen Worte mit dem Chor. Zu Hause übt sie mit einer CD. Das sei nicht leicht, sagt sie, denn sie habe kein eigenes Zimmer. Ihre Schwester sei deshalb ganz und gar nicht begeistert. Als der Dirigent den Chor kritisiert, ist sie den Tränen nah. Alle hätten hart gearbeitet, enttäuscht sei sie und unendlich müde.

Beethoven spielt auf
So zeigt der Film auch die Rückschläge, die immer wieder hingenommen werden müssen, aber vor allem vermittelt er Hoffnungen und Selbstvertrauen. Fast wäre die bislang anspruchsvollste Aufführung des Sinfonieorchesters kurz vor der Generalprobe noch gescheitert, an der »anderen Sprache«, am Solisten, an der Müdigkeit der Musiker, an der Technik. Aber dann: Die Tanzbars drehen für das Open-Air-Konzert die Lautstärke zurück, der Dirigent hebt den Taktstock, das Orchester, das in 15 Jahren zwei Putsche, viele Krisen und einen Krieg überlebt hat, spielt und singt Beethovens Neunte Sinfonie und Carmina Burana von Carl Orff.

Fazit: Der Begeisterung des Publikums kann sich der Filmzuschauer anschließen. Die Filmemacher haben einen kraftvollen, mitreißenden Film produziert. Der Film taucht ein in den Sound der Stadt, zeigt uns die Poesie und gleichermaßen das Unbegreifliche der Aufführungen dieses Orchesters und Chors. Es kann sein, dass Sie die Neunte Symphonie von Beethoven in Zukunft anders hören werden. Es kann sein, dass sich in Ihrem Kopf andere Bilder aus dem Kongo festsetzen. Es kann sogar sein, dass Sie sich von der Freude mitreißen lassen.

Das zusätzliche Material auf der DVD bietet neben einem Interview mit den Filmemachern tiefere Einblicke in das Leben der beteiligten Instrumentalisten und Chorsänger sowie in die Produktion des Films.

Der Dokumentarfilm hat auf der Berlinale 2010 große Aufmerksamkeit hervorgerufen und viele internationale Preise bekommen. Mittlerweile hat das Orchester neue Instrumente erhalten und wurde zu Gastspielen auch nach Deutschland eingeladen. Trotz des Erfolges spielen die Musiker auch weiterhin öffentlich für die Bewohner von Kinshasa.

Der Film ist im Handel erhältlich:
Titel: Kinshasa Symphony
Regisseur(e): Claus Wischmann, Martin Baer
Untertitel Synchronisation: Deutsch, Englisch, Französisch
Bildseitenformat: 16:9 - 1.77:1
FSK: Ohne Altersbeschränkung
Erscheinungstermin: 15. April 2011
Produktionsjahr: 2010
Spieldauer: 95 Minuten
Preis: 15 Euro
Freigabe: Keine Altersbegrenzung

Rezension: Monika Huber


Weiter Informationen:
Homepage zum Film

Kinotrailer

Zurück zur Medienübersicht

Zum Seitenanfang