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Juan Pablo Cardenal, Heriberto Araújo
Der Große Beutezug
Chinas stille Armee erobert den Westen
Hanser Verlag 2014
390 Seiten, 24,90 €
ISBN-13: 9783446438712
ISBN-10: 3446438718    

Nicht allein das Wachstum Chinas wird gelobt, nicht allein die Anstrengungen Chinas zur Überwindung der Armut im Lande herausgehoben, nicht allein der riesige Markt bewundert, sondern Unternehmensführer, Entwicklungsexperten und Politiker weisen oft auch auf die Chancen hin, die die Zusammenarbeit mit China für Länder des Südens eröffnet. Juan Pablo Cardenal und Heriberto Araújo, spanische Journalisten, sind der Frage, welche Beziehungen China zu Ländern in Afrika, Lateinamerika, Zentralasien und im Mittleren Osten unterhält und wer von den Wirtschaftsbeziehungen profitiert,  nachgegangen. Dokumentenrecherchen und Gespräche in 25 Ländern haben sie zu einer überwiegend kritischen Bewertung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit Chinas mit Entwicklungsländern gebracht.

Unbemerkte chinesische Eroberung
Die beiden Autoren haben jahrelang als Korrespondenten für ihre Zeitungen über die wirtschaftliche und politische  Lage in China berichtet. Das Thema der wirtschaftlichen Beziehungen zu anderen Ländern, die offenbar unbegrenzten Ressourcen für Kreditvergaben und die Begeisterung vieler Regierungen darüber, dass China nahezu bedingungslos auf ihre Wünsche eingeht, hat die Journalisten nicht mehr losgelassen.  In 25 Ländern haben sie chinesische Händler und große Infrastrukturprojekte besucht, mit politisch Verantwortlichen, mit Firmen und Betroffenen gesprochen und den Einfluss Chinas auf lokaler und regionaler Ebene recherchiert. Aus vielen Einzelbeispielen haben die Autoren das Muster der »unbemerkten chinesischen Eroberung« (so die Übersetzung des spanischen Originaltitels) erschlossen. Zentrales Element des chinesischen Erfolgs ist dabei das Zusammenspiel zwischen Parteistaat, chinesischen Banken und staatseigenen Betrieben und nicht zuletzt das wirtschaftliche Beziehungsnetz chinesischer Einwanderer.  

Menschenrechtsverletzungen und schwerwiegende ökologische Schäden
Ob es sich um den Merowe-Staudamm im Sudan handelt, um den »Jahrhundertvertrag« mit der Demokratischen Republik Kongo zur Erschließung und Modernisierung des Bergbaus, um die Investition des größten chinesischen Sojaproduzenten in Argentinien oder die Pipeline in Turkmenistan: Die Autoren stoßen bei ihren Recherchen auf erhebliche Menschenrechtsverletzungen und  schwerwiegende ökologische Schäden bei den Großprojekten und sie stoßen auf chinesische Großunternehmen, die Staatsunternehmen sind, und auf Banken, die als staatlich gelenkte Banken auch für fragwürdige Großprojekte beinahe auflagenfreie Kredite vergeben, wenn chinesische Firmen beauftragt, der Einsatz chinesischer Arbeiter vereinbart und militärischer Schutz der Baustellen gewährleistet ist. Die Autoren haben auch mit Kritikern gesprochen, die vor allem die Verletzung nationaler Gesetze, den politischen Druck, die Korruption , die Intransparenz von Verträgen und die Verletzung von Sozialstandards beklagen.

Es gibt bisher nur einen einzigen Bericht über die chinesische Auslandshilfe, publiziert 2011 vom chinesischen Staatsrat. Dort wird die Zahl von 2025 in anderen Ländern  durchgeführten und finanzierten Projekten bis 2009 genannt. Die Autoren haben in ihrem Buch viele Länder und Projekte besucht. Die Gespräche mit Managern, Politikern, Kritikern, Aktivisten, darüber hinaus die Dokumentenrecherchen, machen das Buch zu einer reichen Studie über den gegenwärtigen Stand der Beziehungen Chinas zu den Ländern in Afrika, Lateinamerika und Asien, verbunden mit Einsichten in die wirtschaftliche Dynamik in China selbst. Um diesen Schatz zu heben, empfehle ich auch das gründliche Lesen der Anmerkungen, die oftmals zusätzliche Informationen bieten, die manche Einschätzungen einleuchtend machen. Dennoch ist es für den Leser nicht immer ganz leicht, den Weg von Einzelprojekten und deren Kritik zu strategischen Ansätzen mitzugehen, gerade weil die politische Ausrichtung des chinesischen Engagements auch Widersprüche hervorbringt.  

Chancen für Entwicklungsländer?
Bedeutet China wirkliche eine Chance für die Entwicklungsländer? Auf diese Frage kommen die Autoren immer wieder zurück und beantworten sie mit »ja, aber«. Zum »aber« zählt aus ihrer Sicht die vollkommene Gleichgültigkeit gegenüber den Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Großprojekten. Unabhängig von der Stärke der jeweiligen Gewerkschaften, wo sie es denn überhaupt gibt, muss die Einhaltung internationaler Standards auch von China erwartet werden.   Viele Regierungen Afrikas, Lateinamerikas und Zentralasiens haben das Engagement Chinas in ihren Ländern sehr begrüßt, vor allem den schnellen Aufbau von Infrastruktur zu günstigen Krediten. Die Autoren analysieren die chinesischen Interessen an diesem Engagement und die damit verbundenen politischen, sozialen und ökologischen Auswirkungen. Es ist zu bewundern, wieviel Licht sie in den Nebel der Intransparenz der Abkommen zwischen Regierungen, zwischen Unternehmen und deren Finanzierung gebracht haben.
Fazit: Das Buch ist unbedingt zu empfehlen, sowohl für Anhänger des chinesischen Engagements wie für Kritiker und auch für alle, die sich für den Prozess der Veränderung weltwirtschaftlichen Machtgefälles interessieren.   

Monika Huber

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