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Peter Fröberg Idling
Pol Pots Lächeln. 
Eine schwedische Reise durch das Kambodscha der Roten Khmer 
Verlag: Edition Büchergilde 2013 
351 Seiten, € 22,95
ISBN-13: 9783864060212
ISBN-10: 3864060214 

177.
Als Test.
Ich tausche aus: das Böse
Schreibe: Fehlen von Empathie.
Frage: Wird es mehr oder weniger fassbar?


Peter Fröberg Idling ist 1972 geboren und hat einige Jahre in Kambodscha gelebt. Oft ist er der Frage begegnet »Warum haben sie uns getötet?«. Sie war Anstoß, sich mit dem Aufstieg und der Schreckensherrschaft der Roten Khmer von 1975 bis Anfang 1979 zu beschäftigen. Auf diese Frage eine Antwort zu finden, sei für die kambodschanische Bevölkerung wichtig, und er erhoffe sie sich von beiden Prozessen  des Roten-Khmer-Tribunals gegen einige Anführer der Roten Khmer. Drei aus der vorderen Riege wurden bisher wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt.

Reise in die Vergangenheit
Peter Fröberg Idling hat das Buch nicht als Sachbuch über die neuere Geschichte Kambodschas und seiner Kultur angelegt -was für ihn als Journalisten durchaus nahegelegen hätte- ,sondern er hat eine Reise und eine Recherche beschrieben. Er hat fast 30 Jahre nach der Reise einer schwedischen Delegation 1978 diese Reise wiederholt. Er wollte die Orte besuchen, die die Delegation damals gesehen hat. Er wollte verstehen, wie es kommen konnte, dass ihr Reisebericht in Buchform überaus enthusiastisch ausfiel.

Eine Ebene des Buches ist der Versuch, mit den Mitgliedern der damaligen Delegation zu sprechen. Ihr Bericht ist Ausgangspunkt für die eingeschobenen Portraits der kambodschanischen Studentengruppe in Frankreich, die später mit Pol Pot als Nummer 1 die Führung der Roten Khmer übernehmen sollte. Eine weitere Ebene des Buches ist die Reise des Autors auf den Spuren der schwedischen Delegation mit Exkursen zu Veränderungen seit damals und der vorsichtigen Frage, was möglicherweise heute, aber nicht damals zu sehen sei oder was schon immer wahrgenommen hätte werden können. Die dritte Ebene beschreibt die Schicksale der Kambodschaner, die damals die Delegation abgeholt, begleitet, das Programm gestaltet und gedolmetscht haben. Auf dieser Ebene erfahren wir, wer wie gelebt und umgekommen ist.


Es ist dem Autor wichtig, nicht allein von 1,2 – 2 Millionen Toten zu sprechen, sondern das Schicksal einzelner zu beschreiben. Das gelingt ihm mit großer Genauigkeit und Einfühlsamkeit. Immer wieder bezieht Fröberg Idling auch die weltpolitische Ebene ein, zeigt, wie Kambodscha rücksichtslos in den Indochinakrieg einbezogen worden ist und wie vor allem die USA und China gänzlich gleichgültig der Interessenslage Kambodschas und der Not der Bevölkerung gegenüber agiert haben. 

Hoffnung auf gelungene Revolution
Aber zurück zur schwedischen Delegation, auf die das Buch nach allen Exkursen immer wieder Bezug nimmt. Peter Fröberg Idling wundert sich heute, wie damals ein so kleines Land die Schlagzeilen in Schweden derart dominieren konnte, und in Abstufungen war das in vielen europäischen Ländern der Fall. Kambodscha  war die Hoffnung einer gelingenden Revolution in einem armen Land. Es sollte gelingen, man wollte Zeuge dieses Gelingens sein. Das könnte der Grund für die breite Aufmerksamkeit gewesen sein, die die Reise der schwedischen Delegation der Freundschaftsgesellschaft Kampuchea in den Medien damals bekam.

Die Freundschaftsgesellschaft war ein Jahr vor der Reise gegründet worden. Jan Myrdal, bekannt von seinen Berichten über ein chinesisches Dorf, war mit damals über 50 Jahren der älteste Delegierte, ein renommierter Autor. Er wollte mit Peter Fröberg Idling nicht sprechen; denn was er geschrieben habe, wolle er nichts hinzufügen. Mit Hedda Ekerwald sieht sich der Autor die Dias der Reise an. Sie stellt ihm ihr Reisetagebuch zur Verfügung. Sie erinnert sich an Orte, Namen und daran, dass sie jederzeit unterwegs mit Menschen sprechen konnten. Nichts auf den Bildern lässt das Grauen ahnen. Gunnar Bergström ist damals der Vorsitzende der Freundschaftsgesellschaft und heute der Meinung, dass die Reise damals nicht hätte gemacht werden sollen. Die Reise hält er auch heute nicht für eindeutig, obwohl viele ihrer Gesprächswünsche abgelehnt worden seien. Auch das entvölkerte Phnom Penh konnten sie nicht besuchen. Maria Wikander wird in die Delegation aufgenommen, darf aber während der Reise nicht nach ihrem verschwundenen kambodschanischen Ehemann fragen. Sie lehnt die Interviewanfrage des Autors ab.  

Teilnahme an einer großen Show
Die Delegation besuchte das Land zu einem Zeitpunkt, als die Grenzen schon geschlossen waren. Bei ihrer Ankunft waren bereits 1,3 Millionen Menschen gestorben. Sah die Delegation und sagte bei ihrer Heimkehr nichts, weil sie noch an die Revolution glaubte? Oder sah sie nichts? Oder konnte sie nichts sehen? Der Autor arbeitet alles vorhandene Material über die Reise und die damaligen Ereignisse durch. Einfache Antworten fallen ihm immer schwerer. Letztlich begreift man aber, dass -wie andere Delegationen auch- diese Delegation an einer großen Show teilgenommen hat, arrangiert bis ins kleinste Detail.  

Kritische Reflexion über revolutionären Kampf
Nach der Lektüre des Buches wird man vorsichtig mit der Aussage, man habe etwas gesehen, sich ein Bild gemacht. Man wird noch vorsichtiger mit der Einschätzung von Menschen, die an einer zweiwöchigen Reise in einen Staat teilgenommen haben, der die eigene Bevölkerung drangsaliert. Und für die, die damals begeistert waren, ist es an der Zeit, noch kritischer als bisher die eigene Begeisterung für revolutionäre Gewalt und Umwälzungen zu befragen. Das ist die Aufgabe, die nach der gewinnbringenden Lektüre dieses Buches bestehen bleibt.  

Lesen Sie es! Die literarische Könnerschaft und die journalistische Genauigkeit und der Selbstzweifel des Autors machen das Buch zu einer herausragenden Lektüre. Auch in Deutschland war der Diskurs über die »revolutionäre Gewalt« in der  Solidaritätsbewegung von großer Bedeutung. Das Buch von Peter Fröberg Idling kann für die kritische Aufarbeitung dieses Kapitels der bundesdeutschen Solidaritätsgeschichte viele und wichtige Anregung geben. Über Rückmeldungen der Leser und Leserinnen des Buches von Peter Fröberg Idling würde ich mich als Verfasserin dieser Rezension deshalb sehr freuen.  

Rezension: Monika Huber  



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