Chimamanda Ngozi Adichie
Heimsuchungen

12 Erzählungen
Fischer Verlag 2016
Hardcover
300 Seiten; Preis € (D) 19,99
ISBN: 978-3-10-000625-7

Die 2012 in Deutsch erschienenen Erzählungen der 1977 geborenen Autorin zeigen das große Können der nigerianischen Schriftstellerin schon bevor 2013 ihr viel gepriesener Roman »Americanah« veröffentlicht wurde (in Deutsch 2014). Diese 12 meisterhaften Erzählungen liegen nun als Taschenbuch vor.

Sie werden aus der Bahn geworfen
Ch. N. Adichie lebt in Lagos und in den USA. Ihre Erzählungen handeln von Menschen, die aus beruflichen Gründen Nigeria verlassen und andernorts (meist in den USA) leben. Sie sind voller Hoffnung bereit, sich anzupassen, sich einzuordnen und werden dennoch aus der Bahn geworfen, aus ihrer persönlichen Bahn. Jede Erzählung enthält aber auch die besonderen Lebensbedingungen Nigerias, vorallem die Zerrissenheit der Gesellschaft. Der gelegentlich unheilvolle Einfluss der ethnischen Herkunft und Traditionen und die für die meisten undurchschaubare nigerianische Politik bringen die Protagonisten zu Hause oder in der Fremde aus dem Takt. Das alte Leben in der Heimat und das neue in Übersee stehen nicht nebeneinander, sondern fließen ineinander, das Leben in Nigeria verändert sich durch die Erfahrungen außerhalb des Landes.

Gefängniserfahrungen

In der ersten Erzählung des Bandes »Zelle« eins berichtet eine junge Frau von den Erfahrungen ihres Bruders im Gefängnis. Sie hält ihn mehr oder weniger für einen Taugenichts, dem nichts Gescheites einfällt und der sogar die Eltern belügt und bestiehlt. Unvorsichtigkeit bringt ihn ins Gefängnis. Was er dort erlebt, lässt ihn nicht nur alle Großmäuligkeit vergessen, sondern verändert seine Haltung gegenüber Gewalt und Ungerechtigkeit. Wie weit die Veränderung geht, das bleibt offen. Es ist ein Merkmal dieser Erzählungen, dass sie keine einfachen Schlussfolgerungen zulassen, sondern ihre Protagonisten sich in widersprüchlichen Situationen vorfinden und persönliche Antworten im Handeln finden müssen. Sehr genau wird das Schicksal von nigerianischen Ehefrauen in den USA beschrieben, deren Männer aus beruflichen Gründen zwischen Nigeria und den USA reisen und nicht selten ihre Frau mit einer Geliebten überraschen. Adichie nun konzentriert sich auf die lange in der Schwebe bleibende Reaktion der Frauen – werden sie protestieren oder sich fügen. Was besser ist, lässt sich nicht so leicht feststellen.
Wie auch immer sich die Frauen entscheiden, Adichie bringt uns dazu, uns an ihre Seite zu stellen. Das gelingt sogar in einer Erzählung, die vollkommen unterschiedliche Frauen aus verschiedenen Ethnien auf der Flucht vor Gewalt zusammenführt.

Gewaltausbrüche sind nie »privat«

Gewalt herrscht in den Straßen, und es ist fast unmöglich, sich gegenseitig zu vertrauen. Zwei Frauen treffen sich, die sich wegen ihrer sozialen Herkunft und der unterschiedlichen Religion niemals getroffen hätten, nun aber beide sehen müssen, wie sie überleben können. »Ein privates Erlebnis« heißt die Erzählung, jedoch wird gerade in dieser Erzählung deutlich, wie wenig privat Gewaltausbrüche in Nigeria sind. Auch in dieser Erzählung bleibt vieles unausgesprochen, aber der Leser wird ergriffen.

Was ist von der westlichen Überezeugung geblieben?

Wunderbar ist auch die Erzählung »Geister« , in der ein westlich gebildeter Nigerianer plötzlich ganz persönlich mit dem Geist eines Verstorbenen konfrontiert wird und damit gezwungen wird, sich noch einmal mit einem lange zurückliegenden Übergriff auf die Universität und deren Professoren auseinanderzusetzen. Er hält, was ihm wiederfährt, für unwissenschaftlich, dennoch ist er fasziniert. Als Leserin lässt sich am Ende nicht entscheiden, was von seiner westlichen Überzeugung übrig bleibt. Wer weggeht, träumt den amerikanischen Traum von Wohlstand und Freiheit und wird enttäuscht, wer zurückbleibt, bleibt mit seiner Sehnsucht und Liebe oft alleine.

Die Herkunft leugnen
In der Erzählung »Die Ehestifter« wird die Erzählerin in Nigeria für eine Ehe in den USA gewonnen; es ist ihr Traum. Dort angekommen muss sie sich fragen, warum ihr Mann eine Frau in Nigeria gesucht hat, denn er versucht, selbst so zu tun, als sei er Amerikaner und verlangt auch von ihr die Leugnung ihrer nigeriansichen Herkunft. Lange verschweigt er ihr, dass er schon eine Amerikanerin geheiratet hat, um die Green Card zu bekommen. Sie verlässt die Wohnung, aber sie kehrt zurück, sie weiß, dass sie ihn noch nicht verlassen kann. Sie muss erst Fuß fassen und eine Arbeitserlaubnis bekommen.

Jede der zwölf Erzählungen ist ein Kleinod. Es wäre schade, wenn die Erzählungen wegen ihres preisverdächtigen Romans »Americanah« nicht genügend Aufmerksamkeit finden würden.
Fazit: Die nun vorliegende Taschenbuchausgabe kann man gar nicht oft genug verschenken!

Monika Huber


 

 

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