Aya Cissoko
Ma

Verlag: Wunderhorn, Heidelberg 2017
186 Seiten
Preis 24,80 €
ISBN-13: 9783884235720
ISBN-10: 3884235729

Aya Cissoko, geboren 1978 in Paris, ist von Anfang eine Kämpferin. Sie will sich nicht vorschreiben lassen, was sie zu tun hat, nicht von ihrer Mutter, nicht vom Clan des Vaters aus Mali. Der Boxsport rettet sie vor der Verzweiflung. 2006 gewinnt sie bei den Weltmeisterschaften im Amateurboxen. Sie kämpft sich nach einem schweren Unfall beim Boxen ins Leben zurück und beginnt zu schreiben. Bei allen Kämpfen, die sie als Kind, Jugendliche und junge Frau zu bestehen hatte, steht ihre Mutter hinter ihr. So empfindet es die Autorin auch im Nachhinein, als sie selbst ein Kind bekommt. Jenseits aller Kämpfe erkennt sie, dass die Mutter ihr ein Leben in Würde vorgelebt hat. Als ihre Mutter mit nicht einmal 60 Jahren stirbt, setzt sie ihr mit dem Buch »Ma« ein Denkmal. Es ist ihr zweites Buch, ihr Erstlingswerk (»Danbé«) wurde bereits verfilmt.

Von Mali nach Paris
Aya Cissoko erzählt in »Ma« die Geschichte ihrer Mutter Massiré Dansira, die aus dem Volk der Bamanan in Mali stammt. Bereits mit 15 Jahren wird sie verheiratet und zu ihrem viel älteren Ehemann in die Banlieues von Paris geschickt. Um diese Heirat zu ermöglichen, wird sie in ihren Ausweispapieren jünger gemacht. Ihr Ehemann stammt ebenfalls aus Mali und war nach Frankreich gekommen, um hier zu arbeiten. Mit der Heirat wechselt Massiré Dansira in den Clan des Mannes, der in ihrem Leben in Frankreich immer präsent ist.
»Ma« erzählt zugleich die Geschichte der Autorin und ihrer Beziehung zu ihrer Mutter. Berichtet wird über den harten Alltag der Mutter in einem fremden Land, dessen Sprache sie weder sprechen noch lesen kann und das ihr eine harte Anpassung abverlangt. Trotz dieser Widrigkeiten versucht sie, die Familie zu ernähren und zusammenzuhalten, außerdem die Kinder vor zu viel Einflussnahme durch den väterlichen Clan zu schützen. Die Widerborstigkeit ihrer Tochter versteht sie meist nicht, hält aber in den größten Krisen zu ihr. Bis zuletzt muss Massiré hart arbeiten. Erst als sie erlebt, dass Aya mit ihrer eigenen Tochter umzugehen weiß, kann sie sterben.

Prägende Erlebnisse
Ayas Aufzeichnungen beginnen mit der Beerdigung der Mutter. Für die Tochter bedeutet die Beerdigung, dass sie sich klar und ohne Kampfmodus als erwachsene Frau noch einmal gegen den Clan und auch gegen den eigenen Bruder durchsetzen muss, um ihre Mutter würdevoll zu beerdigen. Sie sieht deutlich, wie ihre Mutter in ihrem Leben durch die Verwandten einerseits und die französische Umgebung andererseits bedrängt wurde. Wie schwer muss es für Massiré Dansira, im Buch Ma genannt, gewesen sein, Freiraum für die Kinder zu schaffen. Die Aufgabe, allein die Familie durchzubringen, als Mann und eine Tochter im Feuer im Wohnhaus umkommen, ist fast nicht zu bewältigen. Als dann plötzlich noch eine Tochter stirbt, scheint Ma zu zerbrechen. Es dauert lange, bis Aya und ihr Bruder Koroko, die noch keine zehn Jahre sind, wieder mit ihrer Mutter rechnen können. Aya findet Halt in der Schule, die ihr überwiegend gut gefällt. Zu Hause, so erfährt man es in verschiedenen Anekdoten, machte sie ihrer Mutter das Leben so schwer wie möglich. Erst mit der Zeit entwickelt die Tochter Verständnis dafür, was ihre Mutter zu bewältigen hat.

Abhängig vom Familien-Clan
In ihrer angespannten Lage und den Schwierigkeiten mit den Kindern weiß die Mutter sich nicht anders zu helfen, als einen entfernten Verwandten mit in die Wohnung zu nehmen. Als die Mutter erfährt, dass er die Kinder schlägt, wirft sie ihn hinaus. Erst das Boxen bringt für die Tochter den Ausweg aus der Verzweiflung und lehrt sie, ihre Wut zu beherrschen. Sie lernt, für eigene Ziele zu kämpfen. So schafft sie auch schließlich das Abitur, obwohl sie wegen ihres Verhaltens die Schule verlassen musste. Ma sieht sich 1995 gezwungen, noch einmal zu heiraten. Als dritte Frau heiratet sie einen traditionellen Heiler, der seine ganze Anhängerschaft mit in die Wohnung bringt. Über ihn und seine Besucher machen sich die Geschwister lustig und grenzen sich von Anfang an ab, bis die ganze Begleitgesellschaft des neuen Ehemannes schließlich wieder auszieht.

Massiré Dansira ist durch die erneute Heirat von einem weiteren Clan abhängig und wird schließlich von ihrem Mann um ihre mit harter Arbeit erworbenen Ersparnissen gebracht. Sie trennt sich augenblicklich von dem Mann. Selber schon krank, hilft sie ihrer Tochter nach dem Halswirbelbruch beim Grand Slam wieder zu genesen. Sie ermutigt sie sogar, die Schmerzen auszuhalten, um so vom Morphium loszukommen und die rechtsseitige Lähmung zu überwinden.

Aya Cissoko musste in ihrem Leben zunächst lernen, »nein« zu sagen, um dann »ich«, später dann »ja, aber« sagen zu können. Beim Begräbnis ihrer Mutter wird ihr bewusst, dass sie sich in die Geschichte ihrer Familie auf ihre Weise eingereiht hat, kämpfend wie ihre Mutter.

Fazit Das Buch ist teilweise noch einmal der Aufschrei des Kindes, zugleich aber die einsichtsvolle Würdigung der erwachsenen Tochter. Die Familiengeschichte und die Geschichte der Mutter, einschließlich deren Kindheit in Mali, wird anekdotisch erzählt. Das ist diesem oft auch lakonischen Bericht angemessen. Als Leserin habe ich einen Einblick bekommen in die Welt einer bestimmten Familie, eines bestimmten Clans, eines bestimmten Volkes aus Mali mit dem erzählerischen Schwung einer jungen Frau, die über eine genaue Beobachtungsgabe verfügt und über sich selbst Bescheid weiß. Und sie weiß, was es heißt, alleine in den Banlieues durchkommen zu müssen, was es heißt, abhängig vom Clan zu sein, was es heißt, Angst vor Erfolglosigkeit zu haben, die Stärke zu haben, die soziale Kontrolle auszuhalten. Andererseits werden auch die von der Mutter nicht verstandenen Anforderungen des Lebens in Frankreich sehr plastisch erzählt. Für den deutschen Leser sind dies spannende Einblicke in die Welt der Einwanderer in Frankreich. Deutschland ist nicht Frankreich. Vielleicht ist hier für die Zuwanderer vieles anders. Trotzdem: Wann wird es in Deutschland Schriftstellerinnen geben, die wie ein Wirbelwind durch ihre Herkunft und das Leben in Deutschland jagen und dafür die richtige Sprache finden? Bis dahin wünsche ich mir noch mehr atemlose Romane und Berichte von Aya Cissoko.

Monika Huber

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