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Barbara Skidelsky Elmar Acosta Maude Altvater Christine Barlow Ulrich Bauhardt
Mehr geht nicht!
Der Postwachstums-Reader

Verlag: Blätter Verlagsgesellschaft, Berlin 2015
325 Seiten
Preis 18,00 € 
ISBN-13: 9783980492591
ISBN-10: 3980492591

Wer den Reader »Mehr geht nicht!« in Händen hält, wird sofort geneigt sein, den Titel zu bestätigen. Denn mit seinen immerhin 30 Beiträgen entfaltet das Buch ein thematisches Panorama, in dem kaum etwas fehlt. Aber bedarf es dieses Aufwands, um das Ende der bisherigen Wachstumsgesellschaft zu durchleuchten? Man könnte meinen, das Bewusstsein von den Grenzen des Wachstums sei mittlerweile Gemeingut. Doch ein kurzer Rückblick in die jüngere Vergangenheit der deutschen Politik lehrt, das dem nicht so ist – gab es doch noch 2009 ein sogenanntes Wachstumsbeschleunigungsgesetz, das dem Glauben an das Wachstum als Mittel zur Krisenüberwindung huldigte. Selbst dem damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler war das nicht ganz geheuer, als ihm das Gesetz zur Unterzeichnung vorgelegt wurde. Allerdings zweifelte er weniger am Wachstum selbst als am Staat als Wachstumsmotor. Aber der Reihe nach.

Wie mit den Begrenzungen umgehen?
Die in diesem Reader versammelten Beiträge sind in den letzten Jahren in den »Blättern für deutsche und internationale Politik« veröffentlicht worden. Sie befassen sich nicht mit einzelnen Aspekten der drohenden Klimakatastrophe oder der Auflistung der Endlichkeit natürlicher Ressourcen, sondern mit der Frage, wie Wirtschaft und Gesellschaft mit diesen Begrenzungen umgehen sollen. Kurz, es geht darum, wie wir künftig leben wollen in einer Welt, die dem bisherigen Wachstumsmuster nicht mehr folgen kann. Was soll an dessen Stelle treten? Verzicht auf Wachstum, Schrumpfung oder doch ein anderes Wachstum?

Wie eng unsere heutige Wirklichkeit mit der Idee des Wachstums verbunden ist, machen die Beiträge von Harald Welzer und Serge Latouche deutlich. Sie befassen sich mit der Genese der Wachstumsvorstellung und zeigen, wie tief sie in unsere Alltagswelt eingedrungen ist. Historisch gesehen ist die Vorstellung einer offenen Zukunft, in der die Verfügbarkeit über Güter und das persönliche Glück gestaltet werden können, jüngeren Datums. Der Bruch mit der antiken Vorstellung immer wieder kehrender Kreisläufe hat sich im Umfeld der Französischen Revolution vollzogen. Seitdem dominiert die Vorstellung einer offenen Zukunft, die der Gesellschaft den Weg zu immer weiterer Entwicklung und wachsendem Glück ebnet. Diese Vorstellung, so Welzers Befund, hat auch Eingang gefunden in das individuelle Selbstverständnis und die persönliche Lebensgestaltung; wir streben danach, »etwas« - und zwar etwas Besseres und Höheres - aus unserem Leben zu machen. Dieses für die Moderne konstitutive Lebensgefühl ist jedoch auch freiheitsstiftend für den modernen Menschen – und es dürfte kaum möglich sein, Gesellschaften zu finden, in denen die Menschen bereit wären, auf diese Errungenschaft der Moderne zu verzichten. Der Ruf nach der Postwachstumsgesellschaft klingt hier wie der Ruf nach dem neuen Menschen. Beide Autoren sind zwar stark in der Diagnose, aber eher vage in der Therapie.

Green Economy oder Vermarktung der Natur?
Nach der Lektüre dieser beiden Aufsätze ist man geneigt, den Ausführungen von Ralf Fücks zuzustimmen, der nicht gegen Wachstum an sich argumentiert, sondern für ein anderes, für grünes Wachstum plädiert. Für ihn steht fest: »Keine Gesellschaft kann ihre Zukunft durch bloße Umverteilung des vorhandenen Reichtums bestreiten.« Er gibt sich als Anhänger eines »European New Green Deal« zu erkennen, der auf Innovation und entsprechende ökologische Investitionen setzt. Seine Vorstellung von »green economy« findet politisch derzeit am ehesten Anhänger im Realoflügel von Bündnis 90/Die Grünen, kann aber auch auf Ernst Ulrich von Weizsäckers´ »Begeisterung für die grüne industrielle Revolution« verweisen. Fücks‘ Kritik am Wachstumspessimismus und dessen Vertretern, die zahlreich in dem Reader zu Wort kommen, ist nicht immer frei von polemischen Untertönen. Widerspruch gegen ihn kommt aus dem grünen Lager selbst im Beitrag von Barbara Unmüßig und ihren Ko-Autoren. Sie warnen vor der Inwertsetzung natürlicher Ressourcen, in der sie eine Abkehr vom Konzept nachhaltiger Entwicklung und das Einfallstor für eine Vermarktung der Natur nach kapitalistischem Muster sehen.

In der Tat kommt es bei der Implementierung einer Politik der »green economy« entscheidend darauf an, differenziert und politisch überlegt zu handeln. Dafür steht der Beitrag von Reinhard Loske, der sich mit der »shared economy« befasst und die Spannweite zwischen der eher nachbarschaftlich geteilten Nutzung von Gütern, zum Beispiel Autos, und dem von Konzernen als Geschäftsmodell verfolgten Sharing befasst. Beide gehen nicht ohne weiteres eine Symbiose ein; vielmehr verlangt die unterschiedliche Gemeinwohl- bzw. Gewinnorientierung beider Ansätze eine je eigene politische Stützung, die auf Förderung und Stabilisierung oder aber auf Regulierung und Wettbewerbskontrolle zielt.

Chancen individuellen Handelns
Nicht alle Beiträge stoßen bis in die Ebene praktischen politischen Handelns vor. Das ist nicht unbedingt ein Mangel, ist doch die Transformation der traditionellen Wachstumsgesellschaft in eine Postwachstumsgesellschaft ein vielschichtiger Prozess, der auch theoretisch angemessen durchdrungen werden muss. Bereichernd sind auch die Abhandlungen, die für die Suche nach Leitvorstellungen aus anderen Kulturtraditionen stehen, wie die Beiträge von Alberto Acosta, der den Lesern das in der andinen Tradition wurzelnde Konzept des »Buen Vivir« (gutes Leben) nahebringt, und von Vandana Shiva, die sich auf Rabindranath Tagore für die Notwendigkeit eines Dialogs mit der Erde bezieht.

Viele Beiträge eint, dass sie für eine nachhaltige Transformation Handlungsnotwendigkeiten sowohl auf individueller wie auf systemischer Ebene sehen. Gleichwohl können sich Leserinnen und Leser, die sich einem alternativen Lebensstil verschrieben haben, in ihrem Verhalten ermutigt fühlen, wenn sie erfahren, wie viel Richtiges auch unter den jetzigen Bedingungen schon getan werden kann. Dafür stehen u.a. Bernd Ladwigs Plädoyer für fleischlose Ernährung, Christa Müllers Skizze der urbanen Gartenbewegung, aber auch und vor allem Elmar Altvaters erhellende Erläuterungen zum Wert genossenschaftlichen Handelns.

Fazit
Was gefällt, welcher Position zugestimmt wird, wo der entscheidende Zugewinn an Einsichten gefunden wird, das dürfte sehr unterschiedlich sein. Es hängt nicht nur von Vorkenntnissen, sondern auch vom jeweiligen politischen Standort ab, auf welche Argumentation er oder sie sich eher einlässt. Insgesamt ist die Vielfalt der angerissenen Fragen beeindruckend, auch wenn die Beiträge mit theoretischer Prägung überwiegen. Die Mehrzahl der Autorinnen und Autoren kommt aus dem Wissenschaftsbereich. Die Lesbarkeit ist aber durchweg gegeben, argumentiert wird auf dem Niveau eines gehobenen Wissenschaftsjournalismus. Dankenswerterweise hat der Verlag in der Inhaltübersicht den Beiträgen kurze Zusammenfassungen beigegeben, was die Entscheidung für die jeweilige Lektüre deutlich erleichtert. Wie schon erwähnt, sind alle Beiträge zuvor in den »Blättern für deutsche und internationale Politik« veröffentlicht worden. Dass diese Zeitschrift der Diskussion eines der Zukunftsthemen schlechthin so kontinuierlich Raum gibt, ist bemerkenswert. Wer sich für die Thematik interessiert und an der fortschreitenden Debatte beteiligt sein will, sollte erwägen, die Zeitschrift regelmäßig zu lesen. Nach der Lektüre des Readers wird die Entscheidung dafür umso leichter fallen.

Jürgen Hambrink


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