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Mulk Raj Anand

Gauri
Unionsverlag, 1. Aufl. 1993
228 Seiten, Euro: 8,90
ISBN-10: 3293200338
ISBN-13: 978-3293200333

Für den 1905 geborene Mulk Raj Anand war zumindest Kiplings Literatur ein Symbol der »kolonialen Phantasie«. Er selbst ist in seinen Büchern wenig romantisch, sondern beschreibt überwiegend das Leben der Armen und Kastenlosen.  Auslöser für sein Schreiben war eine Tragödie innerhalb seiner eigenen Familie. In seinem ersten Buch »Der Unberührbare« beschreibt Anand einen Tag im Leben des Latrinenputzers Bakha. Dieses 1935 erschienene Buch ist maßgeblich von Anands Begegnung mit Mahatma Gandhi beeinflusst.

1960 veröffentlichte Anand den Roman Gauri, der 1986 erstmals in deutscher Übersetzung im Unionsverlag Zürich erschien. Die sanft wie eine Kuh beschriebene Gauri (im ländlichen, indischen Kontext durchaus ein Kompliment) wird an Pantschi verheiratet.


Schuldensituation verschärft sich
Keiner der beiden Familien ist so wirklich mit dem Arrangement zufrieden, vor allem nicht unter ökonomischen Aspekten. Ihre Mitgift hält sich in Grenzen, seine Brautgeschenke halten dem kritischen Blick der Schwiegerfamilie kaum stand. Panschi ist als Waise bei der Familie seines Onkels aufgewachsen, er besitzt ein wenig Land, das er bereits für die Hochzeit beliehen hat.

Er ist ein Raufbold, der keinem Wortwechsel und keiner Prügelei ausweicht. Dies bringt ihn in Schwierigkeiten mit dem Geldverleiher, dem er das Geld nicht zur vereinbarten Zeit zurückzahlen kann. Der ausbleibende Monsun verschärft die finanzielle Situation des jungen Paares. Ihr Zusammenleben wird  erschwert durch die Eifersucht der Tante Kesaro, die nicht bereit ist, ihre Besitzansprüche an den jungen Mann aufzugeben. Sie macht die junge Frau schlecht, indem sie ihr Verstöße gegen den dörflichen Verhaltenskodex nachsagt.

Gauri erfährt Ablehnung
Gauri versucht der Gewalt ihres verunsicherten und den Einflüsterungen seiner Tante erlegenen Mannes auszuweichen, indem sie ihm Liebe und Unterwerfung bis zur Selbstaufgabe entgegen bringt. Der Umzug von Panchi und Gauri  zu einem muslimischen Töpfer und seiner Frau verschlechtert die Situation der jungen Frau. Als Gauri schwanger wird, zweifelt Panchi seine Vaterschaft an und schickt sie zu ihrer Mutter zurück. Auch dort nicht willkommen, verkaufen Mutter und Onkel Gauri  an einen verwitweten reichen Kaufmann, der alsbald seine ehelichen Rechte einfordert.

 

Sita, die tugendhafte Göttin und Ehefrau Ramas aus der Ramayana, ist Gauris Vorbild und imaginärer Halt. Sie flüchtet sich in Krankheit und gelangt so als Patientin in eine Klinik, in der sie Aufnahme findet und zur Krankenpflegerin ausgebildet wird. Sie lernt aus ihrer Sanftmut Stärke zu ziehen, doch möchte sie immer die tugendhafte Ehefrau von Panchi sein. Bald nach ihrer Rückkehr zu ihrem Mann, gewinnen Panchis Misstrauen die Oberhand und er wird Gauri gegenüber erneut gewalttätig. Sie verlässt ihn um ein selbstbestimmtes Leben zu beginnen und für ihr Kind eine andere Zukunft zu schaffen.

 

In seinem Buch setzt Anand sich eindrücklich mit der Rolle der Frau in der indischen Kastengesellschaft auseinander, seine Sympathien gehören Gauri. Er kritisiert nicht nur die Gewalt gegen Frauen, sondern er beschreibt zugleich die Einsamkeit eines jungen Ehepaares, denen außer dem Töpfer Rafike Taschtscha und seiner Frau Hur Banu niemand in elterlicher Weise beisteht.

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