Alex Perry
In Afrika: Reise in die Zukunft

S. Fischer-Verlag
544 Seiten
Preis €  24,99
ISBN-13: 9783100001931
ISBN-10: 3100001931

Einen Kontinent mit einem Begriff zu erfassen und ihn auf den Titel eines Buchs zu setzen, ist kein leichtes Unterfangen. Was gälte etwa für Europa? Auch für Afrika scheinen die Zeiten vorüber, in denen man das wagen konnte. Tania Blixens Verleger gehörte noch zu denen, die es mit einem eindrucksvollen Buchtitel riskierten. »Afrika – dunkel lockende Welt« setzte er auf den Umschlag der deutschen Ausgabe. Spätere Autoren und Verleger taten sich schwerer. Bartholomäus Grill, der renommierte Afrika-Korrespondent der Zeit, seufzte vor Jahren »Ach, Afrika!« und stimmte damit auf bildungsbürgerliche Nachsicht ein. Und nun also Alex Perry. Sein Buch kommt mit dem Entschlossenheit signalisierenden Titel »In Afrika – Reise in die Zukunft« daher.

Situative Korrektheit
Es ist eine rasante Reise, auf die der Autor seine Leserinnen und Leser mitnimmt; sie führt in vierzehn Kapiteln von Somalia im Norden bis Südafrika im Süden und von Guinea-Bissau im Westen bis Kenia im Osten. Perry, langjähriger Afrikakorrespondent von Time Magazine und Newsweek, schreibt  im unnachahmlich direkten Reportagestil anglo-amerikanischer Journalisten. Da geht es immer um Begegnungen mit einzelnen Menschen, um ihre Aussagen und Einstellungen, die der Reporter getreulich notiert.  Die Texte gewinnen damit eine eindrückliche situative Konkretheit. Das ist eine der großen Stärken des Buches. Perrys Anspruch, mit dieser Reportagetechnik ein originäres Bild Afrikas aus der Sicht von Afrikanern zu zeichnen, erscheint jedoch überhöht.  Denn das Bild, das ihm vermittelt wird und das er an seine Leser weiter gibt, ist unvermeidlich geprägt von der Auswahl der Personen. Welche Spektren gesellschaftlichen Lebens decken sie ab? Mit welchem Vorverständnis und welchem Erkenntnisinteresse trifft Perry seine Auswahl?  Nun, es spricht für Perry, dass er Leser darüber nicht im Unklaren lässt.  Schon im ersten Kapitel notiert er, »dass mich am meisten der Krieg interessierte.«

Fanatische Terroristen, korrupte Machthaber und ignorante Helfer
Konsequenterweise ist es keine Lektüre für laue Sommerabende, die Perry für seine Leser bereit hält. Perry berichtet von Kriegen, von gewaltsamen Auseinandersetzungen und Hungersnöten. Und er schreibt über fanatische Terroristen, korrupte Machthaber und ignorante Helfer. Das könnte Sensationsjournalismus sein, aber Perry  überschreitet nicht diese rote Linie; es gelingt ihm von Mal zu Mal, Personen zu treffen, die Hintergründe und Genese solcher mörderischen Gewalttätigkeiten erläutern können. Oft ist es gerade die Verschränkung der drei »Geißeln« Dschihadismus, Despotismus und Helfersydrom, die diese Situationen heraufbeschwören. Am Beispiel Malis zeigt er auf, wie eine aus Sicht westlicher Geber demokratische Regierung durch den prosperierenden Drogenhandel in  Korruption versinkt und damit  Raum gibt für islamische Oppositionsgruppen, die sich unter dem Einfluss von Al-Qaida radikalisieren und einen Bürgerkrieg vom Zaum brechen. An dessen vorläufigem Ende sind die ursprünglich moralischen Werten des Islam pervertiert; der Al-Qaida-Ableger stützt sein Terrorregime auf die Gewinne aus dem weiterhin florierenden Drogenhandel. Notwendige Reformen und politischer Wandel bleiben aber auch dort aus, wo die alten Herrschaftsstrukturen überdauern; die Regierung lässt sich weiterhin alimentieren von einer ungebrochenen Welle der »Hilfsindustrie«. Die hatte Perry schon in seiner Betrachtung Somalias für die dortige Hungersnot mit in Haft genommen, hatten sich doch Hilfswerke dem westlichen Handelsembargo willig gebeugt und auf Hilfslieferungen verzichtet.

Über die Bedürfnisse der Bevölkerung hinweg setzend
Als ähnlich komplex beschreibt er die Verhältnisse in Nigeria. Weit ausholend  zitiert er die  Kolonialgeschichte Nigerias, in der britische Präferenzen für den Norden den Keim für bis heute anhaltende Spannungen legten. Aber unter den vielfältigen Faktoren, die die gegenwärtige Misere dieses an sich reichen Landes bestimmen, destilliert er als Hauptgrund die Abwesenheit verantwortungsvoller Regierungsführung heraus. Diese Leerstelle erlaubt es islamistischen Bewegungen wie Boko Haram wie auch wirtschaftlichen Eliten, ihre Machtinteressen ungezähmt zu verfolgen und sich über die Bedürfnisse breiter Bevölkerungsschichten rücksichtslos hinweg zu setzen.   

Radikalisierung durch militärisches Vorgehen des Westens
Boko Haram in Nigeria, AQIM (Al-Qaida im islamischen Maghreb) in Mali, al-Shahaab in Somalia – Perry unterzieht  sich der Mühe, diese islamistischen Terrororganisationen genauer zu verorten. Erhellend ist seine Skizze zur Entstehung islamistischer Gewalt  im Umfeld der ersten Attacke Al-Qaidas in Afrika, dem Anschlag auf die amerikanische Botschaft in Nairobi im Sommer 1998.  Dass die seitdem scheinbar unaufhaltsam weiter gegangene  Radikalisierung nicht naturwüchsig ist, sondern durch bloß militärisches Vorgehen des Westens weiter verschärft wurde und wird, glaubt er am Beispiel Somalias belegen zu können. Nicht immer fällt es dem Leser leicht, Perrys Argumentationen nachzuvollziehen. Perry verweist darauf, dass am Anfang des Islamismus mehr steht als Terror, dass ihm auch ein gesellschaftspolitisches Programm zugrunde liegt. Das  macht er an einzelnen Äußerungen Osama bin Ladens fest – und das klingt manchmal reichlich beschönigend; gerade so, als ob bin Ladens radikale Enkel sein Erbe verraten hätten und es nicht Osama bin Laden selbst war, der die Verantwortung für die Attacke von 9/11 trägt.

Gespenstische Surrealität
Ähnlich überraschend mild sieht er auch einige der umstrittenen Machthaber Afrikas. In seinem Porträt des ruandischen Präsidenten  Paul Kagame blendet er  kritische Aspekte  dessen autoritärer Regierungsführung weitgehend aus. Irritiert ist man auch von seinen Wertungen  der Person Robert Mugabes. Immerhin hat ihn Mugabes Regime für einige Zeit ins Gefängnis gebracht und seine Reportage über einen Wahlkampfauftritt  Mugabes zeigt die gespenstische Surrealität der seiner politischen Inszenierungen. Dennoch findet Perry fast schon einfühlsame Worte für Mugabes revolutionäre Vergangenheit. Diese verschiedenen Momentaufnahmen zu einem Bild zu runden, bleibt dem Leser überlassen. Man würde die journalistische Professionalität Perrys unterschätzen, würde man ihm dies als Fehler zurechnen. Im Gegenteil ist es die gewollte Herausforderung für den Leser, mit verschiedenen Beobachtungen und Aussagen umgehen zu müssen, sie zueinander  in Relation zu setzen und damit vorschnelle Urteile zu vermeiden: die Gegenwart Afrikas ist komplex, Afrika  hat viele Wahrheiten.

Überzeugter Optimist
Auf die Reise in Afrikas Zukunft, die der Titel verspricht, muss der Leser lange warten; erst die letzten drei Kapitel sind explizit der künftigen Entwicklung gewidmet. Sie sind spannend zu lesen. Es sind zunächst einige individuelle Erfolgsgeschichten junger Unternehmer,  die gut in das Förderschema für social entrepreneurship passen würden. Aber Perry setzt sich auch mit generellen Trends auseinander, etwa dem verstärkten Engagement Chinas in Afrika, das er positiv sieht, ohne die Skepsis zu verschweigen, mit der Kritiker in Afrika dieses Engagement betrachten. Insgesamt zeigt sich Perry als überzeugter Optimist, der fasziniert ist von der Kraft und der Kreativität der Menschen in  Afrika. Das ist es, was er am Ende »in Afrika« sieht.  

Man wäre nur zu geneigt, diesen Glauben zu teilen, gäbe es denn verlässliche Hinweise darauf, wie sich individuelle Stärke in politische Solidität umsetzt. Solchen Fragen gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse schenkt Perry wenig Aufmerksamkeit. Wer, dem hiesigen Entwicklungsdiskurs entsprechend, auf Zivilgesellschaft als relevanten Akteur für Entwicklung setzt, wird in dem Buch vergeblich nach Aussagen dazu oder Reflexionen darüber suchen. Aber die Lektüre ist dennoch sehr zu empfehlen, weil genaues Hingucken, wie es Perry praktiziert, allemal einen Zugewinn an Erkenntnis erbringen kann. 

Jürgen Hambrink

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