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Bei der Vielzahl fast täglich neu erscheinender Bücher bedarf es eines besonderen Anlasses, um auf einen Titel zu stoßen, der schon etwas älteren Datums ist. Nimmt man das Buch dann zur Hand, ist man überrascht und beeindruckt von seiner andauernden Aktualität.

Egon Schwarz
Unfreiwillige Wanderjahre

Beck-Verlag, 2. Aufl., München 2009
258 Seiten, Preis € 12,95
ISBN-13: 9783406586866
ISBN-10: 3406586864

Es waren diesmal die Nachrufe auf Egon Schwarz, die ihn nach seinem Tod vor einigen Monaten nicht nur als renommierten amerikanischen Germanisten würdigten, sondern auch die Bedeutung seiner Lebenserinnerungen als einem wichtigen Stück Exilliteratur hervorhoben. Es ist eine atemberaubende Geschichte, die Schwarz erzählt.

1922 in Wien als Kind jüdischer Eltern geboren, sucht er mit seiner Familie nach dem Anschluss Österreichs Zuflucht in der Tschechoslowakei, wo er bald im Niemandsland zwischen der Slowakei und Ungarn strandet. Von Prag aus gelingt es schließlich, die Flucht über Frankreich nach Südamerika zu organisieren. Viele Jahre des Exils verbringt Schwarz in Bolivien, wo er zum Überleben eine Unzahl von Gelegenheitsarbeiten als Handwerker, Verkäufer, Händler und im Bergbau ausübt. Später kommt in die USA, er studiert und schlägt eine akademische Laufbahn ein. Nach Wien kehrt er später nur als Besucher zurück.


Planen nur von Tag zu Tag
Seine Flucht vor Hitler lässt Schwarz alle Stationen einer unbehausten Existenz durchleben. Zweifellos ist sein Schicksal individuell; es enthält aber auch die offenbar immer gegebenen Elemente eines Flüchtlingsschicksals: die Abdrängung in die Illegalität, die oft vergebliche Jagd nach Reisedokumenten, die unvermeidliche Zahlung von Bestechungsgeldern, wenn es ums Überleben geht. Eindringlich skizziert Schwarz die Ungewissheiten eines Alltags, dem die längerfristige Perspektive abhandengekommen ist. »Planen«, so schreibt er, »kann man nur von Tag zu Tag, dann würde man weitersehen. Dieses Weitersehen war zur stehenden Phrase geworden.

Die Zukunft ist verrammelt
Im Grunde bedeutete sie, dass die Aussicht in die Zukunft verrammelt war. Kein Schritt, den man machte, bot die geringste Gewähr, dass er vernünftig war.« Die ständigen Unsicherheiten und Ungewissheiten, das Gefühl, zum Spielball nicht beeinflussbarer Mächte geworden zu sein, treffen ihn bis ins Mark. Er erfährt Rechtlosigkeit und den Verlust an innerer Sicherheit, von Identität und kultureller Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Es sind diese Passagen, die die Schilderungen seiner wechselhaften und abenteuerlichen Fluchtstationen begleiten und die die Lektüre so ergiebig machen. Sie lassen erahnen, was es bedeutet, Flüchtling zu sein.

Schwarz sieht sich nicht als Opfer

Beim Rückblick auf sein Leben zieht Schwarz ein bemerkenswertes Resümee. Er weigert sich, sich als Opfer zu sehen. Im Gegenteil, angesichts des Schicksals vieler, denen die Flucht nicht gelang, zeigt er sich mit seinem Leben versöhnt. Aber er rechnet sein Überleben auch nicht seiner eigenen Stärke zu. Er hat, wie er oft erwähnt, Glück gehabt: Menschen haben ihm geholfen, ihn geschützt und gefördert. Doch im Kern sieht er seinen Lebensweg überwiegend fremdbestimmt, »nämlich als ein Schicksal, das von historischen Mächten gestaltet wurde, die sich dem Einfluss, ja dem Verständnis entzogen.« Sie überlagern die jeweiligen, nur vermeintlich freien Entscheidungen

Blick zurück ohne Zorn
Dieses Verständnis individueller Schicksale vor dem breiteren Hintergrund politischer Geschehnisse kann unsere gegenwärtige Betrachtung der sogenannten Flüchtlingskrise erheblich bereichern. Auch für die nicht minder wichtige Frage der Integration, nämlich inwieweit jemand, der seine Heimat verloren hat, diese neu gewinnen kann, hält Schwarz einen Hinweis parat. Sein Blick zurück ist ohne Zorn, geprägt von Distanz auf das Zurückgelassene wie auf das neu Erworbene. Für den nicht heilenden Bruch des Heimatgefühls findet Schwarz dann eine sehr wienerische Formulierung: »Als alter Wiener sage ich mir: Ein bisserl ungern ist man eigentlich überall.« Das schmerzt, ist aber wohl wahr.


Peter Härtling
Djadi, Flüchtlingsjunge

Beltz-Verlag, Weinheim 2016
115 Seiten, Preis € 12,95
ISBN-13: 9783407821645
ISBN-10: 3407821646

In einem tieferen Sinne wahr ist auch die erfundene Geschichte, die der soeben verstorbene Peter Härtling über ein Flüchtlingskind erzählt. Djadi, der seine Familie bei der Flucht aus Syrien verloren hat, wird von einer Wohngemeinschaft älterer gut situierter Erwachsener aufgenommen.

Es rührt, dass sich Härtling in einer der Personen selbst als Flüchtlingskind aus dem Zweiten Weltkrieg porträtiert. Wladi, Härtlings Alter Ego, nimmt sich Djadis in besonderer Weise an und schafft es, eine vertrauensvolle Beziehung »auf Augenhöhe« aufzubauen. Das Einleben Djadis in den bundesdeutschen Alltag verläuft nicht frei von Konflikten; aber diese werden überwunden mit Toleranz und Verständnis. Das streift manchmal die Grenze zum Plakativen, doch sieht man dies dem Buch gern nach, richtet sich seine sympathische Botschaft doch darauf, den Zugewinn für alle Beteiligten durch dieses Zusammenleben zu vermitteln. Helfende und Hilfsbedürftige, so bringt es Härtling seinen Lesern nahe, sind sie auf die eine oder andere Weise alle.

Härtlings schmales Jugendbuch ist auch für Erwachsene eine wärmende Lektüre. Seinem Buch, wie auch den facettenreichen Erinnerungen von Erwin Schwarz, kann man nur viele Leserinnen und Leser wünschen.

Jürgen Hambrink

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