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Hans-Joachim Maaz  
Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm
C.H. Beck Verlag, München 2012
236 Seiten, Euro 17,95

Hans-Joachim Maaz ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Von 1980 bis zu seinem Ruhestand 2008 war er Chefarzt der Psychotherapeutischen Klinik im Evangelischen Diakoniewerk Halle.

Die narzisstische Gesellschaft ist die Fortsetzung »West« seines Bestsellers »Ost« Der Gefühlsstau (1990).

Seine Grundthese ist, dass unsere westliche, narzisstische Gesellschaft wirtschaftlich bankrott und politisch-ideell am Ende ist. Der Konflikt um Ressourcen, die Vergiftung der Gewässer, der Böden und der Luft, Klimawandel und soziale Ungerechtigkeit – alles belegt und bekannt.

Trotzdem reagiert die Politik nicht. Woran liegt das? An den Politikern? Helmut Kohl, Karl Theodor zu Guttenberg oder Christian Wulff sind prototypisch für die narzisstische Verfasstheit unserer Gesellschaft. Einsicht und Wandel ist von ihnen nicht zu erwarten.

Gier als narzistische Symptom

Es liegt an uns allen, an der Gesellschaft und ihrer Verfasstheit. Gier – das ewige Bemühen um kleine Vorteile und Profite - ist das narzisstische Symptom der Wachstumssucht. Sie hält ein anderes Gesellschaftsmodell, das ohne materielles Wachstum auskäme, gar nicht für möglich. Ähnlich wie Drogensüchtige, die sich ein abstinentes Leben gar nicht mehr vorstellen können. Dem zugrunde liegt eine narzisstische Störung, ein in frühester Kindheit erlittener Mangel an Liebe. Der »westliche Mensch« versucht dieses Defizit, was in einer Störung des Selbstwerts und der Selbstgewissheit mündet, zu kompensieren. Hauptkompensation für Selbstwertmangel sind Leistung und Konsum. Das Ergebnis ist eine auf ständiges Wachstum orientierte Gesellschaft. Diese ist an ihre Grenzen gestoßen und weiß nun nicht mehr weiter.

Einsicht und Vernunft mobilisieren keine Massen. Wahlen führen keine Änderung des Modells herbei, denn das demokratische System der Mehrheitsmacht drückt sich um notwendige, aber unpopuläre Entscheidungen. Wer 5 Euro für einen Liter Benzin fordert, fliegt raus. In der Vorstellung lebenswerter Alternativen bleibt der Autor vage, teilweise sogar fatalistisch. Struktureller Wandel kommt erst dann, wenn es einer Mehrheit auch materiell so schlecht geht, dass sie keine Perspektive mehr im »weiter so« sieht. Das heißt: erst wenn Verschuldung, Inflation, prekäre Beschäftigungsverhältnisse beziehungsweise Altersarmut die Reserven weggefressen haben.

Bedenkenswerte Ansätze, aber....

Maaz ist sich sicher, dass nicht »die Märkte« oder »die Verhältnisse« unser Handeln bestimmen, sondern vor allem unbewusste seelische Verhältnisse. »Das Sein bestimmt das Bewusstsein – aber das Unbewusste bestimmt das Sein«. (S.52)
Maaz liefert viele bedenkenswerte Einsichten und Einschätzungen, die die  struktur- und entwicklungspolitische Reflektion zur Krise der Wachstumsgesellschaft ergänzen. Aber wie (fast) immer, so fehlt auch dieser »westlichen« Studie der Blick in die eigene vorindustrielle Geschichte und der Vergleich mit anderen Kulturen und Gesellschaften. Dabei geht es nicht um »zurück«, sondern um praxisbezogenes Lernen, um »best practices«,  die zeigen, dass ein erfülltes Leben außerhalb des Wachstumsparadigmas möglich ist.

Rezension: Albert Recknagel

 

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