Ben Rawlence
Stadt der Verlorenen

Verlag: Nagel & Kimche, 2016
416 Seiten, Preis: 24,90 €
ISBN-13: 9783312006915
ISBN-10: 3312006910

 Ben Rawlence hatte Ende 2014 gehofft, dass seine Erfahrungen und genauen Kenntnisse des Lebens im größten Flüchtlingslager der Welt im Nationalen Sicherheitsrat in den USA Eindruck machen würden. Sein Bericht prallte auf das schon gefällte Urteil über somalische Flüchtlinge in Dadaab (Kenia), dass sie entweder Terroristen sind oder zukünftig werden, schon auf Grund ihrer Armut und der Aussichtslosigkeit ihrer Lage.  

Ausgezeichnete Reportage
Ben Rawlence scheiterte mit dem Versuch, eine andere Sichtweise zu vermitteln und sich für die Bewohner von Dadaab einzusetzen. Vier Jahre ist er immer wieder dorthin gefahren, auch in die verschiedenen kleinen Lager, die das große umgeben. Sein Buch ist eine gut recherchierte und ausgezeichnet geschriebene Reportage über das tägliche Leben dort. Durch die Jahre und durch das Lager wird der Leser von den Berichten über sechs Bewohner geführt. Als Menschenrechtsbeobachter hat er gelernt, genau hinzusehen und auch zu durchdringen, wie das alltägliche Leben sich mit den politischen Entscheidungen in Kenia und auf UNO-Ebene ändert. Als Journalist hat er sich entschieden, keine kurzfristige Reportage zu machen, sondern über lange Zeit den Weg einzelner Frauen und Männer im Lager zu verfolgen und über diesen Weg auch das System des Flüchtlingslagers zu erläutern.

Clan-Zugehörigkeit entscheidend
In diesen Tagen besteht Dadaab 25 Jahre, entstanden für die Flüchtlinge des somalischen Bürgerkriegs 1992. Somalis leben in Somalia, in Somaliland und in Puntland, außerdem im Gebiet des heutigen Kenia (Nordosten). Viele sind Nomaden gewesen, für die Grenzen unbedeutend waren. Nach wie vor spielt die Clan-Zugehörigkeit eine entscheidende Rolle, manche Clans stellen auch einflussreiche Warlords. Die meisten Somalis aus Somalia sind sunnitische Moslems. Der wahabitische Einfluss aus Saudiarabien ist wie in ganz Ostafrika über die Jahre gewachsen. Gegner sind Äthiopien, Kenia, die Regierung von Somalia und alle Somalis, die sich nicht dem Islamverständnis der Miliz unterordnen wollen.
Dadaab ist ein kleiner Ort im Nordosten Kenias, 100 km von der somalischen Grenze entfernt. Der Ort Dadaab ist auf Karten verzeichnet, das nahe, viel größere Flüchtlingslager, bewohnt von somalischen Flüchtlingen - eine Großstadt - hingegen nicht. Wie viele Menschen dort tatsächlich leben, ist nach wie vor unklar. Der neue UN-Beauftragte spricht von 250 000, es kursiert auch die Zahl 400 000 und - auf der Basis von Impfdaten - auch die Zahl von 600 000. Jedenfalls eine Großstadt. Die Menschen, die Ben Rawlence begleitet, sind nach 2010 aus Somalia geflohen, als die al-Shabaab-Miliz immer stärker wurde, verstärkt Kinder und Jugendliche zwangsrekrutiert hat und der Hunger nach Dürren unerträglich wurde.

Für den Einzelnen ist alles unsicher
Dem Autor ist zu danken, dass er verschiedene Karten abgedruckt hat, auf denen auch der Aufbau des Flüchtlingslagers und seiner Außenstellen Ifo und Ifo2 erkennbar ist. In den 25 Jahren ist aus dem Lager eine Stadt geworden, in der es Handel gibt, in der es Elende und Reiche gibt, in der es Verwaltungsstrukturen und Verwaltungsbeamte gibt, in der jedoch aus der Sicht des einzelnen im Grunde alles unsicher ist.

Guled ist z.B. der al-Shabaab-Miliz davongelaufen und nach Kenia geflohen. Er war zwangsweise als Jugendlicher rekrutiert worden. Vor seiner Rekrutierung hatte er geheiratet. In Dadaab musst er ganz unten anfangen, immer einen Teil seiner Lebensmittelrationen verkaufen, um zu überleben, die härtesten Tagelöhnerarbeiten verrichten. Irgendwann ist seine Frau auch in Dadaab angekommen, ein Kind war auf der Welt. Guled ist die ganzen vier Jahre, die Ben Rawlence sich mit ihm getroffen hat, nicht aus dem Elend herausgekommen. Beim letzten Treffen ist er so weit, dass er lieber auf der Reise nach Nordafrika und dann nach Europa sterben möchte als dort zu bleiben. Man versteht es.

Korruption, Kriminalität, Hass
Immer wieder gibt es Versprechungen: ein kenianischer Pass ist möglich; Australien ist bereit, Flüchtlinge aufzunehmen; Kanada bietet Studienplätze an, die UNO verstärkt das Resettlement-Programm. Aus unterschiedlichen Gründen zerstieben die Hoffnungen meist. Die Antikorruptionsregeln und die Regel, kein Schutzgeld an Milizen zu bezahlen, lösen sich in der Realität auf. Aber auch die ganz gewöhnliche Korruption, Kriminalität und der Hass der Bewohner auf Abweichler, dann die vorhandene Präsenz der al-Shabaab-Miliz macht den Geflüchteten zu schaffen.  
Monday und Monu z.B. sind ein christlich-muslimisches Paar. Ihr Kind, neu geboren, muss vor der Aggression der Nachbarn in einem sicheren Raum des UNHCR geschützt werden. Der Druck ist so groß, dass sie sich trennen. Später kommen sie wieder zusammen, der Mann zerbricht an den Problemen, die die Geburt des zweiten Kindes mit sich bringt.

Einfühlsame Beschreibungen von Einzelschicksalen
Wir lernen auch Kheyro kennen, die jede Anstrengung unternimmt, um weiterzulernen  und zu studieren. Sie steht kurz vor der Prüfung für den kenianischen Schulabschluss,  als al-Shabaab versucht, mit Bomben und dem Angriff auf den Wagen mit Prüfungsunterlagen die Ambitionen der wissbegierigen Mädchen und Jungen zunichte zu machen.  
Auch die Erfahrungen und Erlebnisse von Nisho, Isha, Billai und Tawane sind geprägt vom Auf und Ab der der Entscheidungen über die Flüchtlingsstadt. Die Lebensmittelrationen werden gesenkt, die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt, Kenia greift Somalia an, die Anschläge werden mehr, die Rückkehr nach Somalia wird bezuschusst, dann wieder erzwungen. Somalia wird plötzlich als sicher erklärt, obwohl sich an der Kontrolle der Straßen und Grenzzonen durch die al-Shabaab nichts geändert hat.

Flüchtlinge werden zum Spielball der Politik
Kenia kündigt die Auflösung des Lagers an. Wohin sollen die Menschen gehen?  Die Auflösung wird bis Mai 2017 verschoben. In der Innenpolitik Kenias sind die Flüchtlinge zum Spielball geworden. Ben Rawlence hat die politische Achterbahnfahrt ebenso wie die Schicksale der Menschen, die er begleitet hat, genau beschrieben, auch die Widersprüche, in die Hilfsorganisationen notwendigerweise geraten. Er hat auch geschildert, wie die Anschläge der al-Shabaab dem Reiz-Reaktions-Schema folgen und damit teilweise wenig überraschend sind. Sein Anliegen aber ist, klar zu machen, dass, wer ein somalischer Flüchtling und in Armut lebt, nicht notwendigerweise ein Terrorist ist. 

Sein letztes Gespräch mit den an der Recherche beteiligten Personen in Dabaad, verbunden mit einer Einladung zum Abendessen, ist überschattet von der Perspektivlosigkeit des Lagers und der Angst vor einer plötzlichen Schließung. »In der Zwickmühle zwischen dem anhaltenden Krieg in Somalia und einer Welt, die sie nicht aufnehmen will, können die Menschen im Flüchtlingslager nur überleben, indem sie sich ein Leben in einem anderen Land vorstellen. Ein verstörender Zustand: Weder Vergangenheit noch Gegenwart noch Zukunft sind für sie Orte, an denen ihre Gedanken sicher verweilen können. In Dadaab, der Stadt der Verlorenen, zu leben bedeutet, in der Falle zu sitzen und im Geiste ständig zwischen den eigenen unerfüllbaren Träumen und der albtraumartigen Realität hin- und herzuspringen. Kurz: um hier zu leben, muss man vollkommen verzweifelt sein«.  

Ich wurde in das Buch hineingezogen
Ich habe mit wenig Enthusiasmus begonnen, das Buch zu lesen. Dann hat mich die Art des Autors, über die Flüchtlinge und ihr Leben, über den Alltag in Dabaab zu berichten, in das Buch hineingezogen. Ich habe mir, als die Hilfe-Verwaltung beschrieben wurde, immer wieder gewünscht, dass zumindest Deutschland seinen Beitrag zum UNHCR und zum World Food Programme pünktlich leistet. Nachgeprüft habe ich es nicht.

Das Buch sollten auf jeden Fall alle lesen, die bei uns mit Flüchtlingen aus Somalia beschäftigt sind. Es sollten alle lesen, die Zweifel an der Fluchtmotivation von Flüchtlingen haben. Jeder, der differenzierter als bisher über radikalislamistische Gruppen nachdenken will, sollte es lesen. Außerdem jeder, der schon vergessen hat, wie es zum Krieg in Somalia kam. Außerdem alle, die immer noch der Überzeugung sind, dass Menschenrechte für alle Menschen gelten und die die Möglichkeit haben, in ihrem Umfeld darauf zu achten. Kurzum finde ich es eines der wichtigsten Bücher über die somalische Krise, den dortigen radikalislamischen Terror, den Einfluss Saudi-Arabiens, die Dynamik von Dabaab, die Fragilität und Verständnislosigkeit Kenias. Das Buch erzählt in einer Weise über den Alltag der Flüchtlinge, die uns zu Einsichten verhilft und zum Überdenken von Positionen drängt. Für terre des hommes ein Muss!  

Monika Huber  

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