Elisabeth Wehling
Politisches Framing

Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht
Herbert von Halem Verlag
226 Seiten, 21,00 Euro
ISBN 978-3-86962-208-8

Es ist schon bemerkenswert, dass es eine Neurolinguistin aus dem  kalifornischen Berkeley in den letzten Monaten geschafft hat, zur begehrten Gesprächspartnerin in Presse und Fernsehen zu werden. Zu einem Zeitpunkt, als sich alle Welt einig war über die Aussichtslosigkeit des rüden Wahlkampfs von Donald Trump, sah sie ihn bereits auf der Siegesstraße und Hillary Clinton als designierte Verliererin. Warum Elisabeth Wehling zu dieser treffenden Prognose in der Lage war, erschließt sich beim Lesen ihres hochinteressanten Buches über die Kraft sprachlicher Wendungen. Dass Sprache mit Politik zu tun hat, ist keine neue Erkenntnis. Immer wieder haben politische Machthaber versucht, neue Vokabeln nach vorn zu rücken oder eingeführte Wendungen mit neuen Inhalten anzureichern. Victor Klemperers »LTI«, die umfassende Analyse der Sprache im Dritten Reich, ist hier ein Meilenstein. Ein jüngeres Beispiel für den Versuch, Begriffe zu politischen Zwecken neu zu deuten, ist die von der AfD angestrebte Renaissance des »Völkischen«.  

Welche Wirkung hat Sprache auf unser Denken?
Aber darum geht es Elisabeth Wehling nicht. Sie fragt vielmehr danach, wie wir sprachliche Mitteilungen begreifen, welche Wirkungen Sprache auf unser Denken, Fühlen und Verhalten hat. Dazu gibt sie im ersten Teil ihres Buches eine konzise Einführung in die Disziplin der Neurolinguistik. Diese beschäftigt sich, kurz gesagt, mit der Verknüpfung spezifischer sprachlicher Ausdrucksformen und entsprechender Wahrnehmungsmuster. Unser Gehirn ist demnach so programmiert, dass es einzelne Begriffe stets in einen breiteren Rahmen, in einen »Frame«, stellt. 
»Ein Frame umfasst all die Informationen, die wir aktivieren müssen, um Dinge zu verstehen«. Die Dimensionen eines Frames erläutert Wehling in mehrfacher Hinsicht. Fällt etwa der Begriff Stuhl, ergänzt das Gehirn weitere Bestandteile wie Beine, Holz, Sessel. Komplexer wird es bei anderen Begriffen, etwa aus dem Feld der Politik. Beim Euro-Rettungsschirm mobilisiert das Gehirn die Vorstellung des Schirms, der Schutz vor einer Gefahr von außen gewährt, vor Naturgewalten wie Regen oder Sonne. Zugleich aber blendet er alles aus, was auf Verursachung oder Verantwortung von Menschen zielt. Der Frame selektiert also die Wahrnehmung. Und noch ein Spezifikum erläutert Wehling: Die Wahrnehmung ist abhängig von der Wertigkeit, mit der Fakten präsentiert werden. Lässt man zwei Gruppen von Probanden beurteilen, ob sie sich einer Operation unterziehen würden, deren Erfolgschancen bei 90 Prozent bzw. deren Risiken bei 10 Prozent liegen, so differieren die Urteile beider Gruppen trotz gleicher Faktenlage erheblich. Es ist der jeweilige Frame »Leben« oder »Sterben«, der die Unterschiedlichkeit ausmacht.  

Hirn stellt Einzelbegriff in einen Bezugsrahmen
Ihren generellen Befund, dass eine sprachliche Wahrnehmung immer in das jeweilige Weltwissen eingebunden ist, breitet Wehling anhand einer Reihe empirischer Untersuchungen eingängig aus. Das alles ist nach guter amerikanischer Wissenschaftstradition verständlich geschrieben, ist instruktiv und liest sich leicht. »Wir lernen gern von ihr«, schreibt Erhard Eppler in seinem Vorwort zu dem Buch.  

Der Ertrag dieses linguistischen Ansatzes wird dann im zweiten Teil des Buches deutlich, in dem Wehling sich mit der Begrifflichkeit einiger politischer Debatten in Deutschland auseinandersetzt. Es sind u.a. die aktuellen Diskussionen um Flüchtlinge und Asylsuchende, aber auch so grundlegende Auseinandersetzungen wie die über Steuerpolitik. Hier löst sie den Untertitel ihres Buches ein und zeigt, »wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht«.

Nimmt man z.B. die Flüchtlingsdiskussion, so taucht darin immer wieder die Behauptung auf, das Boot sei voll. Aber selbst wer widerspricht und behauptet, das Boot sei nicht voll, hat damit keine Chance, in der Meinungsbildung nachhaltig durchzudringen. Denn auch er lässt sich darauf ein, das Land mit einem Boot gleichzusetzen. Und ein Boot ist klein, gefährdet und auf hoher See unsicher. Es nützt nichts, einfach zu widersprechen; auch in der Verneinung wird die Verknüpfung bestätigt. Wehling setzt nach: „Wenn ich Sie auffordere, nicht an Obamas graue Haare zu denken – woran denken Sie? An Obamas graue Haare.“

Erhellend sind auch ihre Ausführungen zum Themenkomplex Steuern. »Steuerlast« und »Steuererleichterung« mobilisieren einen Frame, der Steuern als bedrohliche Einschränkung individueller Freiheit erscheinen lässt.  Steuerlast, so illustriert sie, »bricht unsere Wahrnehmung von Steuern auf eine konkrete körperliche Erfahrung herunter. Steuern werden in diesem Bild zu einer physischen Last, etwas Erdrückendem, das uns hindert, uns frei zu bewegen. Geringe Steuern zu zahlen, wird in diesem Frame folgerichtig als positiv bewertet«. Andere Aspekte, etwa dass Steuerzahlungen zur Lösung gemeinschaftlicher Aufgaben beitragen, werden schlicht ausgeblendet – Steuerbeitrag könnte eine angemessenere Formulierung sein. Vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen bei der Bundestagswahl 2013, als sie für Steuerhöhungen plädierten, werden »Die Grünen« diesen Abschnitt mit Wehmut lesen.

Den Begriff »Flüchtling« meiden
Aber was war es nun, was Wehling zu ihrer zutreffenden Prognose zum Wahlausgang in Amerika gebracht hat? Es war die Erkenntnis, dass erfolgreiche politische Rhetorik sich einer Begrifflichkeit bedient, die an elementaren menschlichen Erfahrungen ansetzt. Diese werden zumeist schon in der Kindheit geprägt, so dass eine einfache Sprache und eine Orientierung an familiären Werten mehr Aussicht auf Akzeptanz haben als bloßes Vorzeigen von Problemlösungskapazitäten. Hillary Clintons Verheißung, sie könne für die Lösung von Problemen sorgen, setzte Trump ein überwältigendes Gemeinschaftsgefühl entgegen. Er sagte eben nicht, er wolle das Migrationsproblem lösen, sondern formulierte schlicht: »Wir bauen eine Mauer«. Das kann – und muss – man furchtbar finden, aber man sollte es zur Kenntnis nehmen.  

Es bleibt die Frage, wie mit dieser Erkenntnis umzugehen ist. Die Konsequenz daraus kann nicht sein, diese Rhetorik übertreffen zu wollen. Vielmehr kommt es nach Wehling darauf an, eine andere Werthaltung einzunehmen, ein anderes Framing  zu befördern, um zu einer Debatte über Werte zu kommen. Dass es in der politischen Debatte vorrangig um Werte geht, ist eine Aussage, wie sie eine normative politische Wissenschaft nicht besser treffen könnte. Praktisch bedeutsam ist in diesem Zusammenhang ihre Überlegung, statt über eine Obergrenze für Flüchtlinge über eine Untergrenze zu diskutieren. Das wäre ein kompletter Perspektivwechsel von der Befindlichkeit des Aufnahmelandes zur Situation der Geflüchteten. Übrigens empfiehlt Wehling auch allen, die es gut meinen mit der Sache der Flüchtlinge, diesen Begriff zu meiden. Schon die Endung -ling birgt die Gefahr in sich, die Geflüchteten klein und verächtlich zu machen. 

Der Rat von Wehling, sich des prägenden Charakters von Frames bewusst zu sein und solche Frames zu nutzen, die der eigenen Weltsicht entsprechen, ist in Zeiten des beginnenden Bundestagswahlkampfs besonders aktuell, nicht nur für Politiker, sondern auch für die umworbenen Wähler. Für sie sollte das Buch eine Pflichtlektüre sein.  

Jürgen Hambrink

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