Arun Gandhi
Wut ist ein Geschenk.

Das Vermächtnis meines Großvaters Mahatma Gandhi
Dumont-Buchverlag, Köln 2017
223 Seiten, Preis 20,00 €
ISBN-13: 9783832198664
ISBN-10: 3832198660

Arun Gandhi, aufgewachsen in Südafrika, blickt auf ein erfolgreiches Leben als Journalist und Gründer eines Bildungsinstituts zurück. Jetzt, mit über 80 Jahren, erzählt er von der für ihn prägenden Zeit, die er mit Mahatma Gandhi, seinem Großvater, in dessen Ashram in Indien verbracht hat.
In diesen zwei Jahre mit seinem Großvater hat Arun Ghandi sein späteres Lebensthema gefunden, nämlich wie mit Praktiken der Gewaltlosigkeit dem Frieden im Kleinen und Großen näher zu kommen sei. Nach jahrzehntelanger Arbeit als Journalist bei der Times of India und der Washington Post hat er sich schließlich ganz auf die Arbeit des von ihm gegründeten »Gandhi Worldwide Education Institute« konzentriert.

Ablehnung und Ausgrenzung in Südakfrika
Ebenso wie Mahatma Gandhi vor ihm erfuhr Arun Gandhi wegen seiner indischen Herkunft Ablehnung und Ausgrenzung in Südafrika. Er wehrte sich oft und spürte manchmal großen Hass und unstillbare Wut. Als er 12 Jahre alt war, wussten seine Eltern nicht mehr so recht, wie es mit ihm weitergehen sollte, da er auch in Schlägereien verwickelt war. Mahatma Gandhi, sein Großvater, hatte sich zu dieser Zeit schon für ein Leben in Einfachheit und Armut im Ashram entschieden und begonnen, mit gewaltfreien Aktionen die Kolonialmacht Großbritannien herauszufordern. Die Unabhängigkeit Indiens schien im Jahre 1944, als Arun Gandhi seinen Großvater besuchte und dann zwei Jahre blieb, nicht mehr unmöglich.

Religiöse Konflikte um die Unabhängigkeit
In den Jahren vor der Unabhängigkeit und Teilung war Indien in Aufruhr. Millionen folgten der Botschaft Gandhis, anderen ging es nicht schnell genug, so dass sie mit Gewalt den Rückzug Großbritanniens erzwingen wollten. Am tiefgreifendsten haben jedoch die religiösen Konflikte insbesondere zwischen Hindus und Moslems die Verhandlungen über die Unabhängigkeit bestimmt. Gandhi sah noch mehr Gewaltausbrüche kommen, wenn Indien geteilt würde, Muhammed Ali Jinnah sah nur in einem eigenen Staat, nämlich Pakistan, eine Chance für Muslime. Nehru, der dann erster Ministerpräsident von Indien wurde, verehrte Gandhi, sah aber keinen Weg, ein ungeteiltes Indien zu erreichen, zumal Großbritannien schon auf die Teilung gesetzt hatte.
Natürlich sucht man als interessierter Leser in dem Buch im Nachhinein auch Hinweise und Erklärungen zu den Entwicklungen, denn damals hätten die Entscheidungen auch anders ausfallen können, wenn Großbritannien mehr auf Gandhi statt auf Jinnah vertraut hätte. Und wenn es weniger Geheimdiplomatie gegeben hätte, wenn, wenn…

Buch ist keine politische Analyse
Solche Hinweise gibt es im Buch Arun Gandhis, zum Beispiel wenn er beschreibt, wie Mahatma Gandhi seinen Vorschlag, Jinnah für die Einheit Indiens zu gewinnen, indem man ihn zum ersten Ministerpräsident des unabhängigen Indiens macht, geschickt in der Konferenz in London ausgebreitet hat. Insgesamt jedoch ist das Buch keine politische Analyse, sondern ein Rückblick auf die besondere Beziehung zwischen Enkel und Großvater. Von seinem Großvater hat Arun Gandhi gelernt, dass es auf den einzelnen ankommt, wenn es eine bessere Welt geben soll.

Wunderbare Geschichte eines ungeduldigen Jungen
Der 12jährige Arun wurde zu seinem Großvater geschickt, weil er seine Wut nicht bändigen konnte. Das hat er schließlich im Kontakt mit seinem Großvater gelernt. Wie, das ist die wunderbare Geschichte der Entwicklung eines durchaus ungeduldigen Jungen. Gelernt hat er durch Hinwendung, Respekt und die große Liebe seines Großvaters zu ihm. Arun Gandhi erinnert sich auch an die Gefühle des Heranwachsenden, wenn er fand, dass sein Großvater das einfache Leben übertrieb oder wenn er sich doch angesichts des berühmten Großvaters eine Sonderstellung im Ashram ergattern wollte. Seines Großvaters Reaktion auf die Wut, die ihn in Abständen befiel, hat er sich sehr genau gemerkt. »Wut ist ein Geschenk. Wir brauchen uns dafür nicht zu schämen.« Er hat gelernt, diese Wut zu achten, nicht zu unterdrücken, weil sie auf Missstände hinweist, aber sie auch nicht zu missbrauchen, indem sie zur Begründung für Gewalttätigkeit herhalten muss.

Wer beruft sich noch auf Gandhi?
Gandhi ist nicht nur verehrt, sondern von vielen auch kritisiert worden. Die gewaltlose Aktion wurde als wirkungslos, seine Haltung zum Kastenwesen als zu oberflächlich, seine politische Ausrichtung als zu naiv kritisiert. Wer beruft sich in Indien heute noch auf Gandhi? Die gesellschaftliche Entwicklung in den Jahrzehnten nach Gandhi wird im Buch nicht analysiert. Dennoch ist das Buch sehr lesenswert, weil es in alltäglichen Begegnungen Gandhis Entschiedenheit, arm und einfach zu leben und die Veränderungen gewaltlos herbeizuführen, deutlich macht. Glaubwürdig zu sein Tag für Tag, Ausgleich zu suchen, die eigene Vision eines Indiens aller Religionen und ohne Trennung in Kasten beizubehalten, das hat Gandhi bis zu seiner Ermordung versucht.

Außer über den außerordentlichen Menschen Mahatma Gandhi erfahren wir auch, wie sich der Enkel dieser Erfahrung mit seinem Großvater weder entziehen konnte noch wollte, auch wenn er schließlich als Erwachsener in vielem anders gedacht und gehandelt hat. Ich habe das gut lesbare Buch mit großem Gewinn gelesen. Wahrscheinlich habe ich nicht viel Neues über die Geschichte Indiens zu jener Zeit erfahren, aber begriffen, wie wichtig und nützlich entschiedene Gewaltlosigkeit in unser aller Alltag auch heute sein könnte. Die persönlichen Erinnerungen des Enkels an seinen Großvater Mahatma Gandhi sind auch als Geschenk für Familie und Freunde sehr zu empfehlen.

Monika Huber

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