Refugees worlwide 2 - Neue Reportagen

Herausgegeben von Eva Philippi und Ulrich Schreiber
Wagenbach-Verlag
Wagenbachs andere Taschenbücher (WAT)
255 Seiten
Preis: 14,90 €
ISBN-13: 9783803128133
ISBN-10: 3803128137

Ein Gespenst geht um in Politik und Medien – es ist das Gespenst der Spaltung Europas durch deutsche Moralvorstellungen. Waren es vor kurzem noch die Rüstungsexporte, deren restriktive Handhabung europäische Gemeinsamkeit und sogar die Bündnisfähigkeit in der NATO in Frage stellten, so sind es nun und erneut die Flüchtlinge und deren Rettung im Mittelmeer. »Retten oder nicht retten?«, fragte schon im vergangenen Jahr das Feuilleton der »Zeit« und brachte damit das Thema auf Abwege. Jetzt geht es aktuell um die geschlossenen Häfens Italiens und die Appelle aus Deutschland, sie für die aus Seenot Geretteten zu öffnen.

»…unangemessene moralische Überlegeneheit«

Was die Mehrheit der Bevölkerung gut heißt, wird jedoch von Politikern und Leitartiklern kritisiert. »Die Erzählungen der Rettungsorganisationen gehen nicht auf« titelt ein bürgerlich-liberales Blatt wie der Berliner »Tagesspiegel« mit Blick auf die Missionen der Rettungsschiffe Sea-Watch 3 und Alan Kurdi. Die Forderungen nach Schutzgewährung seien Ausdruck einer unangemessenen moralischen Überlegenheit, die in Europa nicht geteilt werde; deutsche Besserwisserei führe nur zu einer tieferen Entfremdung zwischen den Mitgliedsländern der EU.

Wenn es so prominent um Europa geht, geraten die Flüchtlinge leicht aus dem Blick. Als Personen werden sie kaum wahrgenommen, ihre individuellen Schicksale bleiben im Dunkeln. »Wer nur die Masse sieht, sieht gar nichts«, bringt es einer der Autoren des Buches »Refugees Worldwide 2« auf den Punkt. Folgerichtig stellen die Autorinnen und Autoren in ihren Beiträgen das Schicksal Einzelner in den Mittelpunkt. Es sind Schicksale von Geflüchteten aus den unterschiedlichsten Ländern wie Syrien, dem Sudan, Ruanda oder Myanmar, die Zuflucht gefunden haben in ebenso unterschiedlichen Ländern wie Kanada, Schweden, Bangladesch oder Kenia. Beschrieben werden weniger die Fakten der Flucht als die Schwierigkeiten des Ankommens. So gut wie nie sind die Arme weit ausgebreitet, um Flüchtlinge aufzunehmen. Ganz im Gegenteil: Zumeist sind sie abwehrend und abweisend. Nicht anders als mit Schaudern liest man vom Schicksal derjenigen, die auf ihrer Flucht in Papua-Neuguinea gestrandet sind und die Folgen davontragen, dass Australien seine Flüchtlingspolitik dorthin exportiert hat. Fehlende ärztliche Versorgung, unsichere Ernährung und unzulänglicher Schutz vor den Übergriffen Einheimischer machen dort das bloße Überleben zu einem Vabanquespiel.

Beispiele von Kraft und Lebensbejahung

Konturen gewinnt auch das Leben von Geflüchteten in Kakumu, dem riesigen und seit Jahrzehnten bestehenden Flüchtlingslager im Norden Kenias, in das vor allem Verfolgte aus dem Sudan flüchten. Anonymität und fehlende Entwicklungsmöglichkeiten fördern Resignation und Apathie. Ganz harte Kost sind die drei Beiträge, die Schicksale von Angehörigen der Volksgruppe der Rohingyas schildern. Aus Myanmar vertrieben, sind gerade sie es, die von den Gewalterfahrungen der Flucht besonders gezeichnet sind. Es gehört zu den überraschenden Momenten des Buches, dass es auch hier Beispiele von Kraft und Lebensbejahung gibt, die angesichts des Erlebten nur Bewunderung hervorrufen können. Ermutigend für die Leserinnen und Leser ist auch die Geschichte eines syrischen Flüchtlings, dem es gelingt, gegen alle Widerstände seine in Ägypten festsitzende Familie nach Schweden zu holen.

Dass alle Beiträge auch dann lesbar bleiben, wenn sie von Gewaltexzessen berichten, hat seinen Grund darin, dass für sie die Form der »literarischen Reportagen« gewählt wurde. Erlebnisse und Erfahrungen sind nicht unmittelbar von den Geflüchteten formuliert, sondern es sind zumeist Jpurnalistinnen und Journalisten, die, basieren auf den Erzählungen der Geflüchteten, deren Geschichten aufgeschrieben haben. Erreicht wird dadurch Distanz, die einem zurückhaltenden Respekt Raum gibt. Dieses Stilmittel ist eine der Klammern der Beiträge, die sich ansonsten durch perspektivische Vielfalt auszeichnen. Aber so unterschiedlich die jeweiligen Zufluchtsländer auch sind und so verschieden sich die Bereitschaft zur Aufnahme auch zeigt – die Geflüchteten sind immer gezeichnet durch die verheerenden Erfahrungen von Flucht und Heimatlosigkeit. Es ist das Verdienst dieses Buches, auf diesen Aspekt nachdrücklich aufmerksam zu machen. Sehr treffend formuliert es einer der Autoren: »Das Exil befindet sich nicht nur außerhalb der Heimat, sondern immer auch in einem selbst.«

Zweifellos ein wichtiges Buch

»Refugees worlwide 2« ist zweifellos ein wichtiges Buch, dem man viele Leserinnen und Leser wünscht. Es eröffnet eine differenzierte Sicht auf die Flüchtlingsproblematik und beschreibt deren globale Dimension. Dass die Mehrzahl aller Flüchtlinge nicht nach Europa drängt, sondern in anderen Ländern Zuflucht gefunden hat, wird überaus deutlich. Vielleicht kann es damit auch die überhitzte Debatte um Seenotrettung versachlichen – was 40 Jahre nach dem Auslaufen von Rupert Neudecks »Cap Anamur« zur Rettung der damaligen »Boatpeople« sowieso eine Gespensterdebatte neuen Zuschnitts ist. Ob das Buch auch den Wunsch der Herausgeber erfüllt, zu einem »Perspektivwechsel im öffentlichen Diskurs beizutragen« bleibt dahingestellt. Man hätte dem Buch dafür ein etwas engagierteres Editorial gewünscht und auch eine Gruppierung der Beiträge, die dem Leser deren jeweilige thematische und regionale Zuordnung erleichtert.

Jürgen Hambrink

Ein Gesamtübersicht aller in dieser Rubrik besprochenen Bücher und Leseempfehlungen finden Sie auf unserer Seite »terre des hommes-Medientipps«.

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