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Siegen: Bildung für Flüchtlingskinder

Siegen, 1985: Einige Studenten und die örtlichen Gruppen von terre des hommes und amnesty international beraten Flüchtlinge und merken: »Wir können das ehrenamtlich nicht mehr schaffen.« Um professioneller zu werden und einen hauptamtlichen Berater einzustellen, gründen sie den »Verein für soziale Arbeit und Kultur Südwestfalen«, kurz VAKS.

Heute beschäftigt der VAKS rund 50 sozialversicherungspflichtig angestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, dazu 290 geringfügig Beschäftigte. Er organisiert die gesamte Flüchtlingsarbeit für die Stadt Siegen, unterhält Beratungsstellen für Verfahrensberatung und Beschwerdemanagement in den Großunterkünften des Landes und macht Sozialberatung in umliegenden Städten. Trotzdem stellt die klassische Flüchtlingsarbeit heute nur noch etwa ein Viertel der gesamten Arbeit dar: Als vor ungefähr zehn Jahren die Grundschulen in Nordrhein-Westfalen mehr und mehr auf offene Ganztagsbetreuung umgestellt wurden, kam die Organisation von Nachmittagsangeboten für Grundschulkinder dazu.

Michael Groß war von Anfang an dabei und ist heute Geschäftsführer des VAKS. Er erinnert sich an 31 Jahre gemeinsamer Geschichte mit terre des hommes: »Als wir anfingen, uns zu professionalisieren, wollten wir ein kleines Büro mieten, das kostete 200 Mark. terre des hommes hat gleich geholfen. Aber nicht nur finanziell, sondern auch organisatorisch: Wenn man noch keinen Zugang zu den Fördertöpfen hat und sich in dem ganzen Bereich nicht auskennt, ist es unglaublich wichtig, dass es Organisationen gibt, die gerade in solch einer Startphase unbürokratisch helfen. Ich muss ausdrücklich sagen, dass der Start ohne terre des hommes nicht gelungen wäre.«

Die erste Förderung gab es 1986 und seitdem haben terre des hommes und VAKS mit kleinen Unterbrechungen immer wieder zusammengearbeitet. Michael Groß: »Es ging bei der Förderung meist nicht um große Summen. Meistens fehlt es nur an den letzten zehn Prozent, die man irgendwie decken muss, und da war dann terre des hommes. terre des hommes hat auch viele innovative Projekte unterstützt, zum Beispiel vor drei Jahren die sogenannte Stadtteilkonferenz in Hüttental, die ein großer Erfolg wurde.«

Inzwischen funktioniert das Projekt selbständig

Begonnen hatte alles mit dem Versuch, die Partizipation von Kindern in einer Kindertagesstätte und in einer offenen Ganztagsschule im Stadtteil Hüttental zu verbessern – einem Stadtteil, der sehr gespalten war zwischen Migranten und deutscher Wohnbevölkerung. Es ging dabei vornehmlich, aber nicht ausschließlich um Flüchtlingskinder. Außerdem sollte der Stadtteil aktiviert werden, die Bewohner sollten ihr Leben wieder mehr in die eigenen Hände nehmen. Deshalb wurde die sogenannte Stadtteilkonferenz ins Leben gerufen. Der VAKS hat über terre des hommes mit acht bis zehn Stunden in der Woche eine Art »Kümmerer« finanziert. Die Stadtteilkonferenz funktionierte sofort, auf den ersten Sitzungen waren 60 bis 70 Leute. »Nur wenige wissen, dass VAKS und terre des hommes dahinter stehen«, so Michael Groß. »Wir haben nämlich nicht den Fehler gemacht, als Verein einzuladen. Stattdessen haben wir im Stadtteil Leute von der Idee überzeugt und den Bürgern dann das Einladen überlassen. Wir haben uns um administrative Dinge und den Papierkram gekümmert, wie zum Beispiel Straßenfeste bei der Stadt anzumelden.« Inzwischen funktioniert das Projekt selbstständig, den »Kümmerer« gibt es nicht mehr. Das Projekt hat sich auch nach Ende der Förderung gut entwickelt.

Aktuell fördert terre des hommes Sprachfördermaßnahmen von VAKS in drei Erstaufnahmeeinrichtungen. Hier werden den Kindern spielerisch erste Deutschkenntnisse vermittelt, damit sie später, wenn sie in die Kommunen verteilt werden, schon etwas verstehen können. Darüber hinaus soll der Sprachunterricht den Alltag der Kinder in den großen Einrichtungen strukturieren.

Was sollte terre des hommes in Zukunft anders machen? Michael Groß überlegt lange und sagt dann: »Ich glaube, dass terre des hommes sich nicht ändern sollte. Die Art und Weise, wie die Förderung organisiert ist und die Projektpartner in Entscheidungen eingebunden  werden, ist einmalig. Da wird nichts über die Köpfe der Menschen hinweg entschieden, sondern auf die wirklich wichtigen Punkte geschaut. Ich würde mir wünschen, dass das so bleibt und terre des hommes im Gegensatz zu vielen anderen Organisationen seinen hohen inhaltlichen Anspruch an die Projekte behält und weiter politische Lobbyarbeit betreibt.«

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