Wirtschaft und Konsum neu denken
Das westliche Wirtschafts- und Entwicklungsmodell hat in den Industrieländern des globalen Nordens, in Ostasien, in den BRICS2-Staaten und in vielen anderen Ländern erheblichen Wohlstand geschaffen. Ob privatkapitalistisch oder staatskapitalistisch ausgerichtet, ungeachtet aller Unterschiede beruht es auf dem Zwang zu einem permanenten Wachstum des Bruttoinlandsprodukts und auf einem übermäßigen Konsum. Man spricht von der Imperialen Lebensweise [*].
Gleichzeitig sind schon immer die Gesellschaften des globalen Südens erheblichen Negativeffekten ausgesetzt. Die Imperiale Lebensweise der Eliten und der Mittelschichten weltweit missachtet die Menschenrechte und gefährdet massiv die Ökologische Integrität des Planeten. Besonders die Kinder leiden unter den Folgen. Sie leiden unter Hunger, Armut und Gewalt, haben keinen Zugang zu ausreichender Gesundheitsversorgen und Bildung, sind Wetterextremen, Umweltverschmutzung und Kriegen ausgesetzt und häufig Opfer von Kinderhandel, ausbeuterischer Kinderarbeit und Missbrauch.
Es wird immer offensichtlicher, dass diese Wirtschafts- und Lebensweise an ihre Grenzen gekommen ist und zu einer unumkehrbaren Zerstörung der Lebensgrundlagen jetziger und künftiger Generationen führt.
Mit humanitärer Hilfe und staatlicher bzw. im Staatsauftrag betriebener gängiger „Entwicklungshilfe“ werden diese Ungerechtigkeiten nicht zu beheben sein. Es braucht eine umfassende Transformation des herrschenden Wirtschaftssystems und der zugehörigen Lebensweise.
Die Wohlstandsdebatte in den reichen Ländern
Es ist Zeit umzudenken
Um ein gutes Leben für alle möglich zu machen, müssen wir unsere Wirtschaftsweise, unser Konsumverhalten und unsere Vorstellung von »Entwicklung« grundlegend hinterfragen. Statt kurzfristigem Wachstum brauchen wir: globale Gerechtigkeit, soziale Teilhabe und ökologische Nachhaltigkeit.
Unser Beitrag als Kinderrechtsorganisation besteht darin, die Kinderrechte endlich zu verwirklichen, denn Kinder haben ein Recht auf ein gutes Leben, und zwar jetzt und in der Zukunft. Deshalb setzt sich Terre des Hommes besonders dafür ein, dass Kinder und Jugendliche weltweit geschützt, beteiligt und gefördert werden und eine lebenswerte Zukunft haben.
Weltweit denken Menschen darüber nach, wie wir anders wirtschaften können – gerechter, umweltverträglicher und zukunftsfähig.
Degrowth/Postwachstumsbewegung
Diese Bewegung in den Industrieländern des Nordens setzt sich für eine sozial-ökologische Gesellschaftstransformation ein. Sie fordert für diese Länder ein selektives Wachstum in zukunftsfähigen, sozialen und ökologischen Bereichen – zum Beispiel im Care-Nereich. Gleichzeitig soll durch einen Umbau von Produktion und Konsum die Wirtschaftsleistung in Bereichen, die einen hohen Durchsatz an Materie, Energie und Emissionen aufweisen, radikal reduziert werden. Nur so lassen sich ihre zerstörerischen Auswirkungen auf Mensch und Natur beenden. Auch „grünes“ Wachstum lehnen Teile der Postwachstumsbewegung wegen der damit verbundenen umweltschädlichen Rebound-Effekte [*] ab. Sie vertritt stattdessen die Ansicht, dass ein Systemwechsel zu einer radikal suffizienzorientierten Wirtschaftsweise [*] erforderlich sei, um die Postwachstumsziele zu erreichen: globale ökologische und soziale Gerechtigkeit, Selbstbestimmung und ein gutes Leben sowie Wachstumsunabhängigkeit.
Degrowth/Postwachstum ist ein Dachbegriff für eine große Bandbreite an alternativen Konzepten und Praktiken aus dem Norden und Süden, die alle die Veränderung der Wachstumsgesellschaften zum Ziel haben. Beispiele für alternative Konzepte sind die Gemeinwohlökonomie [*] sowie die Solidarische Lebensweise [*].
Alternative Ansätze im globalen Süden
In verschiedenen Regionen der Welt, so auch in den Projektregionen von Terre des Hommes gibt es weitere Bewegungen, die sich gegen die Reproduktion ungleicher Strukturen wehren. Sie bauen auf traditionelles und indigenes Wissen, auf kollektive statt individualistische Ziele und vor allem auf ein gemeinsames interkulturelles Lernen. Diese Ansätze speisen sich aus so unterschiedlichen Quellen wie Tradition, aktivem Pragmatismus oder intellektuellem Diskurs und treten zunehmend in den internationalen Austausch. Exemplarisch benannt werden sollen an dieser Stelle Buen Vivir [*] (Andenraum), Radical Ecological Democracy [*] (Südasien) und Ubuntu [*] (südliches Afrika).
Alle drei Ansätze grenzen sich klar vom Wachstumsdenken und der egoistischen, konsumorientierten Lebensweise ab und weisen ein technisches und rein nutzenorientiertes Verhältnis zur Erde, zum Leben, zur "Natur" zurück. Dabei beruhen sie auf einer je eigenen Spiritualität und - besonders Buen Vivir - auf einer eigenen Vorstellung von „Natur“. Sie übernehmen Vorstellungen von traditionellen indischen, afrikanischen und indigenen Kulturen und betonen politisch- gesellschaftliche Prinzipien wie Solidarität, Gemeinschaft, Kooperation, Respektieren des je anderen, Selbstbeschränkung u.a. Damit gibt es deutliche Anknüpfungspunkte an die Postwachstumsdiskussion im globalen Norden – z.B. mit an das Konzept der solidarischen Lebensweise. Eine gesamtheitliche Orientierung der genannten Ansätze verbietet die isolierte Betrachtung von Einzelpunkten. Gleichwohl können diese Ansätze wichtige Impulse liefern, etwa, wenn es darum geht, unser nutzenorientiertes Verhältnis zur Erde, zum Leben, zur „Natur“ zu überdenken.
Leider ist festzustellen, dass im politischen Diskurs der drei Konzepte Kinderrechte nicht unmittelbar in den Blick kommen. Allerdings setzen sich in allen Regionen Partnerorganisationen und Jugendnetzwerke von Terre des Hommes, die sich an diesen Konzepten orientieren, vehement für eine stärkere Beachtung der Kinderrechte, für mehr Beteiligung und Empowerment der Kinder und der jungen Leute ein.