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Bolivien: Proteste gegen die Regierung

Seit mehr als einem Monat erlebt Bolivien eine der schwersten Krisen der letzten Jahre. Es gibt einen unbefristeten Generalstreik, Straßenblockaden an über 90 Orten im Land und Massendemonstrationen, an denen sich vor allem indigene Bauerngemeinschaften, Bergleute, Lehrer und Arbeiter verschiedener Branchen beteiligen. Am stärksten betroffen sind die Städte La Paz, die Regierungssitz Boliviens ist, und das benachbarte El Alto, eine Stadt mit überwiegend indigener Bevölkerung. Dort mangelt es bereits an Lebensmitteln und Treibstoff, und die Preise für Grundnahrungsmittel steigen täglich.

Die Terre des Hommes-Partnerorganisation Inti Watana arbeitet in La Paz mit Kindern und Jugendlichen aus benachteiligten Verhältnissen. Die Mitarbeitenden berichten über die Situation und die Hintergründe des Konfliktes.

Warum protestieren die Menschen?

Um zu verstehen, was vor sich geht, muss man sowohl die jüngste Geschichte als auch die konkreten Zahlen betrachten. Bolivien steckt in einer schweren Wirtschaftskrise: Die Inflationsrate lag Ende 2025 bei 20,4 Prozent, die Löhne reichen kaum zum Leben, und der Staat trägt bereits hohe Auslandsschulden, während die Devisenreserven einen historischen Tiefstand erreicht haben.

Auf diesem brüchigen Boden entzündete sich schließlich der Funke, der alles auslöste: ein Landgesetz. Das Gesetz 1720, das den Verkauf und die Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen neu regelte, wurde von Bauern und Indigenen sofort abgelehnt, da sie darin eine Möglichkeit sahen, Land zunehmend in den Händen großer Agrarunternehmer zu konzentrieren – zulasten kleinbäuerlicher und indigener Gemeinschaften. Präsident Paz hob es kurz darauf wieder auf, doch der politische Schaden war bereits angerichtet.

Der Kern des Problems reicht jedoch weit über dieses einzelne Gesetz hinaus. Viele der Menschen, die heute auf die Straße gehen, hatten fast zwei Jahrzehnte lang die Bewegung zum Sozialismus (MAS) unterstützt – jene Partei, die Bolivien seit Anfang der 2000er-Jahre mit Versprechen sozialen Wandels und sozialer Gerechtigkeit für die indigene Bevölkerung regierte und im Laufe der Zeit durch interne Streitigkeiten und angehäufte Enttäuschungen an Glaubwürdigkeit verlor. Diesen Kreislaufs müde, entschieden sich viele frühere MAS-Anhänger 2025 für Rodrigo Paz, einen Politiker der Mitte, der einen Bruch mit dem bisherigen System versprach.

Die Menschen erhofften sich einen geordneten Ausweg aus der Krise und waren sogar bereit, die mit der Abschaffung der Kraftstoffsubventionen verbundenen Opfer zu tragen – wohl wissend, dass dies zu Preissteigerungen führen würde. Doch die wirtschaftlichen Sparmaßnahmen wurden ohne vorherigen Sozialpakt und ohne fundierte öffentliche Erklärung umgesetzt, was den Unmut in der Bevölkerung weiter anheizte. Irgendwann entstand das Gefühl, dass Grenzen überschritten worden waren: Heute fordert ein bedeutender Teil der Bevölkerung den Rücktritt des Präsidenten, während der andere Teil ihn unterstützt und die Ausrufung des Ausnahmezustands fordert.

Ein Konflikt mit zwei Gesichtern

Eines der Kinder aus dem Projekt von Inti Watana beschrieb die Lage folgendermaßen: »Die Blockaden sind nicht nur schlecht. Da es weder Fleisch noch Brathähnchen gibt, ernähren wir uns gesünder. Da es keine Verkehrsmittel gibt, gehen wir zu Fuß. Und da wir nirgendwo hingehen können, verbringen wir mehr Zeit mit der Familie oder bei Inti Watana, wo wir uns unterhalten und aufeinander aufpassen.« Abgesehen von dieser Anekdote ist die Realität hart. Der Generalstreik dauert nun schon mehrere Wochen an. Der Bewegung fehlt eine einheitliche Führung, und sie ist von inneren Widersprüchen geprägt.

Auch die Regierung und rechte Kreise organisieren Demonstrationen mit weißen Fahnen und fordern Ordnung. Die großen Medien bezeichnen die Demonstranten als „bezahlt“ oder unterstellen ihnen, Randalierer und Drogenhändler zu sein. Offen rassistische Äußerungen gegenüber den indigenen Gemeinschaften fehlen dabei nicht.

Gleichzeitig gibt es beunruhigende Signale seitens des Staates. Das Parlament hob ein Gesetz auf, das die Anwendung des Ausnahmezustands einschränkte – eine Maßnahme, die der Regierung mehr Spielraum gibt, das Militär gegen die Proteste einzusetzen. Zwei Minister traten aus Protest zurück, und es wurde bekannt, dass auch einige Militärführer nicht bereit sind, ohne einen klaren rechtlichen Rahmen zu handeln, der sie künftig schützt.

Der Konflikt hat bereits mindestens acht Menschenleben gekostet und fast hundert Verletzte hinterlassen; mehrere soziale und indigene Führer wurden festgenommen. Diese Informationen stammen vor allem aus alternativen und unabhängigen Medien, da offizielle Angaben fehlen.

Auf den Straßen zeigt sich Menschlichkeit

Inmitten der Spannungen gibt es viele schöne Gesten: Großmütter aus ländlichen Gemeinden, die an den Straßenrand treten, um den Demonstranten Wasser zu reichen, Gemeinschaftsküchen, die an den Blockadepunkten entstehen, Lieder, die mitten in der Mobilisierung komponiert werden. Beeindruckend war der  Marsch von Indigenen aus dem Amazonasgebiet. Einige von ihnen waren 28 Tage lang mehr als tausend Kilometer zu Fuß gewandert, vom Tiefland bis nach La Paz im Hochland. 

Viele Stadtbewohner fragen sich, wie die Demonstranten es schaffen, wochenlang an den Blockaden durchzuhalten. Die Antwort liegt in einer kulturellen Tradition: Es sind nicht immer dieselben Menschen. Sie wechseln sich täglich ab – einige kommen, andere gehen, sie teilen das Essen und organisieren sich gemeinsam. Es ist eine Form des Widerstands, die tief in der Gemeinschaftskultur der indigenen Völker verwurzelt ist.

Viel steht auf dem Spiel

Bolivien durchlebt derzeit nicht nur eine Regierungskrise, sondern eine Systemkrise, deren Ursprung bis in die Kolonialzeit zurückreicht. Die indigenen und bäuerlichen Bevölkerungsschichten stehen auf der einen Seite, die Mittelschicht und die Wirtschaftseliten, die traditionell mehr politischen und wirtschaftlichen Einfluss hatten, auf der anderen – und beide Seiten ringen darum, nach dem Ende des MAS-Regierungszeit ihre Vision für das Land durchzusetzen.

Ohne echte Vermittlungsbemühungen und ohne strukturelle Veränderungen, die sowohl der Wirtschaftskrise als auch den historischen Forderungen der indigenen Völker gerecht werden, wird dies nicht der letzte Aufstand bleiben. Bolivien löst seine tiefgreifendsten Konflikte seit Jahrzehnten auf der Straße. Dieses Mal ist keine Ausnahme.

Unsere Projektregion Lateinamerika

Weitere Informationen zu unserer Arbeit in der Projektregion Lateinamerika finden Sie auf der Website unseres Regionalbüros.

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