Interview:
»Ich hatte davon geträumt, mal in einem weichen Bett zu schlafen.«
»Bahay Tuluyan«, das bedeutet so viel wie »Haus der Zuflucht« in der philippinischen Sprache Tagalog. Es ist der Name einer Kinderrechtsorganisation, die soziale Arbeit für Kinder in Manila leistet: Mit einem eigenen Beratungsbus fahren die Sozialarbeiter*innen direkt zu den Kindern, die die Hilfe am meisten brauchen; in urbane Slums und informelle Siedlungen in den Nischen der Stadt. Hier bieten sie Spiel- und Lern-Kurse an, hören sich die Sorgen und Hoffnungen der Kinder an. Der Kern der Arbeit ist die Sozialberatung, die von Kind zu Kind unterschiedlich ist: Was braucht das Kind, um gesund aufzuwachsen, zur Schule zu gehen, die Armut hinter sich zu lassen?
Etwa 1.000 Kinder und Jugendliche hat Bahay Tuluyan mit Unterstützung von Terre des Hommes 2025 erreicht, beraten und unterstützt. Priorität hat dabei stets, den Kindern innerhalb ihrer Familien und sozialen Umgebung weiterzuhelfen. In besonderen, seltenen Fällen – etwa wenn die Eltern nicht mehr da sind oder es Gewalt in der Familie gibt – wird Kindern ein Platz im eigenen Wohnprogramm angeboten.
Aktuell leben bei Bahay Tuluyan 60 Kinder und Jugendliche zwischen 3 und 18 Jahren. Zwei von ihnen, Chabeng und Agatha, gaben Terre des Hommes im Oktober 2025 gemeinsam ein Interview.
Chabeng, Agatha, vielen Dank, dass ihr euch Zeit für uns nehmt! Wollt ihr euch kurz vorstellen? Wie alt seid ihr, wie lange wohnt ihr hier schon?
Agatha: »Ich bin Agatha, 18 Jahre. Ich wohne hier, seit ich 5 Jahre alt bin.«
Chabeng: »Ich heiße Chabeng und bin 13 Jahre alt. Ich wohne hier seit etwa einem Jahr.«
Wie habt ihr die Leute von Bahay Tuluyan kennengelernt?
Agatha: »Meine ältere Schwester sorgte damals für uns. Sie bettelte auf der Straße. Irgendwann ist ihr Catherine [Catherine Scerri, heute Direktorin von Bahay Tuluyan] über den Weg gelaufen und hat ihr erklärt, dass sie hier Hilfe bekommen kann. Meine Schwester sagte, man könne hier in einem richtigen Bett schlafen. Ich hatte immer davon geträumt, mal in einem weichen Bett zu schlafen! Und ich habe dann sehr schnell einen Platz bekommen. Meine drei kleinen Brüder leben inzwischen auch hier.
Möchtest du sagen, warum deine Schwester damals allein für dich sorgte? Und warum ihr hier eingezogen seid?
Agatha: »Das ist okay. Ich bin hier, weil unsere Eltern uns zurückgelassen hatten.«
Chabeng: »Bei mir ist es ähnlich. Wir sind fünf Geschwister. Eines Tages hat unsere Mutter uns verlassen, ohne etwas zu sagen. Unser Vater hat zwar versucht, sich um uns zu kümmern, aber es ging uns schlecht. Wir hatten keine Wohnung und lebten einfach am Flussufer. Drei meiner Geschwister wurden vom DSW [Department of Social Welfare and Development] in Obhut genommen. Das vierte lebt noch bei meinem Vater. Meine Mutter hat jetzt einen neuen Mann und neue Kinder. Sie leben auf einer der anderen Inseln.«
Kinder, die verlassen werden
Dass Kinder in extremen Armutssituationen von ihren Eltern zurückgelassen werden, ist nicht nur auf den Philippinen ein reales Problem. Die Gründe reichen von Hoffnungslosigkeit und Scham, die Kinder nicht ernähren zu können, über die erfolglose Suche nach Einkommen an anderen Orten bis hin zu Gesetzeskonflikten oder Inhaftierung der Eltern.
Wie sieht euer Leben hier aus? Gefällt es euch?
Agatha: »Ja! Wir können hier wohnen, bekommen Essen und Hilfe, um zur Schule gehen zu können. Wir müssen zum Beispiel nichts für unsere Schuluniformen bezahlen. Aber wir lernen auch, später unabhängig zu sein. Das geht so: Bei Kindern unter 10 Jahren kümmert sich Bahay Tuluyan eigentlich um alles, auch wenn die Kinder schon mithelfen. Kinder von 11 bis 14 werden etwas selbstständiger, lernen zum Beispiel, ihre eigene Wäsche zu machen. Ab 15 gibt es erste Ausbildungsangebote, zum Beispiel hier im Makabata Guesthouse. Die älteren Kinder helfen den jüngeren auch bei den Hausaufgaben.«
Chabeng: »Und das Essen ist so gut! (Lacht.) Ich hatte oft nicht viel zu essen, bevor ich herkam. Aber jetzt! Zum Frühstück gibt es manchmal Eier mit Speck. Milch oder auch Kakao. Und Obst, zum Beispiel Äpfel. Zum Mittag normalerweise etwas mit Huhn, Fisch oder Schweinefleisch. Als Nachtisch Obst, Äpfel, Wassermelonen, Mangos. Und zum Abendessen Gemüse.«
Agatha: »Das Essen ist auch ein wichtiger Teil unserer Ausbildung. Wir haben ein Spiel, bei dem die Kinder ihr eigenes Essen für die Schule zubereiten. Das hilft uns zu lernen und unabhängig zu sein.«
[Vom Flur aus ruft ein kleiner Junge sehr laut nach Chabeng. Die Mädchen lachen.]
Chabeng: »Das ist Nathan. Er ist erst vier. Und wir machen uns ein bisschen Sorgen um seine Gesundheit, weil er nicht so gut atmen und nicht so viel rennen kann. Auch wenn wir nicht wirklich verwandt sind, fühlen wir uns alle irgendwie wie Geschwister.«
Lernt ihr hier noch andere Dinge?
Agatha: »Ich glaube, eines der wichtigsten Dinge ist, dass wir lernen, dass wir Rechte haben. Schon als Kind. Das Recht auf Bildung zum Beispiel. Im Moment lerne ich gerade viel über meine politischen Rechte. Und es macht mich stolz, dass ich jetzt schon den anderen etwas beibringen kann.
[Überlegt:] Ich habe auch schon viel über Pflanzen und Gartenarbeit gelernt. Letztes Jahr gab es einen großen Taifun, viele Bäume sind umgefallen. Aber wir haben die verstreuten Früchte eingesammelt und daraus Dünger gemacht. Sodass nichts verschwendet wurde und nun neue Pflanzen wachsen können«
Und der Spaß? Was könnt ihr hier in eurer freien Zeit machen?
Chabeng: »Mmmh, ich fand es großartig, als wir neulich das Haus in Laguna dekoriert haben. Mit Deko, die wir selber aus recycletem Plastik gebastelt haben! Und ich liebe es, einfach mit den anderen Kindern zu spielen. Unser Lieblingsspiel heißt »Chinese Garter«, bei dem man immer höher und höher über ein Seil springen muss.*
Agatha: »Einige der Kinder können so unwahrscheinlich hoch springen, es sieht aus, als würden sie fliegen. [lacht] Was ich wirklich mag, sind unsere Besuche bei der International School aus Manila. Es gibt da eine Partnerschaft mit Bahay Tuluyan. Die Schüler kommen hierher und malen mit uns.Und einmal im Jahr können wir zu einem Lernbesuch dorthin fahren. Wir können in den Pools schwimmen gehen. Im Kunstraum malen. Im Musikraum trommeln. Ballett, Klettern, Theater. Die Schule ist sehr modern; für mich fühlt sie sich manchmal mehr wie ein Einkaufszentrum an.«
Agatha, du sagtest, du bist 18 Jahre alt. Wirst du das Haus bald verlassen? Hast du schon Pläne für die Zukunft?
Agatha: Ja, ich bewerbe mich auf ein Stipendium. Auch dafür bekomme ich hier Hilfe, um zum Beispiel Bewerbungsgespräche zu führen und meinen Lebenslauf zu schreiben. Ich möchte Buchhalterin werden, Mathe liebe ich. Auch wenn mir das schwer fallen wird, hier fortzugehen.
Interview: Stephan Pohlmann
Veröffentlicht 23.03.2026