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Zuflucht mit Zukunft

Ukraine: Ein Reha-Zentrum für Kinder mit schweren Behinderungen


»Jetzt, im Krieg, geht es für viele Kinder mit Behinderungen vor allem Sicherheit und grundlegende Versorgung«, sagt Projektkoordinatorin Lesya Levko. »Umso wichtiger ist es für sie, zu sehen, dass sogar in dieser schwierigen Zeit positive Veränderungen möglich sind.«

Es gibt eine seltener bedachte Gruppe von Kindern in der Ukraine, die besonders und Jahr für Jahr stärker unter den russischen Angriffen leiden: diejenigen, die bereits zuvor medizinische und therapeutische Hilfe brauchten. 

Bevor Russland 2022 seinen Angriffskrieg über die Krim hinaus ausweitete, lebten in der Ukraine geschätzt 164.000 Kinder mit körperlichen oder geistigen Behinderungen. Neue Schätzungen ergeben, dass sich diese Zahl durch Kriegsverletzungen mehr als verdoppelt hat. 

Währenddessen sind Gesundheits- und Sozialdienste vielerorts zerstört. Millionen Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht. Zwar setzen Eltern alles in Bewegung, um ihren Töchtern und Söhnen eine Kindheit in Würde zu ermöglichen. Doch das Leben im Krieg nimmt ihnen jede Stabilität, lässt kaum sichere Orte übrig.

Ein Ort, der Sicherheit gibt und Freiheit möglich macht

Solche sicheren, kindgerechten Räume zu schaffen, ist ein Fokus des Projekts, das Terre des Hommes gemeinsam mit der einem Partnernetzwerk im Westen der Ukraine durchführt. Dort entstehen neue Zufluchtsorte: Insgesamt vier Rehabilitationszentren mit ausreichenden Therapieräumen werden aufgebaut. 80 Fachkräfte werden ausgebildet, etwa in den Bereichen Physiotherapie und Psychologie. Mehr als 4.000 Schutzbedürftige können so endlich die Hilfe bekommen, die sie brauchen und verdienen.

Ein Herzstück des Projekts: Im Ort Vilshany setzte die Partnerorganisation CAMZ ein Betreuungszentrum instand – für Kinder, die mit besonders schweren Behinderungen leben und deshalb durchgehende, stationäre Betreuung benötigten.

Vilshany liegt abgelegen in der Bergregion Transkarpatien im Westen der Ukraine. Gerade weil der Ort vergleichsweise sicher ist, musste das Heim seit Kriegsbeginn weit mehr Kindern Zuflucht bieten, als je geplant war. 

»Der Krieg hat viel verändert«, erklärt Lesya Levko, die die CAMZ-Projekte in der Ukraine koordiniert. »Besonders aus dem Osten des Landes mussten viel mehr Kinder zusätzlich im Zentrum aufgenommen werden. In Schlafräumen, die eigentlich schon komplett voll waren, mussten die Betreuer*innen Platz für zusätzliche Betten schaffen. Manche Kinder kamen auch nur in umfunktionierten Spiel- und Übungsräumen unter. Und das Personal arbeitete die ganze Zeit am Anschlag.«

Das Projekt ist ein Beispiel dafür, wie humanitäre Nothilfe und langfristige Aufbauhilfe in der Entwicklungszusammenarbeit gut ineinandergreifen können.

CAMZ arbeitet als Teil eines Terre des Hommes-Hilfsnetzwerks. Ursprünglich als Nothilfe-Projekt unter Trägerschaft des Auswärtigen Amtes begonnen, wird die langfristige Hilfe nun im Zuständigkeitsbereich des Entwicklungsministeriums weitergeführt. Das Zentrum in Vilschany wird in ein langfristiges Programm eingebettet, das integrierte Rehabilitation ermöglicht, weitere Fachkräfte qualifiziert und den Kindern Unterstützungsangebote in den umliegenden Gemeinden bietet. 

CAMZ machte es sich zur Aufgabe, das Zentrum zu vergrößern – und zu verbessern. Die Projektmitarbeitenden renovierten und erweiterten das Haupthaus, schufen neue, hellere und modernere Nebengebäude. Insgesamt 184 Kinder und Jugendliche haben nun ausreichend Platz. Eine Solaranlage mit Wärmepumpe sorgt dafür, dass es warm ist und auch dann niemand frieren muss, wenn das Wärmenetz der Ukraine im Winter beschossen wird. 

Heller, freier, aufgeschlossener – ein neues Lebensgefühl

Zudem baute CAMZ einen ganz neuen Bereich auf: Einen Lebens- und Lernbereich, der für Jugendliche, die allmählich erwachsen werden, den Weg zu mehr Eigenständigkeit ebnet. Mit eigenen Wohnungen und dem inklusiven »Café Kosytsia«, das sie selbst betreiben können.

Eine der jungen Erwachsenen, die schon hier leben, ist Edita. Sie ist in Vilshany aufgewachsen, heute ist sie 29 Jahre alt. Hier hat sie Freundschaften geschlossen, ihre kreativen Fähigkeiten entdeckt und weiterentwickelt. Sie besucht regelmäßig Werkstätten, ist Mitglied des künstlerischen Ensembles der Einrichtung und arbeitet nun auch im Café. Der Umzug in das kleine, barrierefreie Wohnhaus auf dem Gelände der Einrichtung veränderte Editas Alltag grundlegend - obwohl das neue Zuhause nur wenige hundert Meter von den Hauptgebäuden entfernt liegt.

»Ich gehe jetzt zur Arbeit und zu den Werkstätten – und danach gehe ich nach Hause.«
Edita

In ihrem neuen Alltag übernimmt Edita Verantwortung in der Küche und hilft den Kindern in einem benachbarten Haus. Sie entscheidet selbst, wie ihr Zimmer aussieht. Sie bestimmt, wo ihre Bilder hängen, lädt Mitarbeitende auf einen Kaffee ein und genießt ihren eigenen Rückzugsraum. Nähe und Sicherheit bleiben – aber auf einer neuen, selbstbestimmteren Ebene.
 

Der Weg zu mehr Eigenständigkeit und Unabhängigkeit


Auch für die Fachkräfte brachte das neue Wohnangebot wichtige Erkenntnisse. Viele Alltagskompetenzen wie Kochen, Haushaltsorganisation oder der Umgang mit Geräten lernten die Bewohner*innen deutlich schneller als erhofft. Der nächste Fokus liegt nun auf komplexeren Themen: Finanzkompetenz, Selbstvertretung und externe Kommunikation – Fähigkeiten, die für ein unabhängigeres Leben entscheidend sind.

Edita nutzt die neuen Möglichkeiten bereits aktiv: Sie schickt Freundinnen und Freunden Fotos von selbstgekochten Mahlzeiten, von ihrer kreativen Arbeit oder von der festlichen Dekoration ihres Hauses. Kleine Gesten – mit großer Bedeutung. Editas Geschichte steht stellvertretend für den Weg, der Kindern und Jugendlichen in Vilshany nun offen steht: Trotz schwerer und komplexer Beeinträchtigungen erhalten sie hier eine echte Chance auf ein unabhängigeres, würdevolleres und erfüllteres Leben.

Ehemalige »Heime« für Kinder mit Behinderungen sind nicht nur in der Ukraine ein Relikt vergangener Tage – etwa der Sowjetzeit. Dass Kinder an entfernte Orte gebracht und abgeschottet wurden, war und ist mit den Kinderrechten in keiner Weise vereinbar.

Wie viele andere Staaten hat die Ukraine in den letzten Jahren einen Aufarbeitungs- und Reformprozess auf den Weg gebracht, der in Fachsprache als »De-Institutionalisierung« bezeichnet wird: Es ist das Gegenteil der Isolation und Abschottung. Ziel der Reform ist es, die Einrichtungen zu öffnen und Menschen mit Behinderungen echte Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben zu eröffnen.

Das renovierte Rehabilitationszentrum in Vilshany gilt schon jetzt als erfolgreiches Beispiel für diesen Wandel.

16.02.2026