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Ein Sicherheitsnetz gegen Verzweiflung und Traumata

Ukraine: Traumahilfe für Kinder, neue Kraft für Helfende


Isjum, Ost-Ukraine. Maksym sprüht vor Energie. Er fährt Fahrrad, liebt es, auf Bäume und über Hindernisse zu klettern, die Gegend zu erforschen. »Mir fehlt zwar ein Arm«, sagt er. »Aber ich finde: Wer mich hänselt, dem fehlt sein Verstand.«

Maksym* ist heute zehn Jahre alt. Er lebt mit seiner Familie in Isjum, einer stark vom Krieg betroffenen Stadt an der Grenze zwischen den Regionen Charkiw und Donezk. 2022 verlor er in einem Bombenhagel seinen linken Arm und sein Augenlicht. Aber Maksym ist stark: Mit einem Arm zu leben, hat er schnell gelernt. Sein Sehvermögen hat sich vollständig erholt. Nur an einigen kleinen Granatsplitternarben in seinem Gesicht, die wie winzige blaue Punkte aussehen, sieht man ihm das tragische Ereignis noch an. 

Die körperlichen Wunden verheilten, doch die unsichtbaren Verletzungen blieben: Maksym zog sich zurück. Eigentlich war er immer ein fröhliches Kind gewesen. Doch nun fiel ihm schwer, mit anderen Kindern überhaupt zu sprechen und zu spielen. 

Seine Mutter suchte Hilfe. Maksym begann, traumatherapeutische Spielstunden zu besuchen, in denen er Schritt für Schritt Mut und Zuversicht zurückgewann. »Zu sehen, wie er Selbstvertrauen gewinnt und aktiv mit anderen Kindern spielt, ist unglaublich bereichernd«, berichtet Katja, eine Helferin, die im Namen der Organisation »Libereco« die Spielstunden leitet. »Wenn man heute mit ihm arbeitet, kann man sich schon mal auf ein Abenteuer einstellen. Meistens sieht man ihn, wie er auf den nächsten Baum geklettert ist.«

Libereco: Traumahilfe an der Front und an sicheren Orten im Hinterland

Es sind Kinder wie Maksym, für die unsere Partnerorganisation »Libereco – Partnership for Human Rights« in der Ukraine da ist: Kinder, die den Weg zurück in ein Leben finden müssen, das durch Gewalt, Verlust oder durch Schock und Angst jäh unterbrochen wurde. Die Mitarbeitenden von Libereco – Fachkräfte in Psychologie und Psychotherapie – leisten direkte traumatherapeutische Hilfe. Darüber hinaus schaffen sie das, was man als »psychosoziale Unterstützung« bezeichnet: Sie versuchen, die Lebensumstände der Kinder so weit zu verbessern, dass sie Halt finden und mit der anhaltenden Belastung besser umgehen können.

In Städten und Gemeinden, die Nahe an der Front liegen, geben sie Kindern mit Spiel, Sport und Therapieangeboten neue Lichtblicke und Momente der Freude. In Unterkünften für Geflüchtete sorgen sie dafür, dass Kinder sich sicher und willkommen fühlen können, etwa durch kindgerechte Räume und Spielmöglichkeiten. Mit Ferienlagern in vergleichsweisen sicheren Regionen des Landes verschaffen sie Kindern und Jugendlichen eine Atempause vom Kriegsalltag.

Dabei muss Libereco immer wieder Prioritäten setzen. Denn der Bedarf an stress- und traumasensibler Hilfe für Kinder ist enorm nach vier Jahren, in denen russische Raketen und Bomben auf die Ukraine niedergehen, gerade auch auf Wohnviertel und Schulen, auf Kindergärten und Kinderkrankenhäuser. In diesen vier Jahren haben viele Kinder ihre Heimat verloren, beinahe alle mussten den Tod von Familienangehörigen, Freundinnen und Freunden erleben. 

Glaubwürdigen Schätzungen zufolge leidet jedes zweite Kind in der Ukraine heute an sogenanntem toxischem Stress oder an Traumata – seelische Wunden, deren Heilung nicht ohne Hilfe möglich ist. Sie brauchen eine traumasensible Begleitung in einem sicheren, vertrauten Umfeld.

Hilfe auch für die Helfenden

Wie erreicht man in dieser Situation möglichst viele Kinder? Für Libereco liegt ein wichtiger Schlüssel in der Weitergabe von traumasensiblen Methoden an Vertrauens- und Bezugspersonen der Kinder. Die Organisation stärkt etwa Eltern, Lehrkräfte und Erzieher*innen in ihrem Verständnis für die Psyche der Kinder und vermittelt Hilfsmaßnahmen, damit Kinder schnell und unmittelbar die Hilfe bekommen können, die sie brauchen: in Gefahrensituationen, bei Panikattacken und Angstzuständen oder in tiefer Trauer.

»Wir unterstützen engagierte Menschen, damit sie stark genug werden, andere zu stärken. Damit sie auch den Kindern mit ganz schweren Schicksalen Halt geben können.«
Dr. Imke Hansen koordiniert die traumatherapeutischen Projekte von Libereco in der Ukraine

Libereco ist seit vier Jahren Partnerorganisation von Terre des Hommes: Seit der Ausweitung des russischen Angriffskrieges bauen beide Organisationen gemeinsam ein Sicherheitsnetzwerk der traumatherapeutischen Unterstützung in der Ukraine auf. Das Projekt konnte insgesamt bereits 2.750 Kindern und 2.500 Eltern im Land helfen.

In der aktuellen Projektphase ist eine neue Stufe hinzugekommen:  Es gibt Hilfe auch für die Helfenden. Denn auch sie spüren die extremen Belastungen des Krieges, während sie sich gleichzeitig in ihrer Verantwortung für andere aufopfern.

»Damit wir in der Lage sind, die Verletzlichsten in diesem Krieg zu schützen.«

»Diese Menschen sind, wenn sie zu uns kommen, häufig am Ende ihrer Kraft«, berichtet Dr. Imke Hansen, die bei Libereco für die traumatherapeutische Projektarbeit in der Ukraine zuständig ist. »Durch den Beschuss in den Städten haben die meisten über Monate kaum eine Nacht durchgeschlafen. Sie spüren, dass sie nicht so weitermachen können wie bisher. Sie können aber auch nicht aufhören, weil so viele Kinder und Jugendliche ihre Hilfe brauchen.« 

Libereco hat für diese Menschen ein Programm der Selbstfürsorge entwickelt: Mit Auszeiten, in denen sie neue Kraft tanken können, aber auch mit flexibler Hilfe im Alltag. Libereco berät sie und unterstützt sie dabei, ihre persönliche Widerstandskraft zu stärken. 

»So bauen wir ein Sicherheitsnetz auf, in dem Menschen, die sich für Kinder und Jugendliche engagieren, auf die eigene Gesundheit achten und sich gegenseitig unterstützen. Damit wir alle weiterhin in der Lage sind, die Verletzlichsten in diesem Krieg zu schützen und in ihrer Entwicklung zu begleiten.«

*Name aus Sicherheitsgründen geändert. Der tatsächliche Name ist Terre des Hommes bekannt.


17.02.2026