Ukraine: Traumahilfe und Therapie für Kinder aus Kriegsgebieten
Beinahe jedes zweite Kind in der Ukraine leidet schwer unter den psychischen Folgen des russischen Angriffskrieges. Die Terre des Hommes-Partnerorganisation »Voices of Children« hilft mit kindgerechten Therapien.
»Mein Lieblingsspielzeug ist ein Dinosaurier«, berichtet Sofiia. »Als nachts die Explosionen da waren, habe ich ihn ganz fest gedrückt. Ich hatte Angst.«
Sofiia ist fünf Jahre alt. Ihr Zuhause liegt in der Oblast Saporischschja – einer Region, die zu den am heftigsten umkämpften Gebieten des Krieges in der Ukraine zählt. Weil auch ihre Heimatstadt beschossen und bombardiert wurde, flüchtete sie mit ihrer Mutter Liliia in die Westukraine. »Ich vermisse meine Oma und meinen Opa... Sie sind immer noch in Saporischschja«, sagt Sofiia.
Drei Jahre Kindheit im Krieg
Seit nun mehr als drei Jahren überzieht Russland die gesamte Ukraine mit einem verheerenden Angriffskrieg. Mindestens 600 Kinder wurden getötet, über 1.700 verletzt. Hunderttausende haben Familienmitglieder verloren, Bombardierungen erlebt, sind aus ihrem Zuhause vertrieben worden. Beinahe jedes zweite Kind zeigt Anzeichen psychischer Verletzungen und Traumata.¹
»Viele haben derart traumatische Ereignisse durchgemacht, dass selbst Erwachsene nur schwer über sie sprechen könnten. Wir versuchen, ihnen zu helfen, das alles besser zu verarbeiten.«
Levkovych arbeitet für die Terre des Hommes-Partnerorganisation »Voices of Children«, die im Westen der Ukraine insgesamt 16 Therapiezentren betreibt. Hier bekommen die Kinder Zeit und Raum, sich aus zudrücken und ihre psychischen Wunden zu heilen. Es gibt Einzel- und Gruppentherapien: Kreatives Malen, Singen, Basteln, Handpuppen- und Theaterspiel. Auch Eltern und Betreuer*innen können hier Hilfe bekommen.
Die Methodik beschreibt Psychotherapeutin Inna Knyazeva: »Kreative Aktivitäten gehen Hand in Hand mit den Therapiegesprächen. Wichtig ist, darüber zu sprechen, was ein Kind zum Beispiel gezeichnet hat, wie es das Bild sieht, wie es sich dabei fühlt. Die Bilder sind die Basis, auf der wir Gespräche aufbauen können. Wenn während des Prozesses übermächtige Emotionen auftauchen, können wir dabei helfen, sie zu bewältigen.«
Ein Sicherheitsnetz für verletzte Kinderseelen
Insgesamt konnte Voices of Children allein seit 2022 15.000 Kindern und 7.000 Erwachsenen helfen – auch Sofiia und ihrer Mutter: »Die Kinder entspannen sich hier, zeichnen und machen das, was sie lieben. Wir lernen, wieder Freude zu empfinden – trotz der harten Realität«, sagt Liliia.
Weil der Bedarf die Kapazitäten bei Weitem übersteigt, bilden die Psycholog*innen und Therapeut*innen andere weiter; schulen etwa Jugend leiter*innen und Lehrkräfte darin, Zeichen von psychischer Belastung und Traumata zu erkennen und den betroffenen Kindern zu helfen. Mit der Zeit will Voices of Children damit ein stabiles Sicherheitsnetz der psychologischen Hilfe aufbauen. Und ein Versprechen einhalten: Kein Kind, so das Ziel der Organisation, soll mit der Erfahrung des Krieges allein gelassen werden.
¹ Future Index-Pilotstudie, initiiert von der Olena Zelenska-Stiftung
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