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»An Nahrung hat es uns oft gemangelt, an Waffen nie«

Marti Gensel arbeitet bei terre des hommes im Referat für humanitäre Hilfe: Wenn Menschen in unseren Projektländern durch Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Dürren oder Erdbeben in extreme Notlagen geraten, kümmert er sich um schnelle Hilfe. Ihm geht es aber auch darum zu verhindern, dass ein Naturereignis zur menschlichen Katastrophe wird. Aus diesem Grund besuchte er die Region Gedo im ostafrikanischen Somalia, die an Kenia und Äthiopien grenzt. Ende 2018 hat hier mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) ein Projekt begonnen, von dem jeweils fünf Gemeinden in Somalia und in Kenia profitieren. Es hilft den Menschen dabei, sich gegen die wiederkehrenden und immer extremer werdenden Dürren zu wappnen. Iris Stolz sprach mit Marti Gensel über das Projekt, die allgegenwärtige Bedrohung durch die islamistische Terrormiliz Al-Shabaab und die Situation der Frauen und Kinder.

Herr Gensel, weshalb sind Sie in Somalia gewesen?

Wir arbeiten seit fünf Jahren in der Region Gedo. Als im Frühjahr 2017 die extreme Dürre war und Menschen zu verhungern drohten, haben wir zusammen mit unserer Partnerorganisation NAPAD in der kenianisch-somalischen Grenzregion Nahrungsmittel und Wasser verteilt. NAPAD steht für »Nomadic Assistance for Peace and Development«. Jetzt möchten wir ein größeres Projekt beginnen. Dabei geht es darum, dass die Menschen dauerhaft vor Hunger geschützt werden und mit den immer wiederkehrenden Dürreperioden umgehen können. Ich war dort, um zu klären: Was wird am nötigsten gebraucht, was machen wir wo?

Dürren gab es immer. Ist das Ausmaß schlimmer geworden?

Ja. Die Lebensader der Region, der Fluss Juba, führt immer weniger Wasser und die Trockenperioden werden immer länger – eine Folge des Klimawandels. Das hat dramatische Auswirkungen: Viehhirten müssen ihre Tiere notschlachten oder weit unter Wert verkaufen, und es können nicht ausreichend Nahrungsmittel angebaut werden. Die Böden sind zwar im Prinzip fruchtbar, aber wenn kein Wasser da ist, wächst natürlich nichts.

Was will terre des hommes tun?

Wenn zu der Zeit, in der der Fluss Wasser führt, genug Nahrungsmittel produziert und gelagert werden können, kann auch die Trockenphase besser überstanden werden. Die Frage ist aber: Wie bekommt man das Wasser auf die Felder? Wir wollen die Gemeinden dabei unterstützen, ihre Felder effektiver zu bewässern und ihre Trinkwasserversorgung zu verbessern. Wir wollen Pumpen und Bewässerungssysteme installieren, damit die Ernteerträge gesteigert werden können – sowohl zur Selbstversorgung als auch für den Markt. In manchen Dörfern gibt es bereits solche Pumpen. Allerdings werden sie meist mit Benzin betrieben. Dafür muss eine Gemeinde durchschnittlich 200 US-Dollar im Monat aufbringen. Ist kein Geld da, fließt auch kein Wasser.

Was will terre des hommes besser machen?

Wir planen die Installation von Solarpumpen. An Sonnenenergie mangelt es in Somalia glücklicherweise nicht. Ich habe Pumpen gesehen, die seit sechs Jahren arbeiten und von der Dorfgemeinschaft gehegt und gepflegt werden. Sie haben erkannt: Hier geht es um unsere Lebensgrundlage.

Wird das Wasser aus dem Fluss auch getrunken?

Ja. Vereinzelt gibt es auch Brunnen. Wenn der Fluss und die Brunnen trocken liegen, überleben die meisten Menschen durch das sogenannte »water trucking«: Es kommen Lastwagen, beladen mit Trinkwasser. Teilweise organisieren das Hilfsorganisationen. Oft handelt es sich aber um Händler, die das Wasser verkaufen. Für dieses Wasser müssen die Menschen zeitweise das 15-Fache des Preises bezahlen, der sonst an öffentlichen Brunnen fällig wird.

»Sie gehen durch die Dörfer und nehmen sich, was sie brauchen«

Ist in der Projektregion auch die islamistische Al-Shabaab aktiv?

Sie gehört zu den Regionen, die nicht von der Al-Shabaab, sondern von der somalischen Regierung kontrolliert werden, aber Angriffe passieren trotzdem in regelmäßigen Abständen. Meist richten sie sich gegen Regierungsstrukturen und deren Angestellte.

Woher haben sie ihre Waffen?

Die finden offensichtlich ihren Weg. In Somalia sagt man: An Nahrungsmitteln hat es uns schon oft gemangelt, an Waffen und Munition noch nie. Mir wurde berichtet, dass die Anhänger durch Dörfer ziehen und sich nehmen, was sie brauchen. Es gibt keine Sicherheitsstrukturen, die das verhindern könnten.

Wie kommen die Kinder mit dieser Situation zurecht?

Die Kinder kennen nur diesen Zustand. Viele müssen hungern, und weil kaum Gesundheitsstationen und medizinische Versorgung vorhanden sind, erleben von 1.000 Neugeborenen etwa 135 nicht einmal ihr fünftes Lebensjahr. Somalia ist außerdem das Land mit der höchsten Quote an Genitalverstümmelungen: 98 Prozent der Frauen, die gegenwärtig zwischen 15 und 49 Jahre alt sind, wurden so einer Prozedur unterworfen – fast 80 Prozent davon im Alter zwischen fünf und neun Jahren. Und schließlich: Die Schulbildung ist von schlechter Qualität und die Einschulungsrate ist gering. In vielen Regionen besuchen wesentlich weniger als die Hälfte der Kinder eine Grundschule – von weiterführender Bildung ganz zu schweigen.

Und die Angst vor Gewalt ...

... ist sicherlich ein ständiger Begleiter. Die Jungen müssen fürchten, durch die Milizen oder das Militär rekrutiert zu werden. Viele werden gezwungen, manche gehen aus Mangel an Alternativen. In den somalischen Schulen gibt es die typischen Buchstabenwände: A wie Airplane, B wie Banana usw. In einigen Schulen wurde Airplane ersetzt durch A wie Ammunition, also das englische Wort für Munition. Mir wurde erläutert: Airplanes kennen die Kinder nicht. Ammunition liegt überall herum.

Welchen Einfluss haben die Frauen?

Das ist sehr unterschiedlich. Ich habe an einem Tag zwei Dörfer besucht. Im ersten haben sich die Frauen nur nach längerem Bitten getraut, das Wort zu ergreifen. 20 Kilometer weiter habe ich folgendes erlebt: Als wir ankommen, sitzen Männer und Frauen bereits gemeinsam unter einem Baum. Nachdem zwei Männer geredet haben, spricht ganz selbstbewusst eine Frau. Sie sagt im ersten Satz: Das, was die Männer hier sagen, ist alles Unsinn. Und sie hatte Recht! Wir haben festgestellt: Was die Frauen als Bedarf aufzeigen, macht meistens Sinn. Dieses Erlebnis zeigt auch, wie immens wichtig es ist, dass wir mit Partnerorganisationen zusammenarbeiten, die die Gegebenheiten vor Ort kennen. Das Wissen über die Rolle der Frauen in den einzelnen Gemeinschaften kann beispielsweise über Misserfolg oder Erfolg von Projekten entscheiden. Deshalb ist es uns wichtig, in unseren Projekten die Frauen mit einzubeziehen und ihr Selbstbewusstsein zu stärken.

01.02.2019

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