Mit großer Trauer nehmen wir Abschied von Lutz Beisel, dem Gründer von Terre des Hommes Deutschland. Mit seinem Engagement und seiner Entschlossenheit hat er eine der bedeutendsten Kinderrechtsorganisationen Deutschlands ins Leben gerufen und über Jahrzehnte geprägt.
Lutz Beisel wurde in den 1960er-Jahren durch die Bilder des Vietnamkrieges und das Leid der betroffenen Kinder tief erschüttert. „Da kann man nicht einfach zuschauen. Da muss man was unternehmen“, beschrieb er später seine Motivation.
Video-Interview mit Lutz Beisel
Am 7. Januar 2017 fand der Festakt zum 50jährigen Bestehen von Terre des Hommes statt. Zu diesem Anlass wurde Lutz Beisel zur Entstehung von Terre des Hommes interviewt.
Am 8. Januar 1967 rief er gemeinsam mit rund 40 Mitstreiterinnen und Mitstreitern in der Waldorfschule Uhlandshöhe in Stuttgart die Aktion „Terre des Hommes Deutschland“ ins Leben. Ziel war es zunächst, kriegsverletzten und elternlosen Kindern aus Vietnam zu helfen, ihnen medizinische Versorgung zu ermöglichen und ihnen Schutz und Perspektiven zu geben. Bereits wenige Monate später konnten die ersten Kinder nach Europa ausgeflogen und in Deutschland versorgt werden.
Aus den ersten Initiativen, die Beisel selbst mit bescheidenen Mitteln organisierte, entwickelte sich rasch eine wachsende Bewegung. 1968 entstanden erste Geschäftsstellen in Stuttgart, 1969 wurde in Osnabrück die bundesweite Geschäftsstelle eröffnet, die Beisel bis 1979 als Geschäftsführer leitete. Unter seiner Mitwirkung etablierte sich Terre des Hommes Deutschland als wichtige Stimme für Kinderrechte weltweit.
Nach seiner Zeit in Osnabrück kehrte Lutz Beisel nach Süddeutschland zurück und engagierte sich unter anderem im Umfeld von Waldorfschulen. Die Entwicklung von Terre des Hommes Deutschland verfolgte er weiterhin mit großem Interesse und nahm zu besonderen Anlässen an Jubiläen und öffentlichen Veranstaltungen teil.
Für sein herausragendes zivilgesellschaftliches Engagement wurde Lutz Beisel vielfach ausgezeichnet, darunter mit dem Bundesverdienstkreuz im Jahr 2018. Weitere Ehrungen waren unter anderem der Sozialpreis der Stadt Tuttlingen und der Stuttgarter Friedenspreis.
Lutz Beisel handelte aus einer tiefen humanitären Überzeugung heraus. Sein Wirken steht in der Tradition eines Verständnisses von Verantwortung, das über das eigene Leben hinausweist, geprägt von dem Gedanken des Terre des Hommes-Namensgebers Antoine de Saint-Exupéry: „Mensch sein heißt Verantwortung fühlen: sich schämen beim Anblick einer Not, auch wenn man offenbar keine Mitschuld an ihr hat; seinen Stein beitragen im Bewusstsein, mitzuwirken am Bau der Welt.“
Mit seinem Einsatz für Kinder in Kriegs- und Krisengebieten hat Lutz Beisel bleibende Maßstäbe gesetzt. Seine Initiative legte den Grundstein für eine Organisation, die sich bis heute weltweit für Kinderrechte engagiert.
Wir trauern um einen Menschen, der Mitgefühl empfand und handelte. Sein Vermächtnis wird in der Arbeit von Terre des Hommes Deutschland und im Engagement vieler Menschen weiterleben.
Lutz Beisel verstarb am 25.6.2026 in Tuttlingen nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 88 Jahren.
Audio-Interview mit Lutz Beisel vom 2. Juni 2026
Am 2. Juni besuchte unsere Mitarbeiterin Birgit Dittrich Terre des Hommes-Gründer Lutz Beisel in Tuttlingen und führte mit ihm ein Interview.
Lutz Beisel, Gründer von Terre des Hommes Deutschland, hat im Laufe seines Lebens viele Interviews über die Anfänge der Kinderhilfsorganisation und seine Beweggründe gegeben. Als wir ihn am 2. Juni 2026 in seinem Heimatort in Baden-Württemberg besuchen, begrüßt er uns mit einem verschmitzten Lächeln: „Ja, wisst ihr es denn immer noch nicht?“
Lutz Beisel ist zu diesem Zeitpunkt 88 Jahre alt. Sein Körper ist schwächer geworden, langes Sprechen fällt ihm schwer. Man hört es. Aber Geist und Überzeugungskraft sind ungebrochen.
Ohne jede Eitelkeit erzählt Beisel, wie das Leid der im Vietnamkrieg verletzten Kinder in ihm den Wunsch weckte, den Gräueltaten etwas entgegenzusetzen. Er berichtet von seiner Reise zu Edmond Kaiser, dem Schweizer Gründer von Terre des Hommes, zu dem er sofort eine enge Verbindung spürt „Es passte kein Blatt zwischen uns“ sagt er im Gespräch. Edmond Kaiser zeigt ihm, wie er das Mitgefühl in ein konkretes Handeln verwandeln kann.
Zurück in Deutschland findet Lutz Beisel Mitstreiter. Mit 40 Menschen gründet er am 8. Januar 1967 Terre des Hommes Deutschland e.V. Er erzählt, wie es gemeinsam gelang, die Organisation wachsen zu lassen, welche Fertigkeiten und welche Haltung es dazu brauchte.
Am Ende geht es um mehr als die Geschichte einer Kinderhilfsorganisation. Beisel spricht über die menschliche Fähigkeit zum Mitgefühl und über die Kraft, die daraus entstehen kann – nicht durch Hilfe von oben herab, sondern auf Augenhöhe, zwischen Menschen, die einander als gleichwertig mit Würde und Respekt begegnen.
Mit großer Klarheit formuliert Lutz Beisel sein Anliegen: Wir müssen helfen, dass die Welt bewohnbar bleibt. Dass es schön ist, auf der Welt zu leben. Dafür braucht es nicht nur staatliches Handeln, sondern auch zivilgesellschaftliche Organisationen und Menschen, die aus einer inneren Haltung Verantwortung übernehmen.
Als wir nach dem Interview das Haus verlassen und vor der Tür stehen, verspüren wir tiefen Respekt und den Wunsch mitzumachen bei der „Erde der Menschlichkeit“.
Lutz Beisel stirbt am 25.06.2026 wenige Wochen nach dem Gespräch. Wir werden ihn nicht vergessen.
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