Das Projekt Red Antorchas in Kolumbien
Bedrohte Lagune, darbende Fischer und billiges Palmöl in Kolumbien
Für die afro-bäuerlichen Gemeinschaften in Kolumbien ist das „Gute Leben“ kein Zustand von Luxus, sondern ein Leben in Würde, Harmonie und Sicherheit. Gutes Leben braucht Frieden, Sicherheit und angstfreie Räume. Erst wenn die Waffen schweigen, können Kinder ohne Angst zur Schule gehen und ihre Talente frei entwickeln.
Wichtig sind auch Kultur, Identität und Gemeinschaft, die es wiederzubeleben zu stärken gilt. Denn der bewaffnete Konflikt hat Familien zerrissen. Frieden ermöglicht es, die afro-kolumbianischen Traditionen wieder gemeinsam zu feiern. Ein gutes Leben bedeutet auch , die eigenen Wurzeln und Bräuche ohne Unterdrückung leben zu können. Der Zugang zu eigenem Land sichert die Ernährung der Familien und stärkt die Unabhängigkeit.
All das ist für die afrokolumbianischen Gemeinschaften in der vom Staat vernachlässigten Gegend von Gamero in der Nähe von Cartagena nicht selbstverständlich. Denn es gibt tiefe Wunden aus der Vergangenheit: In dieser Gegend fand eines der größten von Paramilitärs begangenen Massakern statt. Dadurch und durch die Präsenz von Paramilitärs und Guerillas, verbunden mit Vertreibungen, wurden die kulturellen Gebräuche und das landwirtschaftliche Gemeinschaftswissen z.T. zerstört.
In dieser Situation hilft die Organisation „Red Antorchas“ afrokolumbianischen Jugendlichen, ihre Afro-Campesino-Kultur wiederzubeleben. Neben Bildungs- und Trainingsangeboten steht generationenübergreifendes Lernen im Mittelpunkt. Die Ältesten sprechen mit den Jüngeren über Mythen, Tradition und Landwirtschaft um Selbstbewusstsein, Identität und Sicherheit aufzubauen. Anerkennung der Würde in den Werten der afro-bäuerlichen Kultur basieren.
Die afro-bäuerliche Kultur ist in jüngster Zeit zusätzlich durch den Anbau von Ölpalmen bedroht. So verkaufte der lokale Großgrundbesitzer sein Anwesen an Agroindustrielle, die nun Palmölkulturen anbauen. Auch kleinere Grundbesitzer wurden bedrängt, ihres Landes zu verkaufen. Viele sind nun als Tagelöhner auf der Großplantage tätig. Im Mittelpunkt steht der Profit durch die Produktion von Palmöl.
Das bleibt nicht ohne Folgen für das Biosystem Lagune: Weil der Anbau von Ölpalmen viel Wasser benötigt, sperrten die Unternehmen den Zufluss zur Lagune, sodass diese kein frisches Wasser mehr bekommt und der Boden austrocknet. Dieses führt zusammen mit dem Einsatz von Pestiziden dazu, dass die Lagune stirbt. Und damit schwinden auch die Lebensgrundlagen der Einheimischen. Viele Fischarten sind bereits ausgestorben.
Das kolumbianische Umweltministerium hat 2022 zugesagt, etwas zu unternehmen, um den Tourismus zu fördern, das Ecosystem zu schützen und die Ernährung der Bevölkerung zu sichern, aber offenbar ist nicht viel gesehehen.
Jedenfalls arbeitet Las Antorchas daran, dass die Jugendlichen sich der Gefahren und ihrer Rechte bewusst werden – hier das Recht auf eine gesunde Umwelt. So werden z.B. In Fotokursen gefährdete Pflanzen dokumentiert und die Probleme anhand von Liedern verbreitet. Außerdem gibt es inzwischen auch eine Bauern- und Fischervereinigung. Widerstand jedoch ist nicht ungefährlich, denn die Großgrundbesitzer schrecken auch vor Mord nicht zurück. Nicht vergessen werden sollte bei diesem Projekt die Rolle von uns Konsumenten im globalen Norden. Denn nach wie vor ist die Nachfrage nach Palmöl auch in Deutschland groß und das Palmöl landet in Lebensmitteln, Kosmetika und sogar im Futtertrog, ein lukratives Geschäft für die einen, aber weltweit auch Armut, Umweltverschmutzung und Gewalt für die anderen.
Über unseren Projektpartner La Red Antorchas (Das Netz der Fackeln)
Die Vereinigung Red Antorchas ist eine soziokulturelle Organisation, die im Norden der Provinz Bolivar arbeitet.
Weitere Informationen zu einzelnen Aktivitäten von Red Antochas gibt es bei Terre des Hommes (deutsch) sowie im Instagram- und YouTube-Kanal (beide spanisch).
Weiterführende Informationen
Der ausführliche Radio- und Textbeitrag „Die Schattenseiten der Palmölindustrie in Kolumbien“ auf Deutschlandfunk Kultur zeigt wie Kolumbien massiv auf den Rohstoff setzt, während Umweltschützer vor Monokulturen und Wasserverschmutzung warnen.
Die Analyse „Kolumbien: Palme der Hoffnung, Palme der Probleme“ auf amerika21 beleuchtet den rasanten Boom der letzten zwei Jahrzehnte sowie den damit verbundenen sozialen und ökologischen Zwiespalt
Eine Datenbank des US-amerikanischen Webportals für Naturschutznachrichten Mongabay Lateinamerika und der Journalistenallianz "Tras las huellas de palma" (Auf den Spuren der Ölpalme) dokumentiert die wachsenden Beschwerden über Umweltzerstörung und die Beeinträchtigung von Wasserressourcen durch den Anbau von Ölpalmen.
Infobox Palmöl
- Palmöl ist in Alltagsprodukten wie Nahrungsmitteln, Kosmetik und Reinigungsmitteln enthalten.
- Kolumbien ist der größte Palmölproduzent Lateinamerikas und belegt weltweit den vierten Platz.
- Das Öl wird oft als umweltfreundlich beworben, da es einen höheren Ertrag pro Hektar als andere Pflanzenöle liefert. Der großflächige Anbau von Ölpalmen verursacht jedoch gravierende ökologische und soziale Schäden,.
- Der Einsatz hochgiftiger Pestizide führt zu einem erheblichem Verlust an Biodiversität
- Der Ölpalm-Anbau in Monokultur ist auch deshalb problematisch, weil die Ölpalme einen hohen Wasserbedarf hat. Deshalb steht in Dürreperioden noch weniger Wasser für die lokale Bevölkerung und ihren Anbau von Grundnahrungsmitteln zur Verfügung.
- Kolumbien führt die Liste mit der höchsten Anzahl an aufgelaufenen Verfahren gegen Palmölunternehmen an, insgesamt 176 in 2020/2021). Im gleichen Zeitraum gab es nur 32 Sanktionsverfahren. Die Durchsetzung von Umweltgesetzen ist mangelhaft.