Zum Inhalt springen

Faire Landverteilung – für nachhaltige Landwirtschaft

Interview:

»Die Natur zu verteidigen heißt, unseren Boden zu verteidigen«


Die Landlosenbewegung »MST« (»Movimento dos Trabalhadores e Trabalhadoras Rurais Sem Terra«) ist die größte soziale Bewegung in Brasilien. Sie setzt sich insbesondere für eine Agrarreform und die Umverteilung ungenutzter Ländereien an landlose Familien ein. In unserem gemeinsamen Projekt mit dem MST und dem »Instituto Cultivar« fördern wir agroökologische Bildung und Praxis in 17 Schulen und Gemeinden im ländlichen Raum. 


Was agroökologische Bildung bedeutet und warum es so wichtig ist, dass Kinder und Jugendliche aktiv am Kampf um Gerechtigkeit beteiligt sind? Darüber haben wir mit João Vitor und Clara Duarte gesprochen, zwei jungen Teilnehmenden unseres Projektes, sowie mit Maria Leomar, einer der Koordinatorinnen des Bildungssektors beim MST.

»Die Situation ist sehr ungerecht. Hart arbeitende Menschen haben kein Stück Land, um sich und ihre Familien zu versorgen.«
Clara Duarte Projektteilnehmerin, MST

Brasilien gehört zu den Ländern mit der größten Ungleichheit bei der Landverteilung weltweit. Wie wirkt sich dies auf den Alltag der Menschen aus?

Clara Duarte: »Die Situation ist sehr ungerecht. Hart arbeitende Menschen haben kein Stück Land, um sich und ihre Familien zu versorgen. Ich sehe, dass Menschen wegziehen und ihre Gemeinden verlassen, um anderswo ein besseres Leben zu suchen. Manche Schulen in einigen Gemeinden werden sogar geschlossen, um Familien vom Land zu vertreiben. Unsere Schule ist deshalb auch eine Form des Widerstands.«

Maria Leomar: »Ich erlebe diese Realität bei mir vor Ort: 24.000 Hektar Land befanden sich in den Händen einer einzigen Person. Heute, nach vielen Kämpfen, sind hier 766 Familien angesiedelt. Das sind Menschen, die jetzt ihr eigenes Land, ein Einkommen und Zugang zu Leistungen wie Schule, Straßen und Gesundheitsversorgung haben und somit ein würdiges Leben führen können. Die Agrarreform ist die einzige Möglichkeit, Land zu demokratisieren und bäuerlichen Familien ein Leben in Würde zu garantieren.«
 

Warum setzt ihr euch für die Agrarreform ein?

Maria Leomar: »Die Konzentration von Land führt unter anderem zum Anbau in Monokulturen. Es wird hauptsächlich für den Export produziert und es werden intensiv Pestizide eingesetzt. Dadurch erkranken Menschen und unsere Umwelt wird zerstört. Die Agrarreform sieht in der Praxis vor, dass alle Familien das Recht auf eine Unterkunft, ein Stück Land zur Bewirtschaftung, ein Einkommen, gesundheitliche Versorgung und Bildung haben – und das alles im Respekt vor der Natur und mit der Produktion gesunder Lebensmittel.«

»Wir Jugendlichen sind Teil des Kampfes gegen Ungleichheiten. Wir wollen, dass Menschen auf dem Land leben und lernen können.«
João Vitor Projektteilnehmer, MST

Wie sieht euer Alltag in der Projektschule aus?

Clara Duarte: »Wir lernen zum Beispiel durch die Arbeit im Schulgarten. Dort kombinieren wir Mathematik, Physik, Chemie und Geografie mit praktischen Tätigkeiten. Wir üben verschiedene Formen nachhaltiger Landwirtschaft und lernen, wie man die Natur schützt. Ich bringe viele praktische Erfahrungen mit nach Hause und erkläre sie dann meiner Familie, zum Beispiel Kompostherstellung und Saatgutpflege.«

João Vitor: »In den Núcleos de Base, unseren solidarischen Jugendgruppen, lernen wir Teamarbeit. Wir planen gemeinsame Projekte wie das Anlegen und Pflegen neuer Schulgärten. Der Zusammenhalt ist dabei für mich das Wichtigste, denn nur gemeinsam sind wir stark.«
 

In unserem gemeinsamen Projekt sind junge Menschen die Akteur*innen des Wandels. Warum ist das so wichtig?

João Vitor: »Was wir im Projekt lernen, hilft dabei, dass zukünftige Generationen nicht das Land verlassen und ihre Wurzeln aufgeben müssen. Wir Jugendlichen sind Teil des Kampfes gegen Ungleichheiten. Wir wollen, dass Menschen auf dem Land leben und lernen können.«

Maria Leomar: »Kinder und Jugendliche sind nicht nur die Zukunft, sondern auch die Gegenwart. Das Projekt ermöglicht es ihnen, als handelnde Akteur*innen aufzutreten, und zwar von der Planung bis zur Durchführung der Aktionen: Bäume pflanzen, Lebensmittel in Gärten produzieren, Getreide anbauen, sich um Tiere kümmern. All das trägt zur Bewusstseinsbildung bei und fördert die Eigenständigkeit und das Selbstvertrauen, sodass die Jugendlichen später in der Lage sind, am Aufbau einer gerechteren Gesellschaft mitzuwirken.«

»Wir müssen die Ausbeutung und die Konzentration von Land, Wissen und Technologie in den Händen weniger überwinden.«
Maria Leomar Koordinatorin im Bildungsbereich, MST

Was muss sich in der Politik ändern und wie können Menschen in Deutschland euch unterstützen?

João Vitor: »Die Natur zu verteidigen heißt, unseren Boden zu verteidigen. Solidarität ist dabei unfassbar wichtig. Was alle tun können: Teilt unsere Geschichten und verbindet euch in konkreten Aktionen mit uns.«

Maria Leomar: »Wir müssen die Ausbeutung und die Konzentration von Land, Wissen und Technologie in den Händen weniger überwinden. Das ist eine Realität in Brasilien und in der Welt: Manche Länder werden durch die Zerstörung Brasiliens natürlicher Reichtümer reich, und das hängt mit der Art und Weise zusammen, wie weltweit produziert wird. Andere Länder können dabei helfen, diese profitorientierte Produktionsweise anzuprangern. Jede*r kann prüfen, inwiefern das eigene Land zu dieser Ungleichheit beiträgt, und dabei helfen, diese Logik unserer Gesellschaft zu denunzieren.«

Clara Duarte: »Die Situation in Brasilien wird sich nur ändern, wenn Reichtum verteilt wird. Für uns ist Land der größte Reichtum. Eine Möglichkeit der Unterstützung ist der Austausch von Technologie und das Eingehen von Partnerschaften, um Familien dabei zu helfen, sich gegenüber dem Agrarbusiness zu behaupten, ohne Gift zu produzieren und die Natur zu zerstören.«

Mehr über das Projekt

Unser Projekt mit der Landlosenbewegung MST und dem Instituto Cultivar ermöglicht landwirtschaftliche und ökologische Bildung in Schulen und Gemeinden. Ziel ist es, Armut zu bekämpfen, die Ernährungssicherheit zu verbessern, lokale Ökosysteme zu schützen und die Umsetzung einer gerechten Agrarreform mitzugestalten.

Mehr erfahren