Im Interview:
Dr. Abdullahi Hersi, NAPAD
Seit 2020 erlebt Somalia immer wieder schwere Dürren, die Existenzen zerstören und Konflikte um die knappen Ressourcen verschärfen. Nun verschlimmert das Ausbleiben internationaler Hilfsgelder die Situation: Über die Situation vor Ort berichtet Dr. Abdullahi Hersi, Projektleiter der Organisation NAPAD, im Interview.
»Das Ziel ist, nachhaltige Lösungen für die Gemeinschaft zu schaffen – Lösungen, die auch dann bleiben, wenn das Projekt eines Tages beendet ist.«
Dr. Hersi, im Januar 2025 begannen die USA und andere Länder, ihre Investitionen in Entwicklungszusammenarbeit radikal zu kürzen. Wie wirkt sich das bisher auf die Situation in Somalia aus?
Die Folgen sind gravierend. Wir haben es mit einer lebensbedrohlichen Krise zu tun, getrieben von einer mehrjährigen Dürre. Mehr als 9 Millionen Menschen sind von Wassermangel, von bewaffneten Konflikten und von Krankheiten wie Cholera betroffen.
Und in dieser Situation werden nun Programme zur Wasserversorgung und Maßnahmen gegen den Hunger gekürzt, ebenso Projekte zur Krankenversorgung. Landwirtschaftliche Ausbildungsprogramme, mit denen Armut und Hunger bekämpft wurden, wurden eingestellt. Diese Projekte waren besonders wichtig, um den Menschen zu helfen, ihr eigenes Einkommen zu generieren. Jetzt gibt es für sie keine Hilfe und keine Arbeit mehr.
Sind Sie auch direkt von den Kürzungen betroffen?
NAPAD hat keine direkte Finanzierung durch USAID erhalten, indirekte Mittel aber schon: durch die Zusammenarbeit mit UN-Organisationen und anderen internationalen Organisationen. Daher mussten auch wir unser Personal reduzieren. Wir waren etwa 120. 80 Kolleg*innen mussten wir entlassen. Da sprechen wir von Fachkräften für Psychologie und Landwirtschaft, Sozialarbeiter*innen, Ingeneur*innen, die an den Bewässerungsanlagen arbeiteten.
Zudem mussten befreundete Organisationen, die US-Mittel erhielten, teilweise komplett schließen. Das hat gleichzeitig den Bedarf an Hilfe erhöht. Das alles trifft auf ein Umfeld, in dem weite Teile der Bevölkerung an der Armutsgrenze leben und hungern. Und 75 Prozent der Bevölkerung sind Jugendliche – sie sind besonders anfällig für Human Trafficking [Menschenhandel] oder Rekrutierung durch bewaffnete Gruppen.
»Menschenschmuggel ist häufig, weil die Leute am Ende des Tages sagen: ›Wenn ich zustimme, irgendwohin gebracht zu werden, könnte ich ein besseres Leben bekommen oder sterben. Aber wenn ich hierbleibe, sterbe ich sowieso.‹«
Die Rekrutierung durch Milizen – können Sie das Problem kurz erklären?
Der Staat ist in Somalia nicht stark. Es gibt immer wieder bewaffnete Gruppen in wechselnden Allianzen, die um das knappe Ackerland und Wasserressourcen kämpfen. Hinzu kommt die Präsenz von Terrorgruppen wie der islamistischen Al-Shabaab-Miliz.
Was deshalb leider wieder häufiger vorkommt, ist die Rekrutierung von Jugendlichen durch diese bewaffneten Gruppen. Besonders Al-Shabaab, aber auch einige Klientelmilizen der Regierung haben Kinder rekrutiert, beginnend mit Jungen um die 14 Jahre.
Zu viele Kinder und Jugendliche haben jetzt einfach keine Perspektive mehr. Und dann kommt eine Miliz und sagt zu einem Jungen: »Hey, ich gebe dir 100 Dollar im Monat.« Diese 100 Dollar sind eine riesige Summe für ihn. Dieser Junge achtet nicht auf das Risiko, zumal er keinen Vergleichswert oder andere Informationen hat. Für Mädchen übrigens sind Kinderehen ein ähnlich verbreitetes Risiko, auch da ab dem Alter von 14 Jahren.
Sie sprachen auch das Problem des »Human Trafficking« an, also Menschenhandel und Menschenschmuggel?
Wenn sie hungern, gehen vor allem Menschen aus den nomadischen Gebieten meist in die Städte, um Arbeit zu finden. Aber natürlich gibt es auch dort kaum Möglichkeiten. Und dann sind immer Schlepper in der Gegend. Menschenschmuggel ist häufig, weil die Leute am Ende des Tages sagen: »Wenn ich zustimme, irgendwohin gebracht zu werden, könnte ich ein besseres Leben bekommen oder sterben. Aber wenn ich hierbleibe, sterbe ich sowieso«. Das ist die Art von Entscheidung, die sie treffen – und zwar besonders viele junge Menschen.
Migration ins Ausland ist teuer. Und es gibt genug Geschichten über Söhne, die in anderen Ländern Arbeit zu suchen – und dann bekommen die Familien einen Anruf von jemandem in Libyen, der sagt: »Wir haben euer Kind. Ich werde ihn töten, wenn ihr nicht 5.000 US-Dollar zahlt.« Was tun Sie dann? Sie haben keine 5.000 Dollar, aber Sie sehen Ihr Kind vielleicht nie wieder. Also gehen die Eltern hierhin und dorthin, um einen Beitrag von Freunden zu suchen. Und letztlich kann das Kind trotzdem sterben, weil die Erpresser das Geld nehmen und das Kind verschwinden lassen.
Was kann NAPAD dagegen tun? Wie versuchen Sie, wieder Perspektiven vor Ort zu schaffen?
Der Wegfall externer Gelder hat traurigerweise den Bedarf an Soforthilfe wieder erhöht. Bei NAPAD arbeiten wir deshalb vorerst mit einem dreifachen Ansatz aus Soforthilfe, Konfliktprävention und Bildung. Wenn wir weiter Systeme für die Wasserversorgung bauen und verbessern, adressiert das einerseits die unmittelbaren Bedürfnisse der Gemeinschaft. Andererseits bleibt die Wirkung lange bestehen. Das ist, was wir gerade tun: Maßnahmen, die Leben hier und sofort retten können, aber morgen nicht verschwunden sind.
Einer der Vorwürfe, denen die Entwicklungszusammenarbeit derzeit ausgesetzt ist, lautet: Die Entwicklung sei nicht nachhaltig und mache zu abhängig von Hilfsgeldern. Was würden Sie darauf antworten?
Dieses Bild ist verzerrt. Es ist nicht so, als würden wir Lebensmittelpakete verteilen, und morgen haben die Menschen wieder nichts zu essen. Was stattdessen funktioniert, ist, Eigenständigkeit zu fördern, nachhaltige Lösungen für die Gemeinschaft zu schaffen – Lösungen, die auch dann bleiben und weiter funktionieren, wenn das Projekt eines Tages beendet ist. Klar ist, dass das nicht von einem Tag auf den anderen funktioniert.
Die Organisation NAPAD (Nomadic Assistance for Peace and Development) leistet humanitäre Hilfe und fördert die nachhaltige Entwicklung am Horn von Afrika.
Terre des Hommes NAPAD arbeiten seit 2013 zusammen. Mehr über den Ansatz und die Arbeitsfelder im Partnerprojekt lesen Sie hier.
Welche Rolle spielt dabei die Unterstützung für Kinder und Jugendliche?
Bildung und Ausbildung bleiben natürlich der Schlüssel zu einer besseren Zukunft für alle. Wir bieten haben Schulen gebaut, wir bilden Menschen zu Lehrer*innen aus. Wir fördern auch den Zugang zu Bildung, besonders für Mädchen: Das bedeutet auch, dass wir mit Eltern sprechen, besonders in nomadischen Gemeinden, damit sie die Kinder überhaupt erst zur Schule zu schicken.
Wir setzen uns auch dafür ein, dass Kinder nicht zu Kindersoldatentum, Kinderarbeit, Kinderehen oder in andere Formen von Missbrauch gezwungen werden. NAPAD bildet Jugendleiter*innen, Lehrer*innen und Gemeindevertreter*innen mit Blick auf den Kindesschutz weiter, damit es Ansprechpersonen gibt, die helfen oder eingreifen können, wenn etwas nicht stimmt. Bei uns können Kinder auch rechtliche Hilfe erhalten, wenn sie von Kinderrechtsverletzungen betroffen sind.
Für ältere Kinder und Jugendliche gibt es Weiter- und Ausbildungsstellen: Sie können sich in Tiermedizin ausbilden lassen, um für Landwirte zu arbeiten, oder um selbst Vieh zu züchten und so ein Einkommen zu sichern. Es gibt auch die Möglichkeit, Gemeindegesundheitshelfer zu werden. Denn viele Gemeinden haben grundlegende Hospitäler, Hygienestrukturen und sanitäre Einrichtungen aufgebaut. Diese Arbeit ist gefragt.
Eine weitere Option ist, dass die Jugendlichen die Wartung der neu ausgebauten Bewässerungsanlagen, der Bohrlöcher und der Solarsysteme übernehmen, die die Bewässerungssysteme mit Strom versorgen. In jedem dieser Fälle geht es darum, dass die Jugendlichen ihr Einkommen auf eine angemessene und für Minderjährige unschädliche Weise verdienen können, während sie selbst Berufserfahrung sammeln.
»Meine Überzeugung ist, dass wir eines Tages auch aus dieser Krise herauskommen werden. «
Wie erleben Sie im Projekt die Kinder und Jugendlichen selbst? Was sind ihre Hoffnungen?
Es gibt tatsächlich viele junge Menschen, die sagen, dass sie etwas tun müssen, dass wir so wie bisher nicht einfach weitermachen können. Das politische Bewusstsein wächst, die Jugend informiert sich. Weil sie nun versuchen, für ihre Rechte einzustehen. Das ist sicherlich eine der positivsten Entwicklungen, die ich im Moment sehe.
Was motiviert Sie persönlich, was gibt Ihnen Hoffnung?
Ich denke, jede Krise birgt Hoffnung. Meine Überzeugung ist, dass wir eines Tages auch aus dieser Krise herauskommen werden. Tatsächlich sieht man, wenn man zum Beispiel die Situation im Jahr 2011 mit heute vergleicht: Manches ist besser geworden. Obwohl es Dürren gab und gibt. Die Gewalt ist eher zurückgegangen: Al-Shabaab ist zwar immer noch da, aber nicht mehr in dem Ausmaß, wie sie es waren. Auf lange Sicht erkennt man, dass sich Dinge nach und nach schon auch verbessern können.
Interview: Stephan Pohlmann
17.06.2026