Imran wurde in Herat geboren und wuchs mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder auf. Sein Vater war Offizier der afghanischen Armee. Imrans Schulweg war gefährlich, denn es kam oft zu Angriffen auf Schulen: Sprengsätze, Schüsse, Reizgas, vergiftetes Essen. Einmal, Imran war elf, erlebte er nach Schulschluss ein Selbstmordattentat vor einer Moschee: »Überall waren Körperteile. Ein Mann und sein Kind verbrannten im Auto – ich habe sie schreien gehört.«
Auch sein Vater wurde zur Zielscheibe der Taliban. Bei einem Einsatz wurde der Militärkonvoi angegriffen: »Einige seiner Kollegen wurden getötet. Mein Vater wurde am Bein getroffen. Seitdem kann er nicht mehr richtig laufen.«
In der Nachbarschaft wurde Imrans Vater zunehmend unter Druck gesetzt: Einige Nachbarn forderten Waffen – der Vater wusste, dass sie mit den Taliban sympathisierten. Als er sich weigerte, drohten sie damit, ihn den Taliban auszuliefern. Je mehr Gebiete die Taliban eroberten, desto größer wurde die Angst vor Vergeltung – viele der Nachbarn schlossen sich selbst den Taliban an.
Mit dem Fall der Regierung im August 2021 verschärfte sich die Lage dramatisch. Als die Taliban in Herat einmarschierten, wollte sein Vater kämpfen, aber seine Mutter hielt ihn zurück. »Wir waren in Panik. Wir wussten nicht was passiert. Wir hatten Angst zu sterben«. Der Vater verbrannte seine Unterlagen. Zwei Tage später begannen die Taliban, Häuser nach ehemaligen Soldaten und Oppositionellen zu durchsuchen. »Wir wussten, wir müssen sofort weg.«
Sie flohen nach Iran. Die Lage für afghanische Geflüchtete dort war katastrophal – Armut, Ausbeutung und Abschiebungen. Für Imran wäre eine Abschiebung lebensgefährlich gewesen: »Die Feinde meines Vaters hätten mich den Taliban ausgeliefert. Die hätten mich inhaftiert und gefoltert. Sie hätten mich missbraucht und versklavt.«
Der 16-jährige versuchte allein weiter zu fliehen. Die Familie verkaufte dafür ein geerbtes Haus und beauftragte einen Schleuser. »Beim Abschied haben alle geweint. Sogar mein Vater. Wir wussten nicht, ob wir uns jemals wieder sehen würden.«
Der Weg in die Türkei führte tagelang zu Fuß über Berge, unter der ständigen Bedrohung durch Schleuser. »Wer sich weigerte weiterzugehen, wurde geschlagen. Auch Frauen und Kinder. Junge Mädchen wurden manchmal von den Schleusern vergewaltigt.« Zehnmal wurde Imran festgenommen, zusammengeschlagen und zurück in den Iran abgeschoben. Schließlich schaffte er es nach Istanbul. Dort lebte er drei Monate teilweise obdachlos und in großer Unsicherheit. »Wenn dich die Polizei erwischt, wirst du nach Afghanistan abgeschoben.«
Aus dem Iran organisierte sein Vater die Weiterflucht nach Griechenland, verkaufte den Goldschmuck der Mutter. Der Schleuser gab ihm ein kleines Boot. »Ich sah Leichen im Wasser treiben. Ich dachte auch wir würden ertrinken.« Von Griechenland gelangte er über Nordmazedonien nach Serbien – doch dort erwischten ihn Grenzpolizisten und nahmen ihm sein letztes Geld. »Dann traten sie mich und sagten, wenn ich nicht verschwinde, würden sie mich erschießen.«
Auch der zweite Versuch der Einreise nach Serbien endete in einem Pushback – serbische Polizisten schlugen ihn zehn Minuten lang und sprühten Pfefferspray in seine Augen. »Ich konnte nichts sehen, doch sie schlugen weiter.« Beim dritten Mal traten sie ihn blutig und hetzten Hunde auf ihn los. »Sie haben nicht wie Menschen gehandelt. Ich habe sie angefleht, doch ihnen war egal, dass ich noch ein Kind war.«
Endlich gelang ihm die Grenzüberquerung, über Ungarn gelangte er, in einen Transporter eingepfercht, bis nach Österreich und schließlich weiter nach Deutschland. Dort wurde er mit 16 Jahren in eine Clearingstelle eingewiesen. Die Altersfeststellung verzögerte sich über Monate: »Sie sagten einfach, dass ich über 18 sei.«
Er wurde in ein Lager verlegt, teilte das Zimmer mit drei Erwachsenen. Erst mit rechtlicher Unterstützung gelang es ihm, eine neue Altersprüfung einzuleiten. Diese bestätigte schließlich seine Minderjährigkeit. Endlich erhielt er Zugang zu Bildung. »Zum ersten Mal hatte ich ein kleines bisschen Hoffnung. Aber ich frage mich bis heute: Warum hat man mir über ein Jahr lang die Chance auf Lernen genommen?«
Die Situation der Familie im Iran ist ausweglos: Ihre Visa sind abgelaufen und ihr Mietvertrag bald auch. Der Vater arbeitet als Tagelöhner auf dem Bau. Eine Flucht ist zu teuer und zu gefährlich. »Jeder Tag ist bestimmt von der Angst vor einer Abschiebung. Sie würden meinen Vater töten. Und meine Mutter und mein kleiner Bruder wären den Taliban schutzlos ausgeliefert.«
Er denkt viel über seine traumatische Flucht nach – und über die unzähligen Menschen, die die Flucht nicht überleben: »Ihre Leichen werden irgendwo an den Grenzen gefunden, manche verschwinden einfach.«