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»Die Pandemie wird die Ungleichheiten verstärken«

Die Corona-Pandemie hat massive Auswirkungen auf die Arbeit von terre des hommes und wird diese in vielen Projektländern noch lange Zeit begleiten. Thomas Mortensen leitet das terre des hommes-Büro für Lateinamerika in Bogotá/Kolumbien. Wir haben ihn gefragt, welche Risiken, aber auch welche Chance er für die Zukunft sieht.

Welche langfristigen Folgen hat die Corona-Pandemie in den terre des hommes-Projektländern?

Leider wird die Pandemie die Ungleichheiten in den Ländern, in denen wir arbeiten, verstärken. Und das betrifft Kinder und Jugendliche in vielerlei Hinsicht. Wir gehen davon aus, dass viele Arbeitsplätze verloren gehen, viele Menschen tiefer in die Armut abrutschen und Kinder die Schule abbrechen werden und dass häusliche Gewalt zunehmen wird.

Wie kann terre des hommes darauf reagieren?

In dieser schwierigen Lage müssen wir sehr sensibel auf die besonderen Bedürfnisse der von uns unterstützten Familien eingehen. Alles, was wir tun, wirkt sich direkt auf ihre Situation aus. Wir können nicht stur unseren Projektplänen folgen, sondern müssen sie gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen an die Nöte anpassen, unter denen die Menschen als Folge der Pandemie leiden. Es wird darum gehen, Hunger und Armut zu bekämpfen.

Müssen Hilfsorganisationen einspringen, wenn der Staat bankrott ist und die Wirtschaft am Boden liegt?

terre des hommes und seine Partnerorganisation sehen die Risiken, wenn wir die Rolle übernehmen, die eigentlich staatliche Institutionen ausfüllen müssen. Wir versuchen immer zu vermeiden, dass hier Abhängigkeiten entstehen, denn es ist als Nichtregierungsorganisation nicht unserer Aufgabe und übersteigt unsere Möglichkeiten, sozialstaatliche Leistungen zu erbringen.

Wie hat sich die Pandemie bisher auf die Umsetzung der Projekte ausgewirkt?

Wir haben schnell gemerkt, dass wir viele Projektaktivitäten auch online durchführen können. Wenn wir künftig Projekte konzipieren, müssen wir von der Idee abrücken, dass immer die physische Anwesenheit der Jugendlichen und Kinder erforderlich ist. Das führt dann jedoch mit sich, dass wir im Projektbudget Online-Zugänge oder Geräte vorsehen müssen. Immerhin sind Jugendliche und Kinder im Allgemeinen technisch sehr versiert, so dass es zumindest von daher kein Problem ist.

Und welche Auswirkungen sehen Sie auf strategischer Ebene?

Es ist noch sehr früh für eindeutige Schlussfolgerungen, aber Gesellschaften mit transparenten, demokratischen Regierungen haben die Pandemie viel besser bewältigt. Sie haben angemessene Präventivmaßnahmen durchgeführt, während autoritärer regierte Staaten entweder repressive Maßnahmen ergreifen oder wie in Brasilien das Virus einfach ignorieren.

In jedem Fall hat die Pandemie einmal mehr gezeigt, dass unsere Gesellschaften nicht nachhaltig sind und sehr anfällig für externe Faktoren. Wenn wir über alternative Entwicklungsmodelle nachdenken, müssen wir das Ziel haben, nachhaltigere und widerstandsfähigere Gesellschaften aufzubauen.

 

27.08.2020

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