Sie sind hier:

Corona in Peru: Selbsthilfe, wo der Staat versagt

Peru ist ein Land in Trauer: Jeden Tag sterben rund 200 Menschen am Corona-Virus. Die Zahl der Todesfälle dürfte bald 30.000 überschreiten. Fast jeder zweite kennt persönlich jemanden, der an COVID-19 gestorben ist. Rund zwei Prozent der Bevölkerung sind positiv getestet, obwohl das Land früh einen strengen Lockdown verhängt hatte. Insbesondere trifft es die Armen, die in den Städten auf engstem Raum wohnen.

Wie konnte das passieren? Eine der Hauptursachen: Das Gesundheitssystem ist unterfinanziert, bürokratisch und korrupt. Viele Menschen sind gestorben, weil sie nicht rechtzeitig Sauerstoff bekamen. Mittlerweile hat sich ein regelrechter Schwarzmarkt gebildet – für das Auffüllen einer Sauerstoffflasche werden horrende Preise verlangt. Aber auch Gemeinden, Kirchen und Betriebe werden aktiv und sammeln Geld, um in ihrer Ortschaft eine Sauerstoffanlage errichten zu können. Der peruanische Gemeindeverband hat eine Luft-Trennanlage, die Sauerstoff produziert, auf einen Lastwagen montiert und verteilt in den armen Vororten von Lima jetzt kostenlos das medizinische Gas.

»Es kamen viele Verwandte aus den Städten und alle wollten essen«

Die Wirtschaft ist durch den Lockdown schwer geschädigt: Millionen Arbeitsplätze sind verloren gegangen. Aber am härtesten trifft es die vielen Menschen, die auch schon vor der Corona-Krise keine geregelte Anstellung hatten: Etwa siebzig Prozent der arbeitsfähigen Peruaner sind »Solo-Selbständige«. Sie leben von der Hand in den Mund und können es sich nicht leisten, die Quarantäne-Regeln einzuhalten – über 50.000 Menschen wurden deshalb bereits verhaftet.

Weil sie in den Städten kaum mehr Möglichkeiten haben, Geld zu verdienen, kehren viele Menschen zurück in ihre Heimatdörfer und leben zunächst bei Verwandten. Hier werden die Vorräte knapp: »Wir hatten eigentlich genug Kartoffeln gelagert«, sagt der elfjährige Jhonatan Ccallocunto Núñez aus einem Dorf bei Ayacucho. »Aber es kamen viele Verwandte aus den Städten und alle wollten essen.«

Jhonatan und seine Angehörigen haben Glück: In seinem Dorf arbeitet die terre des hommes-Partnerorganisation ABA. Sie hat von den Spendengeldern aus Deutschland nicht nur Lebensmittel, sondern auch Ackerwerkzeuge und Saatgut gekauft und verteilt. Denn die Kleinbauern und ihre Verwandten sollen so schnell wie möglich von Nahrungsmittelhilfe unabhängig sein. »Wir waren sehr froh über das Saatgut«, sagt Jhonatan. »Besonders die Frühkartoffeln sind für uns wichtig, denn wir können sie schon im Oktober ernten, wenn es sonst nicht viel zu essen gibt.«

Lebensmittel, Saatgut und Ackerwerkzeug

Um die Folgen der Corona-Krise abzufedern, sind terre des hommes und seine peruanischen Partnerorganisationen vor allem in drei Bereichen aktiv: Sie kümmern sich darum, die Ernährung der armen Bevölkerung sicherzustellen, sorgen angesichts geschlossener Schulen für interkulturelle Bildung und fördern traditionelles medizinische Wissen.

In städtischen Armenvierteln und in verschiedenen Dörfern wurden Lebensmittelpakete verteilt, um die größte Not zu lindern, aber auch Ackerwerkzeug und Saatgut für Kartoffeln, Mais, Quinoa und Bohnen. In Internet-Tutorials wurde den städtischen Familien erklärt, wie man zuhause Gemüse anbaut.

»Jetzt werde ich lernen, wie man sät und gesund isst«, bedankt sich die siebenjährige Valeska aus El Salvador, einem Armenviertel in Lima. Und auch ihr Nachbar, der achtjährige Hector, freut sich: »Es macht viel Spaß. Ich säe zusammen mit meinem Vater und meiner kleinen Schwester. Es ist einfach und überhaupt nicht langweilig. Neulich habe ich Erbsen gegessen, die ich selbst gepflanzt habe. Ich bin jetzt ein Bauer.«

»Wer viel weiß unterrichtet die, die weniger wissen«

terre des hommes sorgt sich aber nicht nur um die Ernährung, sondern auch um die Bildung der Kinder. Denn niemand weiß, wann sie wieder in die Schule dürfen. Dabei wird vor allem auf interkulturelle Bildung gesetzt, die das indigene Wissen und die Alltagserfahrungen der Kinder und ihrer Familien wertschätzt. Unter dem Motto »Wer viel weiß unterrichtet die, die weniger wissen« werden die Kenntnisse der Gemeinschaft geteilt und an die Kinder weitergegeben.

Häufig geht es dabei um traditionelles Wissen über Pflanzen, Tiere, Wetter oder auch Heilkräuter. Denn viele alte Menschen kennen noch die medizinische Wirkung jeder Pflanze, die in ihrer Umgebung wächst. Sie ziehen Heilkräuter in ihren Gärten und wissen, wie man daraus Hausmittel für die Gesundheit herstellt. Dieses Wissen an die kommende Generation weiterzugeben ist angesichts der aktuellen Gesundheitskrise besonders wertvoll. »Die Frühkartoffel pflanzen wir, damit uns kein Essen fehlt«, weiß die 18-jährige Fenandina Ccallocunto aus einem Dorf bei Ayacucho. »Die Heilkräuter brauchen wir, um gesund zu werden.«

Unterstützen Sie unsere Corona-Nothilfe mit einer Spende

 

17.09.2020

Zum Seitenanfang

Bleiben Sie doch noch einen Moment –
und abonnieren Sie unseren Newsletter!

Jetzt anmelden!

Bleiben Sie informiert.
Abonnieren Sie unseren Newsletter!

Jetzt anmelden!