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»Wir machen uns Sorgen um viele unserer Klienten«

Janina Meyeringh ist Psychologin bei der Organisation Xenion in Berlin. Xenion kümmert sich um geflüchtete Kinder und Jugendliche und ist seit vielen Jahren Partnerorganisation von terre des hommes. Im Interview mit Tobias Klaus spricht Janina Meyeringh darüber, welche Folgen die Corona-Pandemie für die Kinder und Jugendlichen im Projekt hat.

Als Psychologin bei Xenion arbeitest Du direkt mit Kindern und Jugendlichen. Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf sie aus? Habt Ihr gerade viel zu tun?

Wir sehen leider eine deutliche Zunahme an psychischen Krisen, suizidalen Gedanken und depressiven Symptomen. Auch brechen Traumata und ungünstige Gedankenschleifen in Folge der Isolation wieder auf: Hilflosigkeit, Kontrollverlust und vor allem der Strukturverlust werden neu erlebt. Gerade für traumatisierte Kinder und Jugendliche sind feste Tagesstrukturen, soziale Kontakte und Freizeitaktivitäten essentiell. Bei vielen brechen Schule, der Kontakt zur Peer-Group und wichtige soziale Unterstützungsformen weg. Sie gaben vorher dringend notwendigen Halt und Struktur. In Familien sind meist mehrere Familienmitglieder belastet, leben auf engsten Raum ohne viel zu tun. Die Möglichkeiten, sich abzulenken, sind eingeschränkt sind, daher ist es schwer, kurzfristig Krisen zu bewältigen. Wir machen uns Sorgen um viele unserer Klienten.

Viele geflüchtete Kinder leben mit ihrer Familie in Gemeinschaftsunterkünften auf engstem Raum. Geht home schooling dort überhaupt?

Die Bedingungen, unter denen viele Familien in Gemeinschaftsunterkünften leben, waren schon vor der Pandemie oftmals nicht kindgerecht. Diese Situation hat sich weiter verschärft. Kinder haben keine Rückzugsmöglichkeiten, es gibt kaum kindgerechte Spiel- und Lernorte, dazu kommen massive Belastungen einzelner Bewohner. Das alles ist äußert problematisch. Nicht umsonst ist für viele Kinder aus Gemeinschaftsunterkünften die Schule DER Ort, an dem sie sich sicher fühlen und Kind sein können. Dies fällt weg und zusätzlich fürchten viele, abgehängt zu werden, da die Teilhabe an digitaler Bildung schwer ist. Es fehlen vielerorts immer noch die notwendigen Endgeräte oder flächendeckendes WLAN. So erzählt ein Junge, wie er verzweifelt versucht, irgendwie am Unterricht teilzunehmen. Aber nur im Flur vor dem Büro gäbe es guten Empfang, dort hockten aber schon alle auf dem Boden mit ihrem Handy und versuchten, ihre Aufgaben zu erledigen. Es sei laut und er könne sich schwer konzentrieren. Hinzu käme, dass seine Geschwister und Eltern das Handy ebenfalls bräuchten, um an ihrem Unterricht und ihren Sprachkursen teilzunehmen und ihm kaum jemand helfen könne. Also nein, home schooling funktioniert vielerorts nicht, wie auch?!

Denkst du, dass die Politik genug für die Familien tut? Was könnte verbessert werden?

Ich denke, dass alle an ihren Grenzen sind und wir uns in einer schwierigen Situation befinden. Aber das Kindeswohl muss stets an erster Stelle stehen. Gerade benachteiligte Kinder sind besonders auf Hilfe und Unterstützung angewiesen. Denn Kinder befinden sich in stetiger Entwicklung, sie haben wichtige Entwicklungsaufgaben zu bewältigen. Verzögerungen, psychische Überforderungen und Erkrankungen haben gravierende langfristige Folgen für ihre weitere Persönlichkeitsentwicklung und ihre schulische und soziale Integration. Darum denke ich, dass Politik und Schule noch mehr tun müssen. Beispielsweise müssen besonders belastete Kinder und Jugendliche, die in prekären Lebensbedingungen leben, Zugang zur Notbetreuung bekommen. Es muss sichergestellt werden, dass der Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen erhalten bleibt und evtl. Kindeswohlgefährdungen rechtzeitig erkannt werden können. Die psychosoziale Versorgung muss dringender denn je ausgebaut und der Zugang dazu erleichtert werden. Vor allem müssen in den Unterkünften kindgerechte Lern- und Lebensbedingungen geschaffen werden. ALLE Kinder müssen an der digitalen Bildung teilhaben können!

28.1.21

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