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Die kleinsten Gewerkschafter der Welt

Die Kinder Boliviens brechen mit der Moral der Erwachsenenwelt. Sie wollen nach ihren eigenen Regeln spielen und nach ihren eigenen Regeln arbeiten. von Elisabeth Weydt

Auf dem Friedhof in der Silberminenstadt Potosí läuft Cristina zwischen einer Allee betender Blinder zur Eingangstür. Für 50 Cent schicken die gute Wünsche ins Jenseits. Sie selbst hat gerade für eine Kundin ein Grab gepflegt: vertrocknete Blumen gezupft, die Inschrift poliert. Jetzt wischt sie sich mit dem Handrücken die pechschwarzen, langen Haare aus dem Gesicht und setzt sich zu ihrer Freundin und Kollegin Jovana auf die Bank. Von neuem bietet sie ihre Dienste an: »Grab sauber machen, Blumen pflegen, Blumen gießen.« Gebetsmühlenartig wirft sie den Spruch den hereinkommenden Friedhofsbesuchern entgegen. Hin und wieder blitzt eine kleine Lücke in ihrem sonst ebenmäßigen, indianisch anmutenden Gesicht auf. Cristina fehlt der rechte Schneidezahn.

Knapp eine Million arbeitende Kinder in Bolivien

Sieben Bolivianos, knapp 70 Cent, kostet diese Rundumgrabpflege. Am Ende von guten Tagen hat Cristina knapp fünf Euro verdient. Aber heute wird kein guter Tag. Das gerade war ihre erste Kundin und es ist schon fast Mittag. Gleich muss sie in die Schule. Cristina ist gerade mal 15 Jahre alt, kann aber schon auf viele Jahre Arbeitserfahrung zurückblicken. Sie ist eine von knapp einer Million Kinderarbeitern in Bolivien. »Wir arbeiten, weil wir müssen«, erzählt sie auf dem Weg ins Gymnasium. »Manche haben keine Eltern mehr, andere brauchen das Geld für die Schule, weil sie aus armen Familien kommen.« Ein Drittel aller Bolivianer lebt von zwei Dollar am Tag, da ist der Verdienst der Kinder oft überlebenswichtiges Zubrot für die Familien.

Cristina gibt ihr Geld für Schule, Miete und Lebensmittel aus. Vor ein paar Jahren starb ihre Mutter. Jetzt arbeiten sie und ihre ältere Schwester für sich und den kleinen Bruder. »Unser Vater unterstützt uns kaum, er hat eine neue Frau.« Cristina zieht die Schultern hoch. Das tut weh, aber sie ist stolz auf ihr selbst verdientes Geld, arbeitet vormittags und am Wochenende, nachmittags geht sie in die Schule. Lehrerin möchte sie später einmal werden, oder Ingenieurin.

Viele Kinder sind in der Gewerkschaft organisiert

In Bolivien geht es vielen Kindern und Jugendlichen wie ihr: 30 Prozent arbeiten. Doch viele werden ausgenutzt und hintergangen. Denn wer illegal oder schwach ist, der hat auch keine Rechte. Und damit sich das ändert, geht Cristina jeden Samstagabend zur Versammlung der Kindergewerkschaft. Die Union der Kinder- und Jugendarbeiter Boliviens, UNATSBO, hat in allen größeren Städten eine Regionalgruppe. Die Gruppe in Potosí heißt CONATSOP und ist die erste und stärkste Kindergewerkschaft Boliviens. Eine Handvoll Minenkinder gründete sie schon 1992. Mittlerweile vertritt die CONATSOP circa 850 der gut 6.000 Kinderarbeiter von Potosí: kleine Schuhputzer, Marktverkäuferinnen, Mechaniker, Minenarbeiter und eben Friedhofsgärtner.

Die Kindergewerkschaft kämpft für ein Kinderrecht auf Arbeit, für schulkompatible Arbeitszeiten, faire Arbeitsbedingungen und eine Krankenversicherung. Auf nationaler Ebene haben die kleinen Gewerkschaftler schon viel erreicht: Als die Verfassung 2009 unter Evo Morales an verschiedenen Punkten geändert wurde, strich Bolivien als erstes Land der Welt das Verbot von Kinderarbeit. Stattdessen heißt es nun »Ausbeutung von Kindern ist verboten«.

Guillermo, der oberste Kindergewerkschafter Boliviens, ist 17 und arbeitet seit zehn Jahren in verschiedenen Jobs. Schmächtig ist er und wirkt auf den ersten Blick nicht gerade wie eine Führungspersönlichkeit. Seine gegelten Haare und das Schweißarmband mit dem Totenkopf scheint er zu tragen, um sich selbst ein wenig Mut zu machen. In seinen Vorstellungen aber ist er klar und fordernd: »Einige Kinderarbeiter schämen sich dafür, dass sie arbeiten. Aber das ist die Schuld der Gesellschaft. Denn die diskriminiert die Kinderarbeiter und denkt, sie hätten einen schlechten Charakter, würden klauen und trinken. Aber das stimmt nicht. Wir brauchen würdige Arbeit.«

terre des hommes unterstützt die Kindergewerkschafter

Mit Hilfe eines Anwalts arbeiteten sie einen Gesetzentwurf aus, der Kinderarbeit erlauben und Ausbeutung verhindern soll. Als die Regierung über das neue Arbeitsgesetz Boliviens entschied, redeten die Kinder mit. Die Kindergewerkschafter werden von verschiedenen Nichtregierungsorganisationen unterstützt: mit Geld, Ratschlägen oder Kontakten. terre des hommes finanziert beispielsweise die Stelle von Luz Rivera. Die mollige, kleine Frau arbeitet seit zehn Jahren mit den Kindergewerkschaftern von Potosí. Sie ist für sie Ersatzmutter, Nachhilfelehrerin und Ansporn in einem und hält nichts von fürsorglichen Wohlfahrtsprojekten. Stattdessen will sie, dass man den Kindern die Möglichkeit gibt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Würdige Arbeitsbedingungen für Kinder zu schaffen statt Kinderarbeit abzuschaffen, das kratzt an der Moral vieler Erwachsener. Doch die kleinen Gewerkschafter wollen sie alle überzeugen.

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