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Myanmar: Ein Land auf Messers Schneide

Im Februar hat sich in Myanmar das Militär an die Macht geputscht. terre des hommes-Südostasien-Experte Jan-Hinnerk Voss im Interview mit Tobias Klaus über die Situation im Land.

Wie war die politische Situation in Myanmar bis zum Putsch?

In Myanmar tobt der am längsten andauernde Bürgerkrieg der Welt. Es gibt sehr viele ethnische Gruppen, die teils die Zentralregierung, sich aber auch gegenseitig bekämpfen. Vor allem geht es dabei um den Zugang zu den reichen Ressourcen des Landes. Mit den einzelnen Gruppen wurden jeweils Friedensabkommen unterzeichnet. Doch Berichten zufolge scheint das Militär schon seit längerem die Abkommen zu missachten. In den letzten zwei Jahren wurde die militärische Infrastruktur ausgebaut und auch wieder Dörfer angegriffen.

Welche Folgen hat der Putsch für das Land und die Menschen?

Wir alle haben die Bilder aus Yangon gesehen. Das Militär hat seine Maske fallen lassen und reagiert auf die Demonstrationen nur noch mit Gewalt. Was das langfristig für das Land heißt, darüber kann man momentan nur spekulieren. Wir sehen die Fortführung oder gar Umsetzung von Friedensgesprächen in großer Gefahr. Die bewaffneten Konflikte im Land könnten zunehmen oder wieder aufflackern. Die schon hohe Zahl der Flüchtlinge, die als Binnenvertriebene in Lagern in Myanmar oder in Flüchtlingslagern auf der thailändischen Seite der Grenze Schutz suchen, wird vermutlich weiter zunehmen. Schätzungsweise bis zu 600.000 Menschen sind bislang vor dem Krieg geflohen. terre des hommes unterstützt die Familien in den Lagern und ihren Dörfern seit vielen Jahren.

Welche Gründe werden hinter dem Putsch vermutet?

Das Militär ist seit 1962 nahezu durchgängig an der Macht und hat seine Interessen immer mit brutaler Gewalt durchgesetzt. Die Wahlen von 2015 fachten zwar große Hoffnung auf Demokratisierung und Freiheit an. Aung San Suu Kyi war de facto Präsidentin, doch das Militär sicherte sich auch in der Regierungszeit sehr viel Macht. Als Suu Kyi 2020 mit ihrer NLD erneut die Wahlen gewann und ihre Mehrheit sogar ausbaute, schritt das Militär ein. Wahrscheinlich, um die NLD zu schwächen. Doch der Widerstand, der sich landesweit in der »Bewegung Ziviler Ungehorsam« formiert, scheint stärker als erwartet.

Wie geht es jetzt mit den Projekten von terre des hommes weiter?

Das Land befindet sich in völligem Stillstand, die Lage ist schwer berechenbar. Die meisten unserer Projekte müssen, wie das ganze Land, abwarten. Von Reisen ist derzeit dringend abzuraten und die Kommunikationskanäle werden immer wieder unterbrochen, daher können viele Aktivitäten derzeit nicht durchgeführt werden. Wir hoffen, dass sich die Lage bald stabilisiert und die Projekte ab April oder Mai wieder anlaufen können. Unsere oberste Priorität lautet: niemanden in Gefahr bringen, insbesondere Kinder und Jugendliche. Gleichzeitig ist terre des hommes in Netzwerken aktiv und setzt sich beim Auswärtigen Amt dafür ein, dass die Gewalt nicht weiter eskaliert. Wir werden alles dafür tun, unsere Partnerorganisationen auch in Zukunft unterstützen zu können.

 

11.03.2021

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