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Das Ende der Illusionen

Kindestötungen in Deutschland: terre des hommes legt neue Zahlen vor

Seit nunmehr sieben Jahren gibt es Babyklappen und Einrichtungen zur anonymen Geburt in Deutschland, um Kindestötungen zu verhindern. Doch die Zahlen gehen nicht zurück.

Im Jahr 2000 wurde in Hamburg die erste deutsche Babyklappe eröffnet. Dem Vorbild folgten bald weitere Initiativen in anderen Städten sowie die ersten Kliniken mit Angeboten zur medizinisch begleiteten anonymen Geburt. Der Entschluss zur Gründung solcher Einrichtungen war nicht etwa das Ergebnis einer plötzlichen und dramatischen Zunahme von Kindestötungen. Die These lautete vielmehr, mit der anonymen Abgabe von Kindern könnten Kindestötungen verhindert werden. Genauer gesagt: die Tötung eines Kindes in den ersten 24 Stunden nach der Geburt (Neonatitzid).

Zwar wusste im Grunde niemand, warum und unter welchen Umständen Kinder getötet oder hilflos ausgesetzt wurden, doch war bald zu hören, es handele sich um Mütter »in höchster Not«. Einzig durch die Möglichkeit, ihre Neugeborenen anonym abgeben zu können, seien diese Frauen von der Tötung ihres Nachwuchses abzuhalten. »Tod im Müllcontainer oder Rettung durch Anonymität«, diese Alternative schien die Frage nach weiteren Hilfsmöglichkeiten überflüssig zu machen. Inzwischen ist die anfängliche Euphorie verflogen.

Wer tötet Kinder?

Zwar gibt es aktuell noch immer etwa 80 Klappen und eine noch höhere Zahl von Kliniken für die anonyme Geburt. Doch die Zahl der Neonatizide und Lebendaussetzungen ist seit 1999 nicht zurückgegangen , auch nicht in Städten wie Hamburg, Berlin oder Köln, wo es gleich mehrere dieser Einrichtungen gibt.

Diese Fakten untermauern, worauf die psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe schon lange aufmerksam machen: Die Tötung eines Neugeborenen folgt einer anderen Psychodynamik als die geplante Aussetzung eines Kindes in der Klappe oder seine anonyme Geburt in einer Klinik. Mütter, die ihre Kinder unmittelbar nach der Geburt töten oder sterben lassen, befinden sich in der Regel in einem psychischen Ausnahmezustand, der es ihnen unmöglich macht, planend, ziel- und zweckgerichtet zu handeln. Diesen Müttern ist mit Babyklappen und Angeboten der anonymen Geburt nicht zu helfen.

Und umgekehrt gilt: Kinder, die anonym geboren oder in der Klappe abgelegt wurden, gehören nicht zu jenen, die an Leib und Leben bedroht waren. Es sind nicht verzweifelte, potentielle Totschlägerinnen, die das Angebot von Babyklappen nutzen, um ihre Schwangerschaft zu anonymisieren. Es handelt sich vielmehr um Menschen, die ihr Kind ansonsten regulär und mit Hinterlassung des Namens zur Adoption gegeben hätten. Doch Babyklappen und Einrichtungen zur anonymen Geburt ermöglichen diesem Personenkreis, sich der elterlichen Verantwortung auf einfachste Weise zu entziehen. Gründe dafür gibt es genug: Die Vertuschung eines Inzests, ein Seitensprung mit Folgen, die Abschiebung eines schwerbehinderten Kindes oder der Druck von Eltern, Angehörigen oder des Freundes auf eine ungewollt Schwangere.

Kein Erfolg

Zu einem Rückgang der Kindestötungen haben weder Babyklappen noch Kliniken zur anonymen Geburt geführt. Stattdessen nimmt die Zahl der anonym ausgesetzten Kinder zu. Auszugehen ist von 300 bis 500 Findelkindern, die von ihren Eltern namenlos in Babyklappen oder Krankenhäusern hinterlassen wurden. Zu diesem Ergebnis kommt die Expertin Christine Swientek in einer Untersuchung. Ihr Fazit: »Kein gerettetes, aber hunderte von Findelkindern ohne Herkunft, ohne Namen, ohne Wurzeln, ohne Stammbaum, ohne das Wissen um die Vorgänge seines Daseins und seines Verlassenwerdens...«

Für die Kinder bedeutet das: Sie werden nie erfahren, wer ihre leiblichen Eltern sind und warum sie verlassen wurden. Doch Antworten auf diese Fragen zu finden, ist für die Betroffenen von größter Bedeutung, wie terre des hommes aus der langjährigen Adoptionsarbeit weiß. Dass den betroffenen Müttern mit der anonymen Abgabe ihres Kindes tatsächlich geholfen wurde, muss bezweifelt werden. Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass Mütter, die ihre Kinder regulär zur Adoption gegeben haben, oft ein Leben lang unter dieser Entscheidung leiden und auf psychologische Betreuung angewiesen sind. Wie aber wird eine Mutter, die ihr Kind in einer Babyklappe anonym abgelegt hat, mit diesem Trauma fertig?

Unbequeme Wahrheiten

Konfrontiert mit diesen Befunden, verweisen die Befürworter gern darauf, ihr Engagement hätte sich gelohnt, wenn auch nur ein einziges Kind vor dem Tod bewahrt würde. Dass ihre Angebote selbst zur Gefahr für das Leben von Neugeborenen werden können und geworden sind, kommt ihnen dabei erst gar nicht in den Sinn. Zwei solcher erschreckenden Fälle hat die Wissenschaftlerin Swientek in ihrem neuen Buch (»Ausgesetzt, verklappt, anonymisiert. Deutschlands neue Findelkinder«) ausführlich dokumentiert: Im Park einer Großstadt wird ein totes Neugeborenes gefunden. Die Mutter hatte ohne professionelle Hilfe zu Hause entbunden, um, wie sie in einem anonymen Brief bekennt, das Kind nachher in eine Babyklappe zu bringen. Doch nach einem extrem langen und komplizierten Geburtsvorgang war sie erschöpft eingeschlafen. Als sie erwachte, war ihr Kind tot. Es war, wie die eingeschalteten Mediziner feststellen, an dem in hohen Dosen eingeatmeten Fruchtwasser erstickt.

Ähnlich ein zweiter Fall: Eine Frau plant die anonyme Geburt ihres dritten ungewollten Kindes im Krankenhaus der Nachbarstadt, wo sie niemand kennt. Als die Wehen einsetzen, weiß sie, dass sie den Weg dorthin nicht mehr schaffen wird. Sie entbindet allein in der Hoffnung, das Kind später in einer Babyklappe abgeben zu können. Auch sie muss nach der Geburt ausruhen; als sie wach wird, gibt das Kind kein Lebenszeichen mehr von sich. Sie versteckt den Leichnam in ihrer Kühltruhe, wo er später gefunden wird.

Für Babyklappen und Einrichtungen zur anonymen Geburt fehlen bisher jegliche Rechtsgrundlagen. Das anonyme Hinterlassen eines Kindes ist illegal. Vier Gesetzesentwürfe gab es seit 2001. Sie alle scheiterten, weil sie verfassungsrechtlich nicht nur mit dem Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft und auf Unterhalt und Erziehung durch die Eltern, sondern auch auf das des leiblichen Vaters, der die Einwilligung zur Adoption geben muss, nicht zu vereinbaren waren. Die gegenwärtigen Regierungsparteien haben in ihrem Koalitionsvertrag von 2005 festgelegt, die Erfahrungen mit diesen Einrichtungen auszuwerten, und – soweit notwendig – entsprechende gesetzliche Regelungen zu schaffen. Die angekündigte Auswertung lässt aber bisher auf sich warten.

Bestehende Angebote verbessern

Das Konzept von Babyklappen und anonymer Geburt darf als gescheitert angesehen werden. Damit stellt sich die Frage, wie wirklich geholfen werden kann. Offensichtlich müssen die bestehenden Instrumente der Sozialarbeit besser auf den Bedarf schwangerer Mädchen und Frauen an Schutz und Diskretion abgestimmt werden. Es gilt, die bestehenden Beratungs-, Hilfs- und Unterstützungsmöglichkeiten zu verbessern und sie in weitaus größerem Maße als bisher an jene Orte zu bringen, an denen die Familien, Frauen und Kinder leben, zu deren Hilfe sie gedacht sind. Zu fragen ist auch, ob die bestehenden Angebote für die Betroffenen bisher zu schwer zu erreichen, oder ihnen einfach nicht bekannt waren. Experten, wie die Mitarbeiterin des Landesjugendamtes Berlin, Ulrike Herpich-Behrens, plädieren für eine qualitative Verbesserung der Beratungsarbeit. »Mütter in Not- und Krisensituationen brauchen Beratung und Unterstützung, und sie brauchen Schutz vor unbedachten Entscheidungen. Was sie in einer solchen Situation gerade nicht brauchen, ist Anonymität«, so Herpich-Behrens.

Gefragt ist damit auch die Politik, die die notwendigen Mittel zur Verbesserung der Angebote bereitstellen muss. Getrost verzichten hingegen kann man auf Gesetzesinitiativen zur Legalisierung von Einrichtungen, die sich im Kampf gegen die Tötung und Aussetzung von Neugeborenen als unwirksam erwiesen haben.

Weitere Informationen:
Statistik über Tötung von Neugeborenen in Deutschland 1999-2010

 
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