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Das nachfolgende Positionspapier wurde von Frau Prof. Dr. med. Anke Rohde, Psychiaterin und Psychotherapeutin an der Universitätsklinikum Bonn, verfasst und im Mai 2002 auf einer terre des hommes-Pressekonferenz vorgestellt.


Kann die anonyme Geburt Leben retten?

Kritische Stellungnahme zu Babyklappe und anonymer Entbindung

Ein Beitrag von Prof. Dr. med. Anke Rohde

»Das ist ja auch besser, als wenn das Kind auf einer Müllkippe landet« - ein typischer Kommentar, wenn es um anonyme Geburt und Babyklappen geht. Schon in diesem Spruch zeigt sich eine Kernproblematik: Es wird nämlich angenommen, dass man mit der Legalisierung der anonymen Geburt und der ebenfalls anonymen Freigabe des Kindes zur Adoption die Aussetzung von Kindern oder sogar den schlimmsten Fall, nämlich die Tötung eines Kindes, verhindern kann. Allerdings ist das weder durch wissenschaftliche Erhebungen noch durch empirische Befunde belegt, da es nur begrenzte Erkenntnisse über die Hintergründe von Tötung oder Aussetzung von Kindern gibt.

Dagegen gibt es eine ganze Reihe von Aspekten, die gegen die Legalisierung der anonymen Geburt und die Einrichtung von Babyklappen sprechen:
Der Neonatizid, also die Tötung des neugeborenen Kindes direkt nach der Geburt, wird - soweit man aus bekanntgewordenen Fällen weiß, in denen auch eine psychische Untersuchung erfolgen konnte - von Frauen begangen, die unter einer erheblichen Persönlichkeitsproblematik leiden, wie etwa einer fehlenden Persönlichkeitsreife oder mangelnden Bewältigungsmechanismen. Wenn diese Frauen unerwünscht schwanger werden, sind sie nicht in der Lage, Hilfsangebote wie die Schwangerenkonfliktberatung oder eine Beratung mit dem Ziel einer späteren - nicht anonymen? Adoption anzunehmen. Verdrängungsmechanismen, sei es aus Angst oder Scham, führen dazu, dass sie von der Geburt »überrascht« werden. Im Sinne einer Stress- oder Panikreaktion kommt es dann möglicherweise zur Tötung des Neugeborenen oder zur Aussetzung nach der Geburt.

Angebote wie die anonyme Geburt oder Babyklappe werden diese Frauen nicht erreichen, da sie ja oft überhaupt »nicht wissen«, dass sie schwanger sind. Dagegen werden gerade Schwangere mit ausgeprägten psychosozialen Problemen dieses Angebot vermehrt nutzen, zum Beispiel wenn sie ihre Schwangerschaft erst so spät bemerkt haben, dass ein Abbruch nicht mehr ohne weiteres möglich ist. Vielleicht werden sie sogar durch die Umgebung dazu gedrängt, z.B. bei Schwangerschaften, die aus inzestuösen Beziehungen stammen, durch sexuellen Missbrauch entstanden sind oder bei nicht-legalem Aufenthalt der Frau.

Die aktive Entscheidung für eine Adoption ist ein sehr schwieriger und schmerzhafter Prozess, der aber für die Bewältigung wichtig ist. Frauen, die ihr Kind - vielleicht sogar nach einer nur kurzen Phase der Überlegung und Auseinandersetzung - anonym zur Adoption freigeben, können damit kurzfristig so tun, als sei das ganze »nicht passiert«. Darüber, wie sie langfristig damit fertig werden sollen, macht sich kaum jemand Gedanken - Hauptsache, man hat wieder ein Kinderleben gerettet. (Wäre es wirklich getötet worden?)

Zu wenig diskutiert wird auch, dass eventuell psychische Störungen der werdenden Mutter zu einer solchen Entscheidung führen könnten. Psychische Störungen in der Schwangerschaft - dazu gehören beispielsweise depressive Verstimmungen, Angst- und Zwangserkrankungen, Psychosen - können zu ausgeprägten Versagensängsten führen: »Ich werde keine gute Mutter sein.« In der Praxis treffen wir immer wieder Patientinnen, die auch bei geplanter Schwangerschaft, einem Wunschkind und sogar nach Kinderwunschbehandlung unter dem Eindruck neu aufgetretener Symptome darüber nachdenken, ob sie das Kind zur Adoption freigeben sollten. Was passiert, wenn eine Frau in einem psychischen Ausnahmezustand, der psychiatrisch gut behandelbar ist, das Kind anonym zurücklässt? Vielleicht reichen die acht Wochen Frist, die das geplante Gesetz vorsieht, nicht aus, um aktiv die Entscheidung rückgängig zu machen. Eine solche Frau hat nie mehr die Chance, ihr Kind wiederzufinden oder etwas darüber zu erfahren, wenn sie wieder gesund ist!

Adoptionsstudien belegen, dass Frauen, die ihr Kind zur Adoption freigegeben haben, oftmals ihr Leben lang unter erheblichen psychischen Problemen wie Depressionen und Schuldgefühlen leiden. Diese Studien zeigen außerdem, dass die genetische Abstammung für Kinder von großer Bedeutung ist - auch dann, wenn sie eine sehr gute Beziehung zu ihren Adoptiveltern haben.

Deshalb gehört ja auch heute ein offener Umgang mit dem Thema Herkunft bei der Erziehung adoptierter Kinder ganz selbstverständlich dazu. Kinder aus anonymen Geburten werden keine Chance haben, irgendetwas über ihre Abstammung zu erfahren, weshalb für die Betroffenen mit großen Problemen zu rechnen ist. Sie werden auch keine Möglichkeit haben, jemals mit ihrer leiblichen Mutter Kontakt aufzunehmen, wozu adoptierte Kinder das Recht haben. Es wird auch nicht helfen, wenn die Kindern nie erfahren, dass sie anonym abgegeben wurden - solche »Familiengeheimnisse« haben lange Nachwirkungen; Familientherapeuten müssten Sturm laufen.

In Frankreich, wo die anonyme Geburt seit 1941 möglich ist und wo etwa 400.000 Personen anonym geboren wurden, kämpfen Betroffene darum, dass die Gesetze geändert werden - allerdings in umgekehrter Richtung als bei uns.

Aus psychotherapeutischer Sicht kann die Legalisierung der anonymen Entbindung nur im extrem seltenen Einzelfall eine sinnvolle Hilfe für die Frau sein. In den meisten Fällen wird sie eher eine Katastrophe sein, da dadurch verhindert wird, dass bestehende Probleme angemessen gelöst und vorhandene Hilfsangebote angenommen werden können. Zu erwarten sind erhebliche psychische Folgeprobleme, die wahrscheinlich weit über das hinausgehen werden, was Mütter, die ihr Kind auf dem üblichen Weg zur Adoption freigeben, zu bewältigen haben. Aber wer wird diesen Müttern, die ihr Kind auf diese Weise zurückgelassen haben, bei der Bewältigung helfen können? Wie sollen sie mit diesem »Geheimnis« und den resultierenden extremen Schuldgefühlen umgehen? Wollen wir Selbsthilfegruppen gründen?

Um nicht falsch verstanden zu werden: Auch Mütter, die ihr Kind getötet oder ausgesetzt haben, kämpfen mit solchen Folgeproblemen. Dies sind etwa 20 bis 40 Frauen in Deutschland pro Jahr, wenn wir die wenigen zur Verfügung stehenden Zahlen berücksichtigen. In Zukunft werden es hunderte von Frauen mehr sein, wenn das Angebot der anonymen Entbindung zum »kundenfreundlichen« Angebot einer Frauenklinik gehört. Diese Tendenz zeichnet sich ja bereits jetzt - noch vor der Gesetzesänderung - beispielsweise in Hamburg ab, wo die Zahl anonym geborener Kinder und Kinder aus Babyklappen innerhalb eines Jahres bei weitem das übersteigt, was für viele vergangene Jahre vorher an ausgesetzten und toten Kindern registriert wurde (Deutsches Ärzteblatt 99:B21-22): Ergebnis einer gezielten Werbekampagne einer Organisation, die die Rettung von Müttern und Kindern auf ihre Fahnen geschrieben hat? Und die vielleicht sogar Interesse daran hat, Adoptionskinder zu »produzieren«? Sind es nur perverse Phantasien, wenn Kritiker vor der Gefahr des Babyhandels unter dem Mantel anonymer Geburten und Babyklappen warnen?

Aus der Sicht der Psychiaterin und Psychotherapeutin frage ich mich, warum so viel Energie und auch finanzielle Mittel nicht lieber in die weitere Verbesserung von Versorgungs- und Betreuungsangeboten für Frauen investiert werden. Und zwar Angebote, die nicht nur von Politikern und Kirchenvertretern, sondern auch von Fachleuten auf dem Gebiet für sinnvoll gehalten werden.

Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Kann die anonyme Geburt Leben retten? Ja, vielleicht im Einzelfall. Aber für eine Vielzahl betroffener Mütter, Kinder, vielleicht auch Väter und sonstige Familienangehöriger wird sie zur Bedrohung der psychischen Gesundheit werden und möglicherweise sogar Leben zerstören.

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