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»Nahrungsmittel müssen den Spekulanten entzogen werden«

Interview mit dem Finanz- und Börsenexperten Peter Wahl

Herr Wahl, wäre den Hungernden der Welt geholfen, wenn man den Finanzmarktspekulanten den Zugang zu den Lebensmittelmärkten generell verbieten würde?
Ja, das würde helfen. Vor allem, wenn man jenem Typus von Spekulanten den Zugang verbietet, der, wie die Deutsche Bank oder Goldman Sachs und andere, überhaupt nichts mit den physischen Märkten zu tun hat. Es gibt eine andere Kategorie von Spekulanten, die seit hundert Jahren an den Nahrungsmittelbörsen und Rohstoffmärkten aktiv sind – man nennt sie Commercial Traders –, die kennen die Märkte und betreiben so etwas wie Absicherungsgeschäfte, um Preisschwankungen auszugleichen. Das ist nützlich.

Es gibt also gute und schlechte Spekulation?
Von guter Spekulation zu reden, ist vielleicht etwas übertrieben. Versicherungen gegen Preisschwankungen könnte man auch auf andere Weise erreichen,  zum Beispiel durch Abnahmegarantien von staatlicher Seite oder durch kooperative Zusammenarbeit von Konsumenten und Produzenten wie etwa im Raiffeisen-Modell. Aber das ist derzeit schwer zu erreichen.

Sollte man bestimmte Güter für die Finanzmärkte komplett sperren?
Ja, das gilt für alle strategischen Rohstoffe, vorneweg das Erdöl, bei dem inzwischen auch gewaltig spekuliert wird. Und unter entwicklungspolitischen Aspekten gilt das genauso für Nahrungsmittel. Grundnahrungsmittel wie Reis, Sojabohnen und so weiter müssen dem Zugriff der Spekulanten entzogen werden.

Und wie macht man das?
Man kann zum Beispiel ein Handelsregister erstellen, bei dem jeder, der an den Börsen mit Derivaten von Rohstoffen handeln will, eine Zulassung braucht. So könnte man alle, die lediglich auf Kursschwankungen spekulieren, draußen halten.

Was müsste passieren, damit die Spekulanten die Preise nicht mehr in die Höhe treiben können?
Es gibt ja inzwischen ernsthafte Versuche, die Spekulation einzudämmen, sowohl in den USA als auch in Europa. Man versucht das mit sogenannten Positionslimits, das sind Mengenbeschränkungen für Händler. Sie dürfen auf diese Weise nur ein bestimmtes Volumen an Derivaten handeln. So will man verhindern, dass starke Marktpositionen für spekulative Zwecke missbraucht werden. Das ist ein Mittel, das eine gewisse Linderung bringen könnte. Aber es schließt institutionelle Investoren wie die Deutsche Bank nicht vom Markt aus, das ist die Schwäche des Modells.

Schlechte Aussichten also?
Na ja, es ist immerhin etwas in Bewegung gekommen. Die dramatisch gestiegenen und steigenden Nahrungsmittelpreise haben dazu geführt, dass bei einigen Regierungen ein Problembewusstsein entstanden ist. Sie wissen jetzt, dass man die Dinge nicht schleifen lassen darf.


Peter Wahl ist einer der Gründer von Attac Deutschland und Mitarbeiter der entwicklungspolitischen Nichtregierungsorganisation WEED (World Economy, Ecology & Development) in Berlin.

 

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