»Wir lassen uns nicht einschüchtern«, sagt Rosani Lagos. Regelmäßig demonstriert die Leiterin des Kindergartens »Nuestra Señora de La Victoria« gemeinsam mit knapp hundert Kita-Kindern und Erzieherinnen für Gewaltlosigkeit und Gerechtigkeit. Sie will den öffentlichen Raum nicht den Gangs überlassen, die sich im Stadtviertel La Victoria breitgemacht haben. »Es ist wichtig, den Mund aufzumachen und die Dinge beim Namen zu nennen«, sagt sie. Angst hat sie kaum: »Die Dealer kennen uns und respektieren uns. Viele haben ihre Kinder bei uns untergebracht.«
Wie in La Victoria grassieren in vielen Armenvierteln Santiagos Angst und Gewalt. Internationale kriminelle Kartelle wie das berüchtigte »Tren de Aragua«-Syndikat aus Venezuela gewinnen an Einfluss und machen mit Drogen- und Menschenhandel viel Geld. Das schmerzt Rosani – und sie kämpft dagegen an. Die von ihr geführte Kita gehört zum Red CEC*, einem Netzwerk aus 16 Bildungseinrichtungen, die in einem schwierigen Umfeld von Gewalt und Armut arbeiten: Kinder werden teils allein zuhause eingesperrt, weil die Mutter nachts arbeiten muss. Kinder werden geschlagen oder Zeuge, wie ihre Mutter geschlagen wird.
Das Red CEC* will diesen Kindern ein Gefühl von Sicherheit geben und sie stark machen. Mit Unterstützung von Terre des Hommes leisten die Erzieherinnen weit mehr als die vom Staat bezahlte Beaufsichtigung der Kinder, nämlich Stadtteilarbeit, Familienberatung, Friedenserziehung und Gewaltprävention. »Soziale Arbeit zu machen, braucht viel Kraft und Ausdauer«, sagt Rosani. »Aber wir kapitulieren nicht, wir machen weiter.«
*Netzwerk kommunaler Bildungszentren/Red de Centros de Educación Comunitaria
Interview mit Rosani Lagos und Valentina Campos, Leiterinnen des Kindergartens »Nuestra Señora de la Victoria«
Was unterscheidet einen Kindergarten des Red CEC von anderen Kindergärten?
Valentina: Wir sind nicht nur ein Kindergarten. Wir arbeiten mit den Familien, mit der ganzen Población. Wir wollen keine Insel sein. Andere Kindergärten bleiben in ihren Räumen, schon aus Gründen der Sicherheit. Aber wir wollen auf die Straße gehen. Wir arbeiten mit der gesamten Gemeinschaft und wollen uns vor den Problemen nicht verstecken.
Rosani: Die Leute glauben an uns und wir machen weiter. Wir verstecken uns nicht. Wir gehen raus mit den Kindern, demonstrieren für Frieden und Gewaltlosigkeit. Wir wollen sichtbar sein. Und ich glaube, das zeigt Wirkung. Wir sind hier sehr anerkannt.
Besucht ihr die Familien auch zuhause?
Rosani: Sehr oft. Wenn wir sehen, dass es einem Kind nicht gut geht, besuchen wir die Familie. Wir fragen, was los ist, wenn ein Kind nicht kommt. Wir helfen auch, wenn Familien etwas brauchen. Wir haben kein Geld, sie finanziell zu unterstützen. Aber wir können zur Stadtverwaltung gehen und ihnen helfen, staatliche Unterstützung zu bekommen.
Gibt es wegen der Gewaltprobleme eine ausländerfeindliche Stimmung?
Rosani: Es gibt Leute, die sagen, die Gewalt hat mit der Immigration zugenommen. Aber die meisten sagen: Die Migrant*innen sind genauso arm wie wir. Sie arbeiten genauso hart wie wir. Es gibt keinen Unterschied. Die meisten sind hier gut integriert. Aber ja, es gibt auch Migrant*innen, die unsere Offenheit ausnutzen. Narcos haben zum Beispiel Grundstücke gekauft und vermieten sehr kleine Häuschen für viel Geld an andere Migranten-Familien. Sie nutzen ihre Notlage aus.
Wie hilft den kommunalen Kindergärten die Vernetzung?
Rosani: Die Vernetzung ist ein großer Gewinn. Sie stärkt uns und unsere Arbeit. Aktuell bearbeiten wir die Themen Geschlechtergerechtigkeit, Umweltschutz und Friedenserziehung. Wir überlegen, wie wir sie am besten in unsere Erziehungsmethoden einbauen können. Zu jedem der drei Themen gibt es eine Kommission, in die jeder der zwölf Kindergärten des Red CEC eine Vertreterin entsendet. Wir lernen sehr viel voneinander.
Wir kann man beispielsweise Umweltschutz so kleinen Kindern beibringen?
Rosani: Wir gehen zum Beispiel an einen öffentlichen Platz und sammeln den Müll ein. Die Kinder sollen lernen, den öffentlichen Raum zu schützen und für die Erwachsenen ein Beispiel geben. Wir erzählen ihnen auch, dass andere Leute wenig Wasser haben, und dass man sparsam damit umgehen soll. Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen.
Was unternehmt ihr, wenn ein Kind erzählt, dass sein Papa seine Mama oft schlägt?
Rosani: Wir versuchen, das Kind etwas abzulenken, und forschen gleichzeitig nach, was in der Familie los ist. Wir können leider nicht sehr viel machen. Aber vielleicht besuchen wir die Familie und fragen nach: Hallo, wie geht´s? Euer Kind ist in letzter Zeit sehr nervös. Oder traurig. Woran könnte das liegen?
Ist manchmal auch nötig, der Kindesschutzbehörde Bescheid zu geben?
Valentina: Ja, wenn die Situation zuhause sehr schlimm ist, ist das manchmal nötig. Die Leute erschrecken sich dann. Sie denken, man wird ihnen das Kind wegnehmen. Manchmal gehen sie auf Distanz. Das ist dann sehr übel, wir wollen das vermeiden. Die Familien sollen wissen: Wir wollen sie nur unterstützen, nicht anklagen. Aber wir sind Erzieherinnen, keine Psycholog*innen. Wir können nicht für alles zuständig sein. Aber das wird oft erwartet.
Rosani: Es ist der Staat, der die Kinder schützen und auf schwierige Situationen reagieren muss. Wir müssen mit ihm zusammenarbeiten. Aber wenn die Familien ihre Kinder nicht mehr herschicken, ist das sehr traurig. Deshalb müssen wir sehr vorsichtig sein in solchen Fällen.
Das ist kompliziert…
Rosani: Ja, sehr. Es ist auch keine Lösung, wenn das Kind aus der Familie herausgenommen wird. Die Kinderheime sind auch nicht gut, oft schlimmer als die eigene Familie.
Was kann man tun?
In vielen Fällen können wir nur unseren eigenen Raum zu einem Ort des Friedens machen. Ein Ort, wo das Kind sich wohlfühlt. Wo es spielen und sich freuen kann. Die Kinder sind von 8:30 Uhr bis 16:30 Uhr hier. Das ist eine lange Zeit.
Gibt es Kinder, die nicht nach Hause wollen?
Valentina: Die Kleinen nicht, sie wollen zur Mama. Aber bei den größeren gibt es das durchaus. Manche Kinder werden von ihren Eltern schlecht behandelt. Oder sie bekommen ein Handy, damit sie nicht stören. Wir haben ein Kind, das mit seiner Mutter allein in einem Zimmer lebt, und die Mutter arbeitet im Schichtdienst. Wenn sie Nachtschicht hat, bleibt das Kind allein. Eingeschlossen.
Wie kann die Gewalt eingedämmt werden? Die Polizei hilft nicht?
Rosani: Nein, die Polizei hilft nicht. Ich glaube, es ist wichtig, den Mund aufzumachen, die Dinge beim Namen zu nennen. Letztes Jahr gab es hier in der Nähe eine Schießerei, bei der drei junge Menschen starben. Ein 13-jähriges Mädchen, das wir gut kannten, war auch dabei. Sie war in der Jugendarbeit aktiv. Aber wir lassen und nicht einschüchtern. Wir gehen weiter auf die Straße – mit den Kindern. Trotz aller Angst. Wir müssen sichtbar bleiben, man soll uns hören. Die Familien unterstützen uns. Wir werden sehr respektiert. Wir arbeiten nicht mit geschlossener Tür. Wir sind Teil dieser Gemeinschaft.